Union Tag und Nacht – Christoph Biermann mischt die Unionsekte auf

"Wir werden ewig leben" von Christoph Biermann. © Kiepenheuer & Witsch

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der 11Freunde-Autor und Fußballflüsterer Christoph Biermann hat sich auf eine journalistische Reise begeben, die ihn elf Monate an der Seite des 1. FC Union Berlin durch die 1. Bundesliga führte.

Union war als Aufsteiger vielversprechender Kandidat für das Retourticket in die 2. Liga, doch wie wir fast alle wissen, sprang der Berliner Club dem Bundesligatod von der Schippe und sonnt sich justament im zweiten Jahr auf dem Gipfel des deutschen Fußballolymp.

Die 1. Saison des großen Außenseiters Union Berlin in der Bundesliga und die damit verbundenen neuen Bedingungen machten die Geschichte erzählerisch interessant für Autor Biermann. Sein Dopingmittel war der Erkenntnishunger, er wollte es wissen. Dafür musste er Zeit und Geduld mitbringen.

Denn elf Monate im Räderwerk des modernen Fußballs muss man erstmal durchstehen. Schließlich war er umgeben von einer Mordschar junger Männer (eine Frau kommt auch vor, Susi, das Mädchen für alles), deren Hauptbeschäftigung nicht der intellektuelle Diskurs, sondern die schnöde Fußballspielerei ist.

Doch Biermann meistert alle Hürden souverän, singt ein Partylied zum richtigen Zeitpunkt und hält sich mit weit offenen Augen und Ohren im Hintergrund.

Er hört zu, wenn auf der Ersatzbank traumatisierte Profis zürnen, der Präsident seinen Uniontraum formuliert, der Stratege sich mit einem Parteisekretär vergleicht, ein Torwart zur persönlichen Motivation unsichtbare Feinde bekämpft.

Er turnt mit dem Vereinsarchivar durch die Unionhistorie und philosophiert mit dem nigerianischen Spieler Ujah über den Sinn des Lebens.

Viele Nichtunioner halten den Verein für eine merkwürdige Sekte, weil sich Unioner allezeit über ihr Anders-sein-wollen definieren müssen.

Mir wuchsen bei der Lektüre einige Menschen der Unionfamilie ans Herz, weil Biermann es schaffte, sie so menschlich zu zeigen, wie sie sind. Seine Empathie trägt die Erzählung. Er hörte jedem zu, der ihm sein Herz öffnen wollte.

Der Antrieb der Spieler, für Union auf dem Rasen zu arbeiten, ist sehr unterschiedlich. Auch wenn sie öffentlich auf die Farben schwören, ist für viele Clubangestellte gelebte Fankultur, Mitbestimmung im Verein und ein solidarisches Miteinander im Piranhabecken Bundesliga irritierend. Grausig ist die Beschränktheit einiger Profis. Bei den meisten ist der Wille, die Welt zu verändern und politisch zu wirken, nicht besonders ausgeprägt. Sie sind dankbar für das viele Geld, das sie verdienen dürfen. Immerhin unterstützen einige Kicker soziale Stiftungen. Das lässt ihren schrecklichen Musikgeschmack (Mainstream Deutschrap, Helene Fischer, Tote Hosen) in den Hintergrund treten. Auf keinen Falls sind alle Fußballer Deppen, 70% womöglich schon.

Biermanns beeindruckende Langzeitstudie erzählt intensiv davon, wie eine moderne Fußballmannschaft funktioniert, die sich über den Zusammenhalt erklärt. Die besondere Form des Zusammenhalts ist für Biermann das wichtigste Geheimnis des Erfolges.

Biermann schafft starke Bilder, wir spüren die Fokussierung im Spielertunnel, die Langeweile im Trainingslager, die Leere im Kopf nach dem Spiel, der alles vergessen lassende Taumel des Sieges.

Und was bleibt für Biermann? „… am meisten geändert hat sich mein Blick auf das Arbeitsleben von Fußballprofis, all das was ich in dem Kapitel wie langweilig das Profileben ist, geschrieben habe. Als Publikum sehen wir immer nur den äußeren Teil, die Ektase des Spieltags, das Alltägliche. Die Anstrengungen, die dahinführen, bekommen wir nicht mit. Tägliches Training, Konkurrenzkampf, Verletzungen, irrer Stress. Das erlebt man beim Besuch des Trainingsplatzes…“

Biermann hat ein unbedingt lesenswertes Buch über das Innenleben eines Bundesligaclubs geschrieben, der ein wenig die Klassengesellschaft Bundesliga durcheinanderwirbelt.

Bibliographische Angaben

Christoph Biermann, Wir werden ewig leben: Mein unglaubliches Jahr mit dem 1. FC Union Berlin, 416 Seiten, Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, ISBN: 978-3462001112, Preis: 18 EUR

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