„Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ von Milan Kundera. Gelesen von Sebastian Koch

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Milan Kundera. Das Fest der Bedeutungslosigkeit.
Das Fest der Bedeutungslosigkeit von Milan Kundera. Gelesen von Sebastian Koch. © Der Hörverlag

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Leben und Werk von Milan Kundera wirken zerrissen, fragmentiert, zerstückelt in Zeiten und Orte, die zu ordnen nicht leicht fallen. Das Leben des Milan Kundera kann auch als Scherz erzählt werden, allerdings nicht als tödlicher. Schließlich wurde er am 1. April 1929 in Brünn geboren. Er wuchs in bildungsbürgerlichem Umfeld im politischen Zentrum von Mähren, Brünn löste Olmitz als Zentrum von Mähren 1641 ab, auf. Erst flüchteten viele Deutsche aus Brünn vor der Roten Armee, dann wurden viele Deutsche aus Brünn vertrieben. Die Mehrheit der Bevölkerung war weg. Die Tschechen, Kundera und die Kommunisten blieben.

Kundera und die Kommunisten

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war Deutsch die Sprache des überwiegenden Teils des Bürgertums und fast aller Juden in Brünn. Mit der Verfolgung, Flucht, Deportation und Vernichtung der Juden durch die Faschisten sowie der Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg verschwand die deutsche Sprache vollständig. Hier und da im stillen Kämmerlein war sie noch zu hören. Milan Kundera, der nach dem Krieg arbeitet und als Jazz-Musiker Geld verdiente, schloss 1948 sein Abitur ab. Er wurde Mitglied der Kommunistischen Partei und studierte in Prag Musik und Literatur. Keine Frage: Er schrieb in tschechisch. Sein Debüt-Gedichtband „Der Mensch: Ein weiter Garten“ steckt noch voller kommunistischer Ideen. Keine Frage: Kundera war ein angepasster Künstler. Doch er identifizierte sich offensichtlich mit der Nationalität der Mährer als Volk und vermöchte daraus seine Kritik an den Zuständen ziehen, die der Aufstände wert waren. Milan Kundera galt als eine Gallionsfigur des Prager Frühlings, der vor allem durch die slowakische Nationalbewegung befördert wurde. Soldaten der Sowjetunion, Polens, Ungarns und Bulgariens beendeten die Tauwetter-Periode in Prag. Die Panzer der Roten Armeen rollten 1968 in Prag und wälzten den Aufstand nieder. Unter den Toten waren 98 und Slowaken und Tschechen, auch Mährer.

„Milan Kundera ist in der Tschechoslowakei geboren. Seit 1975 lebt er in Frankreich.“

Nach der erneuten Besetzung von Böhmen und Mähren, von Tschechien und Slowakei flüchteten Zehntausende Menschen in den Westen, vor allem nach Österreich. Kundera ging ein paar Jahre später. „1975 erhielt er“ laut Wikipedia „einen Ruf als Dozent an die Universität Rennes und ging daraufhin mit seiner Ehefrau Věra Hrabánková nach Frankreich. 1978 zog er dann nach Paris und nahm eine Dozentur an der École des Hautes Études en Sciences Sociales an. Das Regime, welches sonst die Grenzen dicht hielt, hinderte ihn nicht daran.“

Aus einem Schriftsteller, der in tschechisch schrieb wurde einer, der ab 1993 in französisch schrieb. 1981 wurde Milan Kundera französischer Staatsbürger. In seinen Büchern finden sich wenige biografische Hinweise. Meist heißt es: „Milan Kundera ist in der Tschechoslowakei geboren. Seit 1975 lebt er in Frankreich.“

Dort schrieb er seinen aktuellen Roman „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ (2013), das in Paris spielt, wo sich vier Freunde, Alain, Ramon, Charles  und Caliban, in verschiedenen Episoden begegnen.

Mit diesem badet er seine Leserinnen und  Leser in einem Sammelsurium aus Täuschungen und Enttäuschungen und schüttet sie mit dem Bade in die Illusionslosigkeit aus. Es sind die Täuschungen der Ideologen und die Enttäuschungen aller Ismen. Dass darin auch die Erfahrungserkenntnis von Kundera weniger vom Hitler-Faschismus als vielmehr vom Stalin-Kommunismus und also auch eine Abrechnung steckt, das hörte ich so und nicht anders heraus. Sie haben richtig gelesen. Ich hörte das von Sebastian Koch souverän gelesene Buch „Das Fest der Bedeutungslosigkeit“ von Milan Kundera aus dem Hörverlag.

Dass in der Trauer über dunkle Jahre immer auch Hoffnung steckt und Humor wie Licht am Ende des Tunnels, der nicht das entgegenkommende Gefährt ist, das mag auch an der Art und Weise gelegen haben, wie der 1962 in Karlsruhe geborene Koch das von Kundera Geschriebene gelesen hat.

Die Epoche tödlicher Humorlosigkeit

Über eine der Schlüsselszenen in einer der Episoden über eine „Epoche, die komisch ist, weil sie ihren Humor verloren“, wie es auf der Heimatseite des Hörverlags heißt, schreibt Ulrich Greiner in „Zeit Online“ (11. März 2015) unter dem Titel „Beim Nabel der Engel“, dass Kundera „die Epoche tödlicher Humorlosigkeit … am eigenen Leib erlebt“ habe. Und „die Epoche tödlicher Humorlosigkeit“ beginne damit, dass rund um Stalin niemand mehr wusste, was ein Witz sei.

Greiner: „Stalin, so heißt es in diesem Roman, habe einmal im Kreis der Genossen erzählt, wie er auf Skiern jagen gegangen sei: Er kommt zu einem Baum, auf dem 24 Rebhühner sitzen. Dummerweise hat er nur 12 Patronen. Er schießt, 12 Rebhühner fallen tot herab. Er kehrt nach Hause zurück, holt Patronen, fährt wieder zu dem Baum und erlegt die übrigen Vögel…“

„Keiner der Genossen“, so lässt Kundere Caliban, einen der vier Freunde erzählte, „habe gelacht, alle hätten sie geschwiegen und später auf dem Pissoir über Stalins Lügen gehöhnt, sagt Caliban, es erscheine ihm unglaubhaft, „dass niemand verstanden hat, dass Stalin einen Witz erzählte“. Charles, ein anderer der vier Freunde: „Natürlich nicht. Denn niemand in seiner Umgebung wusste mehr, was ein Witz ist. Und damit kündigte in meinen Augen eine neue große Zeit der Geschichte ihr Kommen an.“

Schon ein Gruß wie „“Es lebe Trotzki!“ als Scherz in der Tschechoslowakei, das wusste Kundera in seinem 1967 erschienenen Buch „Der Scherz“ zu vermitteln, führte dazu, dass man als Trotzkist „aus der Partei ausgeschlossen, von der Universität verwiesen und in ein Arbeitslager verbannt“ wurde. Immerhin wurde man nicht mit einem Eispickel erschlagen wie Leo Trotzki auf Befehl von Josef Stalin. Dass Rache nicht süß und Hass bitter sein können, das hat Kundera verstanden und er kann es erklären. Und feiern: das Fest der Bedeutungslosigkeit! Dank Heiterkeit kann er die „tödliche Humorlosigkeit“ überstehen und kritisieren. Kundera macht aus Stalin einen Jäger mit Dauerharndrang, der hinter der Statue der Herzogin von Orléans im Jardin du Luxembourg pissen muss. Prächtig. Das ist dann doch die süße Rache des Dichters und Denkers, der seinen Hass längst überwunden hat.

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Milan Kundera, Das Fest der Bedeutungslosigkeit, gelesen von Sebastian Koch, Laufzeit: 2 Stunden und 21 Minuten, Der Hörverlag, März 2015, ISBN: 978-3-8445-1870-2, empfohlener Verkaufspreis: 10,95 Euro (D)

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