Briefe ohne Unterschrift. Kabinettausstellung im Museum für Kommunikation – „DDR-Geschichte(n) auf BBC Radio“

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"Briefe ohne Unterschrift." Ausstellung im Berliner Museum für Kommunikation. Untertitel: DDR-Geschichte(n) auf BBC-Radio. © Copyright Museum für Kommunikation Berlin

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Anonyme Briefe, also solche ohne Unterschrift und in der Regel ohne Namen, waren in den 50er, 60er und 70er Jahren überlebenswichtig. Zu denken gibt, dass die anonymen Briefe, die in den ersten 25 Jahren der DDR an den BBC geschrieben wurden, den britischen Radiosender mit der Anschrift Bush House, London und dem größten Korrespondentennetz der Welt – eine Erbschaft des Commonwealths und aus Kolonialzeiten – bereits ohne Computer von einem technisch nicht ideal und teils mangelhaft ausgestatteten Geheimdienst zurückverfolgt werden konnten. George Orwell ist ein Brite. Sein Buch „1984“ entstand 1948, der Titel aus einem absichtlichen Zahlendreher, der das Datum ausreichend weit in die Zukunft zu verlegen schien, ohne „ganz weit weg“ zu erscheinen. Also ein Jahr vor dem Ende der Berliner Blockade, ein Jahr nach dem Auszug der Sowjetunion aus dem Kontrollrat und in einem gerade entbrannten Kalten Krieg. Und ein Jahr vor Gründung der DDR.

Lenin sah den Übergang vom Kapitalismus zum gewünschten Kommunismus in der Diktatur des Proletariats. Das Heer der vorher Unterdrückten sollte nun die Ausbeuter unterdrücken. Eine Diktatur war die DDR wohl in der Tat, darin sind sind fast alle einig, außer den Ewiggestrigen. Der Lange Arm des Geheimdienstes des Ministeriums für „Staatssicherheit“ (MfS) torpedierte, kontrollierte, verhörte, sortierte.

Die unten genannten anonymen Briefe konnten teils – mit aus heutiger Sicht vorsintflutlichen Methoden – den Absendern korrekt zugeordnet werden.

Heutzutage, wo kleine Tischrechner mehr Leistung und Kapazität als die Großrechner haben, mit denen die Mondlandung geplant wurde, dürften viel weniger Hinweise reichen, um Anonymes zu personalisieren, einer Person zuzuordnen. Anonyme Apps, Mautdaten und weiteres Anonyme dürfte sich meist als Illusion herausstellen. Gut zu wissen. Gut zu wissen auch, dass der Staat der Bundesrepublik sich um den Datenschutz kümmert. Ab und zu kann man ihn daran erinnern, damit nie wieder so eine Briefeschreiberei nötig werden würde oder wird.

Briefe ohne Unterschrift – Neue Kabinettausstellung im Museum für Kommunikation Berlin erzählt von „DDR-Geschichte(n) auf BBC Radio“

Folgende Pressemitteilung der Museums für Kommunikation (nicht mit 5 Sternen – mit 8!) erreichte uns heute:

„„Schreiben Sie uns, wo immer Sie sind, was immer Sie auf dem Herzen haben“. Mit diesen Worten lud die BBC-Radiosendung „Briefe ohne Unterschrift“ von 1949 bis 1974 Hörer*innen in der DDR zum Briefeschreiben ein. In dem in deutscher Sprache ausgestrahlten Programm wurden jeden Freitagabend ausgewählte Briefe vorgelesen. Sie boten direkte Einblicke in den Alltag der DDR-Bürger*innen, ihre Nöte und Sorgen, aber auch ihre Meinungen zu politischen und gesellschaftlichen Ereignissen. Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR stufte die Sendung als Hetzsendung ein und versuchte – teils mit Erfolg –, die Verfasser*innen zu identifizieren und strafrechtlich zu verfolgen. Über die Jahre entwickelte sich „Briefe ohne Unterschrift“ zu einer brisanten und emotional aufgeladenen Radiosendung im Propagandakrieg der deutschen Teilung.

Das Zuhause der Schreiber*innen, die Zentrale der Staatssicherheit der DDR, das BBC-Studio: Die Ausstellung „Briefe ohne Unterschrift. DDR-Geschichte(n) auf BBC Radio“, die das Museum für Kommunikation Berlin noch bis 11. Oktober 2020 präsentiert, beschreibt die Stationen der Briefe und erzählt die Geschichten, die damit verknüpft sind.

Exklusive Interviews mit Briefeschreiber*innen und Sendungsmacher*innen zeigen persönliche Schicksale.

Erstmals werden Tonbandmitschnitte, die das MfS von der Sendung angefertigt hat, zusammen mit den jeweiligen Originalbriefen aus dem Archiv der BBC präsentiert. Wo und mit welchen Mitteln sich heute Menschen weltweit für politische und gesellschaftliche Teilhabe sowie freie Meinungsäußerung einsetzen, wird am Beispiel aktueller Aktivist*innen deutlich. In einem Umfragetool können die Besucher*innen ihre persönliche Meinungzu der Frage „Wie frei fühle ich mich in meinen Äußerungen?“ reflektieren.“

Vorher fast vergessen – vom Nutzen der Archive

„Rund 40.000 Briefe erreichten die Sendung „Briefe ohne Unterschrift“. Diese waren nahezu vergessen, bis die Autorin Susanne Schädlich sie 2012 bei Recherchen in einem BBC-Archiv wiederentdeckt und aufgearbeitet hat. Ihr Buch “Briefe ohne Unterschrift. Wie eine BBC-Sendung die DDR herausforderte“gab den Anstoß zu dieser Ausstellung.“

Eigentlich widersprüchlich, dass ausgerechnet anonyme Briefe so ein großes Echo erzeugten und einige von Hunderten und Tausenden vorgelesen angehört wurden. Briefe mit Absender kamen nicht über den Sender. Normale Briefe mit Abs. wurden vielleicht vom Empfänger gelesen, sonst aber meist von niemandem. Eine Breitenwirkung erzielten sie in der Regel nicht.

Ausstellungsdaten

Was? Ausstellung Briefe ohne Unterschrift. DDR-Geschichte(n) auf BBC Radio

Wann? Ausstellungsdauer: bis 11. Oktober 2020

Geänderte Öffnungszeiten: Dienstag 11 – 20 Uhr, Mittwoch bis Freitag 11 – 17 Uhr, Samstag, Sonntag, Feiertag 10 – 18 Uhr

Wo? Museum für Kommunikation Berlin, Leipziger Straße 16, 10117 Berlin-Mitte

Heimatseite im Weltnetz: www.mfk-berlin.de

Verkehrsverbindungen: U2 Mohrenstraße, U6 Stadtmitte, Bus M48, 200, 300

Eintritt: 6 €, ermäßigt 3 € (zum Beispiel für Berlinpass-Inhaberinnen)

Anmerkungen:

Mehr zum Thema in den Artikeln „‚Briefe ohne Unterschrift – DDR-Geschichte(n) auf BBC Radio‘ – eine neue Ausstellung im Museum für Kommunikation Berlin“ von Ole Bolle und „Mit brennender Geduld. Christina Battle stellt auf der Berlinale (Forum Expanded) in der kanadischen Botschaft aus – unbedingt sehenswert! Eintritt frei“ von Andreas Hagemoser im KULTUREXPRESSO.

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