Melodien mit Hintersinn – Die Stiftung Bru Zane feiert den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach

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Flannan ObO und Raphael Bremard in "Die beiden Blinden". © Riccardo Pittaluga

Paris, Frankreich (Kulturexpresso). Samstags marschieren die „Gelbwesten“ wieder auf den Champs-Élysées. Als die Demonstration am Nachmittag vorbei ist, bleibt der Präsidentenpalast weiträumig abgesperrt. Vorbei an leeren Luxusgeschäften, durch autofreie Alleen läuft man zum kreisrunden Théâtre Marigny, seit 1894 Heimstatt der Operette. Vorgängerbau war das Theater des „Operettenkönigs“ und Impresarios Jacques Offenbach, das einst inmitten der Vergnügungsparks am Pariser Stadtrand lag.

„Das eigene Theater trug maßgeblich zu Offenbachs Erfolg bei“, sagt Alexandre Dratwicki, wissenschaftlicher Leiter der Stiftung Bru Zane, die sich die Erforschung und Verbreitung der französischen Musik des 19. Jahrhunderts auf die Fahnen geschrieben hat.

Die Anfänge der Operette kann man im Théâtre Marigny anhand von „Die beiden Blinden“ erleben – das erste Stück, das Offenbach 1855 für sein eigenes Theater schrieb. Es dauert gerade mal ein halbes Stündchen; beschränkt sich auf zwei Darsteller, Miniorchester und einfachste Requisiten.

„Das Stück gilt als Meilenstein der gerade erst entstehenden Operette“, sagt Alexandre Dratwicki von der Stiftung Bru Zane, die den Offenbachs Musik anlässlich seines anstehenden 200. Geburtstags derzeit in den Vordergrund schiebt: Im Théâtre Marigny veranstaltet Bru Zane eine Operettenserie, die bis Juni läuft. Außerdem bringt die Stiftung das Repertoire von Offenbach und Zeitgenossen nach Italien, Belgien, in die Schweiz und sogar Kanada.

„Offenbach war nicht der Einzige, der an der Operette arbeitete. Auf diesem Feld gab es eine rege Konkurrenz“, erzählt Alexandre Dratwicki. „Da das Publikum jede Woche neue Stücke einforderte, entstand ein unglaublich reichhaltiges Repertoire. Mit unseren Aufführungen wollen wir da einen Einblick bieten.“ Den Auftakt machte am 19. Januar ein Doppelpack der Komponisten Offenbach und Hervé.

Trotz seiner Kürze ist „Die beiden Blinden“ ein echter Offenbach: mit prickelnden Melodien, Witz und jeder Menge sozialkritischer Spitzen.

Es geht um zwei Bettler, die sich blind stellen. Sie sitzen auf einer Pariser Brücke und tricksen sich gegenseitig aus. Keiner gönnt dem anderen ein Almosen.

Das machen die beiden feurigen Darsteller Flannan Obé und Raphaël Brémard mit Bravour. Wie Clowns ausstaffiert, sitzen sie auf einem Podest. Sie singen und schimpfen mit ihren mit schnarrenden Bettlerstimmen, wobei sie auf quietschbunten Spielzeuginstrumenten musizieren. Die geistreiche Inszenierung stammt von Lola Kirchner, die das Klavier unter dem Podest versteckt.

Im Handumdrehen verwandeln sich die Darsteller sodann in den Künstler Fignolet und seinen Diener Séraphin aus Hervés Mini-Operette „Le Compositeur toqué“. Es handelt sich um eine Parodie auf den selbstverliebten, größenwahnsinnigen, eben „durchgeknallten“ Komponisten des Richard-Wagner-Zeitalters.

Fignolet präsentiert stolz seine neue Sinfonie, einen Reigen einfallsloser Klischees und Phrasen. Einziger Hörer ist sein stumpfsinniger Hausdiener Séraphin, der dazu mit dem Staubwedel tanzt oder den Takt mit einer Porree-Stange schlägt.

Auch hier gelingt Regisseurin Lola Kirchner ein kurzweiliges Stück, das den heutigen Zuschauer nicht nur entzückt, sondern zugleich Theaterpraxis zu Offenbachs Zeiten vergegenwärtigt.

Bru Zane widmet sich aber auch den Operettenkomponisten der zweiten Generation. „Offenbachs Nachfolger schufen größere, aufwändigere und weniger satirische Operetten. Sie strebten zur großen Oper“, erklärt Bru-Zane-Leiter Alexandre Dratwicki.

Ein Beispiel dafür ist „Les p’tites Michu“ von André Messager, uraufgeführt 1897. Bru Zane kooperiert hier mit der Angers-Nantes Opéra. Wir sahen die Aufführung im plüschigen Opernhaus von Reims, wohin der Schnellzug aus Paris in gerade mal 45 Minuten braust.

Die „kleinen Michu“ sind zwei Mädchen, eins adliger, eins niederer Herkunft. Als Babys wurden sie beim Baden verwechselt; sie wachsen wie Zwillinge auf. Nach amourösen Wirren und Intrigen gibt es am Ende eine Doppelhochzeit.

Die Theatercompagnie Les Brigands unter Regisseur Rémy Barché holt das Stück ins Heute. Die Michu (Violette Polchi und Anne-Aurore Cochet) sind kokette Girlies in Miniröckchen und Tennissocken. Die Bühne besteht aus einer schlichten White-Box, die knallig pinkfarben ausgeleuchtet und mit Comic-Illustrationen bespielt wird.

Dass die fast dreistündige Aufführung sich am Ende doch in die Länge zieht, liegt nicht an den Beteiligten, sondern einzig an der allzu banalen Story. Die zehn Darsteller sind temperamentvoll und spielfreudig bei der Sache. Gleichfalls das zwölfköpfige Orchester unter Pierre Dumoussaud, das die unkomplizierten, eingängigen Melodien mit unbekümmerter Frische und charakterstarken Bläserfarben zur Geltung bringt.

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