Carcassonne – Abtei und Bürgermeister (5. Erweiterung)

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© Muenzenberg Medien Foto Stefan Pribnow

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Weiter, immer weiter. Die fünfte Erweiterung des manche Menschen wuschig machenden Spiels Carcassonne von Klaus-Jürgen Wrede weilt unter uns und trägt den Titel Abtei und Bürgermeister. Der Verlag Hans im Glück merkt in seiner Spieleanleitung dazu an, dass „mit dieser Erweiterung … die Spieler neue Möglichkeiten“ erhielten, „ihren Einfluss in der Gegend um Carcassonne zu festigen. Nun transportieren fahrende Händler ihre Waren in umliegende Städte und Klöster. Die Städte im Umland wachsen zu stattlicher Größe an und wählen ihre eigenen Bürgermeister. Einfache Bauern werden wohlhabend und bauen Gutshöfe, die Kirche versucht, ihren Einfluss durch die Gründung von Abteien zu festigen.“

Wenn man nicht alles wörtlich nimmt, Städte wählen nicht sondern wahlberechtigte Bürger und das waren wahrlich nicht alle Bewohner einer Stadt. Die Bedeutung der Städte wächst und somit auch Macht und Herrschaft der Bürger, die einen neuen Stand bilden. Der Feudalismus, basierend auf Bauern, die in der Regel als Leibeigene von Landesherren an seine Kriegerkaste mitsamt Land verliehen wurden. Das Feudum ist ein zum Lehen transformiertes Beneficium. Der Bauer darf die Scholle, die er bestellt, nicht verlassen. Der Lehnsherr wiederum ist Vasall des Landesherrn. Doch der Feudalismus wandelt sich zum Kapitalismus, weil Macht und Herrschaft der Städte wachsen und das Verhältnis von Stadt und Land sich zugunsten der Städte und somit der Bürger verändert.

Auch die Organisationen der Christen wurden verändert, die römisch-katholische Kirche. Neben offenen Orten der Christen entstanden geschlossene Orten (claustrum) nur für Mitglieder. Aus Claustum (für verschlossener Ort) wurde Kloster. In den Klöstern wurden besonders fanatische Christen konzentriert. Klöster waren oft ummauerte Anlagen mit Kult-, Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Je größer sie wurden, wobei vor allem die Anzahl von Mönchen und Nonnen entscheidend war, desto eher wurde aus einem Kloster eine Abtei, der ein Abt oder eine Äbtissin vorsteht. Wiederum besonders bedeutende Abteien wurden zu Erzabteien. Die Abteien, die im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation direkt dem Kaiser unterstanden, waren Reichsabteien. Deren Äbte und Äbtissinnen beziehungsweise Pröpste und Prioren, die also direkt dem Kaiser unterstanden, waren Reichsprälaten und saßen im Reichstag. In diesem Reichstag saßen auch die Vertreter der Reichsstädte.

Ende des 15. Jahrhunderts schnupperten die Bürgermeister der Städte noch am Reichstag, aber Mitte des 16. Jahrhunderts forderten sie ihren Sitz. Übrigens existieren in deutschen Landen, die nach dem letzten Großkrieg in Europa noch übrig geblieben sind Städtetage. In der Bundesrepublik Deutschland (BRD) ein Deutscher Städtetag, in der Republik Österreich ein Österreichischer Städtetag sowie in der Schweiz ein Städtetag, während aus dem Reichstag in der BRD ein Bundesrat und Bundestag geworden ist, auch wenn der Bundestag wieder im Berliner Reichstag veranstaltet wird. In der Republik Österreich werden ein Nationalrat und ebenfalls ein Bundesrat veranstaltet. Die Schweizerische Eidgenossenschaft unterscheidet ebenfalls zwischen Nationalrat und Ständerat unterscheidet. Grob ähnelt sich vieles in deutschen Landen, einiges unterscheidet sich aber auch.

In gewisser Weise kann man mit Abtei und Bürgermeister den Beginn dieser Entwicklung spielen. Das hat leider wenig mit der wirklichen Geschichte zu tun, die immerhin ein Hintergrundrauschen gibt, aber viel mit Freude am Entwickeln. Dazu dient das Spielmaterial. Das besteht aus zwölf neuen Landschaftskarten plus sechs überwiegend in Orange gehaltene Landschaftskarten, die Abteien sind. Als Holfiguren kommen sechs Gutshöfe, sechs Wagen und sechs Bürgermeister hinzu.

Hans im Glück teilt mit, dass jeder Spieler drei neue Holzfiguren und eine Abteil-Karte bekommt. Wer seine Abtei-Karte einsetzen und auslegen möchte, der darf keine Landschaftskarte ziehen. „Die Abtei kann überall dort eingesetzt werden, wo noch genau eine Landschaftskarte hineinpasst. Sie kann also nur in ein ‚Loch‘ gelegt werden.“ Der Vorteil der Abtei ist also, „ein Loch in der Auslage zu schließen und damit alles Umliegende abzuschließen. Die Abtei auf dem Plättchen kann natürlich auch mit einem Gefolgsmann besetzt werden und zählt bei der Wertung wie ein Kloster. Der Bürgermeister ist zwar auch ein Gefolgsmann, er darf aber nur in der Stadt eingesetzt werden und nur dort, wo „noch kein Ritter beziehungsweise Bürgermeister steht“.

„Bei einer Wertung hat er eine Stärke entsprechend den Anzahl der Wappen, die in der Stadt sind“, teilt Hans im Glück mit und auch, dass „der Gutshof … auf eine Wiese eingesetzt wird anstatt eines Gefolgsmannes“. Allerdings müssen sich vier Landschaftskarten „berühren“, „von denen eine soeben gelegt wurde“. Bauern dürfen auf der Wiese schon stehen, das stört also nicht. Der Gutshof, einmal positioniert, bleibt dort bis zum Ende des Spiels. Er bringt „neue Möglichkeiten die Wiese zu werten“.

Bleibt noch zu erklären, was der Wagen soll. Er „ist ein Gefolgsmann, der nach der Wertung nicht vom Feld genommen werden muss, sondern gleich weiterziehen kann in ein offenes Bauwerk“, sagt Hans im Glück. Der Wagen „darf auf eine Straße, eine Stadt oder ein Kloster gesetzt werden“, aber „nie auf eine Wiese“, lesen wir in den vierseitigen Regeln im A5-Format, „auf dem noch keine andere Figur steht“.

Neue Landschaftskarten sorgen bei den einen Spielern für Verwirrung, bei den anderen für noch mehr Möglichkeiten und Abwechslung. Straßen können endlich in der Wiese enden oder Dank eines Kreisverkehrs in drei Richtungen weiterführen. Straßen können auch Städte berühren, was wichtig ist, weil Wiesen in Abschnitte unterteilt und also begrenzt werden. Merkwürdig bis kompliziert erscheint es, wenn eine Stadt „zwei separate Stadtteile“ zeigt und eine davon in einer Wiese endet. Wahnsinn. Dem Feudalismus macht man damit aber nicht den Garaus.

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Carcassonne, Abtei und Bürgermeister, 5. Erweiterung (nur zusammen mit dem Basisspiel Carcassonne spielbar), Autor: Klaus-Jürgen Wrede, Illustration und Cover: Doris Matthäus, Alter: ab 8 Jahre, Spieler: 2 bis 5/6, Spieldauer: Grundspiel plus 15 Minuten, Verlag: Hans im Glück, München, Web: www.hans-im-glueck.de, Artikel-Nummer: 48177, Nr. 4 001504 481773

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