Symbol der Kraft: PS – Ausstellung „AnGespannt – Starke Pferde auf Achse“ über die Zugpferde der Industrialisierung im Museum Lüneburg

© Foto: Andreas Hagemoser, 2016

Lüneburg, Deutschland (Kulturexpresso). Auch wenn heute bei PKW neben den PS die Kilowattzahl (in kk) angegeben wird, sind im Bewusstsein der Käufer und in der weltweiten Universalität die PS entscheidend. Wieviel PS hat dein Auto? 117. Das ist eine Aussage, die man versteht und einordnen kann.

Wieviel ist 1 PS? Seit hunderten Jahren und bevor die Abkürzung so gebräuchlich wurde, ist eine Pferdestärke maßgeblich und bekannt. Die industrielle „Revolution“ hätte ohne Dampfmaschine und Pferdekraft nicht stattfinden können, und Pferde blieben bis ins 20. Jahrhundert hinein ein wichtiger Antrieb, eine Ergänzung und eine Alternative, in Notzeiten sowieso. Gras und Heu sind vor Ort leichter zu finden als Kohle und Öl.

„Pferdemarkt“ ist bis heute als Straßen- und Platzname immer noch vielerorts in Gebrauch, so in Oldenburg und Lübeck, in Grabow, Güstrow und Stade. In Langenhagen heißt es „Am Pferdemarkt“ und in Hameln haben sich nicht die Ratten in einem Straßennamen verewigt: Die Hamelner Marktkirche St. Nicolai und das Hochzeitshaus stehen am Pferdemarkt.

Große Flächen waren für dieses Markttreiben vorgesehen, wie man in der Lüneburger Ausstellung auf alten Photographien sehen kann. Dagegen ist der Ochsenmarkt am Rathaus der über 1000jährigen Salzstadt, an dem obiges Photo aufgenommen wurde, vergleichsweise klein.

Viele Renn- und Springpferde sind in Norddeutschland zu Hause und Luhmühlen in der Nähe Lüneburgs ist im Pferdesport ein Begriff.

Doch wer hat die Arbeit geleistet? Wer die Post gebracht? Die Kartoffeln, die Kohle und das Bier? Ohne Pferde nix los auf dem Teller und im Glas und die Hütte kalt, wenn man sich das Brennholz nicht mit dem Bollerwagen holte. Das war Jahrhunderte Realität. Im Mittelalter, im Barock, in der Neuzeit.

Bis heute gibt es in Lüneburg Brauereien, viel weniger als im Mittelalter, als Bier ein Grundnahrungsmittel war. Ein Brauereimuseum präsentiert Geschichte. Kaum ein Ausstellung zum Thema „Brauen“ ohne Photos, auf den Zugpferde vor Wagen mit Fässern oder Flaschen gespannt sind. In der Berliner Kulturbrauerei zeugen alte Aufschriften von der Rolle des treuen Arbeitsgauls.

Ohne Pferde hätte sich fast nichts bewegt. Sie waren in Ergänzung zu Wind- und Wassermühlen – wie den großen Mühlen direkt neben dem Museum – DIE mobile Kraftquelle überhaupt, im Sommer und Winter.

Kuriose Ausnahmen wie Kamelkarawanen und Hundeschlitten unterstreichen nur die europäische und weltweite Bedeutung der Pferdegespanne, sonst hätten die Sonderfälle nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen.

Die große Rolle der Gespanne und vor allem ihrer Antrieb-Tiere wird jetzt im Museum Lüneburg in einer Sonderausstellung gewürdigt zur Geschichte der „bespannten Mobilität“. Dies geschieht in Zusammenarbeit mit dem Zugpferdemuseum in Lütau bei Hamburg.

Lange vergessene Verwendungen, malerische Möbelwagen und die menschen- und pferdeverachtende Geschichte der Kriege, besonders des Ersten Weltkriegs, werden gezeigt. Straßenbahnen, heute normal, begannen in Preußen 1865 zwischen Städten Charlottenburg und Berlin als – Pferdestraßenbahn.

Pferdestraßenbahn ratterten auf ihren Linien durch Berliner und Wilmersdorfer Straße, in Birkenhead, London und Paris.

Welcher Ort wäre Angemessener um uns in diese vergangene Zeit zurückzuversetzen als die einzige erhalten gebliebene Stadt der norddeutschen Backsteingotik, das Zentrum Nordostniedersachsens, Lüneburg.

Heute sehr gut erreichbar per Autobahn und Zug von Lübeck, Kiel, Hamburg, München/Hannover und Berlin und mit einem sehr guten Stadtbusnetz ausgestattet, das man für den Museumsbesuch wie gesagt nicht braucht.
Viel Spaß mit der Zugpferden der Moderne.

P.S.: Die Ausstellung „AnGespannt. Starke Pferde auf Achse“ ist bis zum 12. Juni 2016 im Museum Lüneburg, Williy-Brandt-Straße 1 in 21335 Lüneburg zu sehen. Tel. (04131) – 72065-12, (Fax -21),
Geöffnet Dienstag bis Freitag 11 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr!, samstags, sonntags und an Feiertagen schon von 10 bis 18 Uhr.

Das Museum ist vom Bahnhof aus fußläufig (und ohne App) zu erreichen; laufen Sie einfach in die Richtung des höchsten Kirchturms. An der Kreuzung zwischen den Brücken über den Lösegraben und die Ilmenau ist das Museum linker Hand nicht zu übersehen.

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