Da muss noch roter Pfeffer ran – Die Junge Deutsche Philharmonie versucht sich an Brecht und landet in der Klamotte

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Roter Pfeffer. Quelle: Pixabay, Foto: Doris Jungo

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Junge Deutsche Philharmonie ist ein exzellenter Klangkörper, bestehend aus den 200 besten Musikstudenten im deutschsprachigen Raum. Sie bewerben sich mit einem Vorspiel um die Aufnahme in den Pool des Orchesters. 2022 wurden allein 49 Mitglieder neu aufgenommen. Dreimal im Jahr treffen sie sich zu »Arbeitsphasen», in denen Konzertprogramme entstehen. Die Auswahl treffen die Orchestermitglieder selbst, die mit einem Orchestervorstand und alllem Drum und Dran organisiert sind. Mit den Programmen gehen sie auf Tournee in deutschen und europäischen Großstädten, darunter regelmäßig mit Konzerten in der Alten Oper Frankfurt, in der Berliner Philharmonie, in der Elbphilharmonie und so weiter. Mit Stolz berichten sie, wo ihre Mitglieder Orchesterstellen bekommen haben, zum Beispiel 2022 18 Stellen in Berlin, Aachen, Cottbus, Bonn, Amsterdam, Sendai und anderen. Das Orchester ist anerkannt und begehrt und wird von Spitzenmusikern betreut. Sein Niveau als Sinfonieorchester steht außer Zweifel.

Nun drängt der Stachel, dass die Orchestermitglieder »auch mal was anderes» machen wollen, zum Beispiel ein »Freispiel», in dem sie der Phantasie freien Lauf lassen können. Jüngst haben sie Bertolt Brecht entdeckt, wollten die Dreigroschenoper spielen, zogen den Kreis dann aber weiter auf die Goldenen Zwanziger. Der »Stoff» ist unerschöpflich, aber darin liegt das Problem.
Wenn der Conferencier Manfred Callsen im Pathos der Fünfziger Jahre deklamiert, »Und man sieht nur, die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht», gibt das ein Programm vor, das gut klingt, aber nicht kommt. Die landläufige Legende ist ja die von den Goldenen Zwanzigern mit ihrem Vergnügen, ihrem Rausch und Glamour und die die Zustände von Hunger, Not und Elend der Arbeiterklasse ausblendet. Zwar haben die Jungen Philharmoniker Marx und Brecht gelesen, wie im Magazin »Der Taktgeber» berichtet wird, aber (im Neusprech) sie »realisieren« es nicht – oder die Theorie ist im Marx´schen Sinne noch nicht zur materiellen Gewalt geworden. Die Kehrseite der Weimarer Epoche bleibt so gut wie weg.
Entschieden haben sich die Regisseurin Andrea Schwalbach und der Dirigent Frank Strobel für eine dreieinhalbstündige Filmrevue mit Live-Musik und Performance wie im Kino der 1920er Jahre. Herausgekommen ist der Titel »Goldrausch», irgendwie entlehnt von Charlie Chaplin. Indem die Autoren das Revuetheater zu reproduzieren suchen, kopieren sie eine Form, die vielleicht erheitert, aber niemand in Schwung bringt. So ist denn die Konzeption uneinheitlich. Das Programm, das sie in Frankfurt/Main, Darmstadt, Schloss Johannisberg und zum Schluss im Theater im Delphi in Berlin gespielt haben, »zerfällt» im Wortsinne in drei Teile.

Erwartungen und Zögerlichkeit

Der erste Teil ist ein Liederabend mit Liedern aus Stücken und Gedichten von Brecht, die von Kurt Weill, Hanns Eisler und Paul Dessau kongenial vertont worden waren und von Leonhard Kuhn neu arrangiert wurden. Sie werden gesungen von der R‘ und B – Künstlerin Dimi Rampos. Man hat die Stimmen von Gisela May, Renate Richter oder Vera Oehlschlegel im Ohr, aber die expressiven Klänge von Dimi Rampos reißen mit und rütteln auf. Sie weiß politisch zu akzentuieren. Sehr gut, aber etwas bleibt unerfüllt. Wenn Brecht-Vertonungen angekündigt werden, so weckt das sofort Erwartungen an die Gesänge und Zwischenspiele aus »Courage», »Galilei», »Commune» oder aus der »Mutter» oder aus dem Film »Kuhle Wampe». Wie werden die das machen? Doch sie machen gar nichts. Die Zwanziger ohne revolutionäre Massengesänge sind undenkbar (nicht nur von Brecht – Eisler), doch da geht man nicht ran. Schade.

In der »zweiten Abteilung» kommt die große Stunde des Orchesters. Sie hätte den Abend ausgefüllt. Stummfilm – Musik hat ihren eigenen Reiz und ihre eigene Spannung, denn der Zuschauer will gerührt sein, aber er weiß auch, das muss passen, aber passt es wirklich? Für ein Orchester eine echte Herausforderung. Die banal-kitschige Geschichte von »Der Schatz» von G.W. Pabst aus dem Jahre 1922 mit der Musik von Max Deutsch ist dabei ziemlich belanglos. Aber wie sich das Orchester mit dem Film »synchronisiert», ist im gegebenen Falle atemberaubend. Frank Strobel sagt, dass die Musik den Film einerseits miterzählt, aber andererseits sei der Film ein strenger Partner, der stur ist, weil er weder schneller noch langsamer läuft, und er, der Dirigent, müsse dafür sorgen, dass Bild und Musik »zusammengehen». Das bewältigen Strobel und das Orchester meisterhaft. Das Orchester begeistert nicht nur mit seiner Präzision, sondern auch mit glänzenden Soli – hervorzuheben die Solotrompete.

Kein Kracher

Der dritte Teil sollte eine heiter – ironische Nummernrevue mit Musik, Improvisation, Performance, Tanz und Filmclips werden, doch er produzierte sich mehr als Klitterung von mehr oder weniger gekonnten »Nummern», peinlich antiquiert moderiert von Manfred Callsen. Das Orchester bot hübsche kleine Kabinettsstückchen, doch im Finale tat es einen Fehlgriff. Der Alabama – Song aus »Mahagonny» böte einen schwungvollen Ausklang, aber aus unerfindlichen Gründen verzichteten die Musiker auf das Orchesterspiel und drängten zum A – capella – Chor auf die Bühne. Dies mutete an wie eine ausgelassene Abiturfeier und ließ eine glanzvolle Empfehlung des »Zukunftsorchesters» ungenutzt.

Zurück bleibt: Wie steht es mit der Einsicht im Magazin »DerTaktgeber», dass »Klasse, Klassenkampf und kapitalistische Ausbeutung heute so aktuell (sind) wie damals?» Dann muss man den Goldrausch entzaubern. Der dritte Teil hätte ein Kracher werden können, eine »rote» Revue im Sinne dessen, wie einst Erich Weinert schrieb: »Mit milder Würze geht’s nicht mehr, gebt mal den roten Pfeffer her!»

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