Max Holleins letzte … – Mit der Präsentation der frühen Werkgruppe der „Helden“ von Georg Baselitz im Frankfurter Städel setzt Max Hollein den endgültigen Schlusspunkt unter seine Tätigkeit in Frankfurt

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© Georg Baselitz 2016 Foto: Frank Oleski, Köln

Frankfurt am Main, Deutschland (Kulturexpresso). Fünfzig Jahre nach ihrer Entstehung präsentiert das Städel Museum vom 30. Juni bis 23. Oktober 2016 Georg Baselitz’ berühmte „Helden“-Bilder in einer umfassenden monografischen Sonderausstellung. Die kraftvolle Werkgruppe der „Helden“ und „Neuen Typen“ gilt weltweit als Schlüsselwerk der deutschen Kunst der 1960er-Jahre. Sie wird von Max Hollein nicht nur als Direktor verantwortet, sondern auch von ihm selbst kuratiert. Er war noch einmal aus San Franzisco zurück an den Main gekommen, um diese Ausstellung zusammen mit dem Künstler zu eröffnen.

Zu sehen sind 70 Gemälde und Arbeiten auf Papier. Ihren Anfang nahm die Werkgruppe der „Helden“ und „Neuen Typen“ während Baselitz‘ Stipendium an der Villa Romana in Florenz. Zurück in Westberlin arbeitete er das Thema weiter aus. Die deutsche Gesellschaft gibt sich zu dieser Zeit (1962 – 1965) noch keinen Selbstzweifeln hin, der Bruch durch die 68er-Jahre zeichnet sich noch nicht ab. Die in der zeitgenössischen Kunst dominierenden Ausdrucksformen (Gruppe Zero, Quadriga, Nay oder Pop-Art) befriedigen Baselitz nicht, stellen die scheinbar heile Welt der Bundesrepublik nicht ausreichend in Frage und verweisen zu wenig auf die Brüche der eigenen deutschen Vergangenheit. Wer sich noch an die heftigen Diskussionen um die Rolle der deutschen Wehrmacht anlässlich der entsprechenden Ausstellung vor wenigen Jahren erinnert, sieht, wie visionär und notwendig die Enttarnung der militärischen Heldengestalten, ihre Präsentation mit geschändeten Körpern und im zerschlissenen Kampfanzug schon damals war. Der Katalog zur Ausstellung zitiert entsprechend Texte zum Verfall des Heldentums im zu Ende gehenden 2. Weltkrieg.

Aber Baselitz beschränkt sich nicht auf die Enttarnung militärischen Heldentums, auch die ihrer selbst zu sicheren, ungebrochenen Künstler werden einbezogen. Er zeigt resignierte Maler, denen ihr latentes Scheitern ebenso eingeschrieben ist wie ihre ungewisse Zukunft. Die inhaltliche Brüchigkeit und Widersprüchlichkeit der „Helden“ findet ihr Äquivalent im Formalen. Die stets mittig frontal gegebene und klar konturierte Figur kontrastiert mit der Wildheit der Farbwahl und Heftigkeit der Malweise. Leihgaben aus bedeutenden internationalen Museums- und Privatsammlungen eröffnen dem Publikum einen umfassenden Blick auf diese Ikonen der deutschen Nachkriegskunst, die der damals erst 27-jährige Baselitz 1965/66 in explosionsartiger Produktivität entwickelte.

Nach ihrem Auftakt im Frankfurter Städel Museum (bis 23. Oktober 2016) wandert die groß angelegte Ausstellung weiter an das Moderna Museet Stockholm, in den Palazzo delle Esposizioni Rom und an das Guggenheim Museum Bilbao.

Wer nach dem Besuch dieser Ausstellung noch Lust auf ein Kontrastprogramm hat, dem empfiehlt sich die kleine Sonderausstellung „Fenster zum Himmel“ im gleichen Haus (bis 25. September). In der Ausstellung ist eine der eindrucksvollsten Kirchenausstattungen zu erleben, die sich aus dem späten 13. und frühen 14. Jahrhundert erhalten hat: Der frühgotische Altenberger Altar und seine reiche Bildausstattung. In der Schau werden das Hochaltarretabel mitsamt seinem Schreinkasten, der zentralen Muttergottesfigur und den Flügelbildern mit Passions- und Mariendarstellungen sowie das aus dem ehemaligen Prämonstratenserinnen-Kloster Altenberg an der Lahn stammende Ensemble kostbarster Ausstattungsstücke rund um den Altar wieder zusammengeführt. Es ist fast ein Wunder, dass der Altar den Wechsel der Stile auch in der Kirchenausstattung und die Säkularisation überlebt hat. Die modischen Umgestaltungen der Kirche überlebte er als wenig beachteter Nebenaltar, nach der Säkularisation wurde er aufgeteilt in Retabel, Flügeltafeln und zentrale Madonnenfigur. Die meisten Stücke gingen 1803 in den Besitz der Fürsten von Solms-Braunfels über. Zahlreiche Stücke befinden sich deshalb noch heute im Schlossmuseum Braunfels. Wegen der herausragenden Qualität der Altenberger Kirchenausstattung bestand allerdings schon im 19. Jahrhundert großes Interesse an den Objekten, und so gelangten viele der Kunstwerke in bedeutende Sammlungen weltweit – von hochkarätigen Privatsammlungen über die Sammlungen der Stadt Frankfurt, der Wartburg-Stiftung in Eisenach sowie des Bayerischen Nationalmuseums in München bis hin zur Eremitage in Sankt Petersburg und dem Metropolitan Museum of Art in New York. In der Präsentation im Städel Museum werden diese Objekte nun wiedervereint und in ihrem ursprünglichen Kontext als Gesamtkunstwerk zu erleben sein.

Als besonders faszinierend erweisen sich die in der Ausstellung gezeigten Altartücher: Die Überlieferung der zugehörigen Altardecken für ein Altarensemble dieser Zeit ist einmalig. Zeitgleich mit den Tafelbildern entstanden sie als gestickte Bilder von beeindruckender Größe und Qualität, die den Altartisch vor dem Retabel schmückten. Unvorstellbar feines Leinen, delikat bestickt mit figürlichen Motiven. Man kann sich kaum vorstellen, wie diese Stücke unter damaligen Bedingungen entstanden sind. Wie fein müssen die Nadeln gewesen sein, wie gut die Lichtverhältnisse!

In einer 3D-Visualiserung können die Ausstellungsbesucher über ein Bedienfeld das Zusammenwirken dieser verschiedenen Objekte des Altarraums von verschiedenen simulierten Standorten im Kirchenraum aus erleben. Eine Audiostation gibt zusätzlich Aufschluss darüber, wie Altarflügel und Hochaltar zu verschiedenen Festtagen im Kirchenjahr inszeniert wurden.

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