Denk ich an Deutschland in der Nacht … – Dokumentarstücke zum NSU bei den Autorentheatertagen

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Ⓒ Foto: David Baltzer, 2015
Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Insgesamt fünf Stücke zum Thema NSU waren bei den Autorentheatertagen zu erleben. Darunter drei dokumentarische Arbeiten, in denen die Opfer und ihre Angehörigen im Mittelpunkt stehen. Während der Prozess in München sich dahin schleppt und das Interesse der Medien sich auf die Täter konzentriert, sorgen engagierte TheatermacherInnen dafür, dass die Opfer in Erinnerung bleiben und dass unbeantwortete Fragen auch weiterhin gestellt werden.
„Die Lücke“ mit dem Untertitel „Ein Stück Keupstraße“ entstand aufgrund der Recherchen des Regisseurs und Autors Nuran David Calis und seines Teams. Das Stück wurde am 7. Juni 2014 am Schauspiel Köln uraufgeführt, zwei Tage bevor sich der Nagelbombenanschlag in der Keupstraße zum zehnten Mal jährte.
In Köln begann das Stück mit einer Führung des Publikums durch die Keupstraße, die im Deutschen Theater als Videoaufzeichnung in der Bar zu sehen war. In den Kammerspielen befanden sich dann zwei Gruppen von jeweils drei Personen auf der Bühne. Auf der einen Seite die SchauspielerInnen Simon Kirsch, Thomas Müller und Annika Schilling und auf der anderen Ismet Büyük, Ayfer Sentürk Demir und Kutlu Yurtseven, AnwohnerInnen der Keupstraße, die den Anschlag miterlebt haben. Ismet Büyük wurde in der Türkei geboren und lebt seit 1991 in Deutschland, die beiden anderen sind in Deutschland geboren.

Das Podest, auf dem die beiden Gruppen sitzen, ist in der Mitte geteilt. Da ist ein Graben, die im Titel benannte Lücke, die Deutsche auf der einen Seite von ebenso Deutschen aber als fremd empfundenen Menschen auf der anderen Seite trennt. Sie haben seltsame Namen, und Ayfer trägt ein Kopftuch.

In der Annäherung der beiden Gruppen zeigt sich, wie viel Misstrauen und Ablehnung die Deutschen mit den gebräuchlichen Vornamen, die sich doch für so weltoffen und tolerant halten, denen entgegenbringen, die sich von ihnen unterscheiden.

Die einen fragen, stellen fast Verhöre an und verdächtigen die anderen, Wichtiges, möglicherweise Abträgliches, zu verheimlichen. Das ähnelt den Befragungen, denen die AnwohnerInnen der Keupstraße nach dem Bombenanschlag ausgesetzt waren. Sie alle standen unter dem dringenden Verdacht, mit den Tätern in Verbindung zu stehen, die von den deutschen Behörden ausschließlich unter türkischen Migranten und in der Türkei gesucht wurden. Ein Terrorakt von deutschen Rechtsradikalen wurde sofort ausgeschlossen.

Ayfer Sentürk Demir wurde bei dem Anschlag verletzt. Ihre körperlichen Wunden sind verheilt, aber das traumatische Erlebnis lässt sich nicht so einfach verarbeiten. Dabei ist Ayfer eine starke, faszinierende Frau, die sowohl Lebensfreude als auch eine wundervolle innere Ruhe ausstrahlt.

Nuran David Galis hat eine glückliche Hand bei der Auswahl der drei aus der Keupstraße bewiesen. Sie sind Laien aber offensichtlich schauspielerische Naturtalente, die sich sehr überzeugend auf der Bühne präsentieren und mit den drei SchauspielerInnen ein großartiges Team bilden.

Wie in den beiden anderen Dokumentarstücken ist auch hier von den ungeheuerlichen Geschehnissen bei den Ermittlungen die Rede, die von den Medien gern beschönigend als „Pannen“ bezeichnet werden.

Am Schluss erzählt Annika Schilling von einer Erzieherin, die nach dem Anschlag, als die Verletzten weggebracht und die Einsatzfahrzeuge abgezogen waren, mit einer Kollegin und einer Kindergruppe durch die menschenleere Keupstraße ging. Aus Angst vor der erschreckende Öde und Stille in dieser sonst so betriebsamen Straße, fingen die Frauen und Kinder an zu singen. Daraufhin kamen überall die Menschen aus ihren Häusern heraus.

Das ist eine anrührende Geschichte und eine beunruhigende, denn die Hoffnung auf die Kinder, die den Frieden bringen und das Leben wieder lebenswert machen sollen, hat schon zu vielen Generationen von Erwachsenen den Blick auf ihre eigene Verantwortung getrübt.

Bei dem Anschlag in der Keupstraße gab es neben zerstörten Geschäften 22 verletzte Menschen, einige von ihnen wurden schwer verletzt.

In München geschahen zwei Morde: 2001 wurde Habil Kilic in seinem Obst- und Gemüseladen erschossen, und 2005 wurde Theodoros Boulgarides in seinem Geschäft durch Schüsse aus nächster Nähe hingerichtet. Die Regisseurin Christine Umpfenbach hat viele Gespräche mit Presseleuten, PolitikerInnen und AnwältInnen geführt, vor allem aber mit den Angehörigen der Mordopfer. Daraus und aus Texten der Autorin Azar Mortazavi entstand das Stück „Urteile“, das im April letzten Jahres am Residenztheater München uraufgeführt wurde und im Rahmen der Autorentheatertage in der Box zu erleben war.

Vor Beginn der Vorstellung nehmen eine Polizistin und ein Polizist vorn an der Rampe Platz. Während des gesamten Stücks sitzen sie schweigend da, stellvertretend für die Polizei, die nicht bereit war, sich auf Gespräche mit Christine Umpfenbach einzulassen.

Auf der Bühne wechseln Gunther Eckes, Demet Gül und Paul Wolff-Plottegg blitzschnell die Rollen, sprechen hochdeutsch oder deutsch mit türkischem, griechischem oder bayerischem Akzent, skizzieren unterschiedliche Personen sehr präzise und führen dem Publikum vor Augen, welch erbarmungslosen Verhören und Anfeindungen die Angehörigen der Ermordeten ausgesetzt waren.

Wie beim Anschlag in der Keupstraße und wie bei jedem der insgesamt zehn Morde schlossen Ermittler und Politiker rechtsradikale Deutsche als Täter aus. Sie unterstellten den Opfern, in kriminelle Geschäfte verwickelt gewesen zu sein, deren Drahtzieher sich in der Türkei befinden müssten. Aufgrund der in Deutschland vorherrschenden Ethik könnten die Erschießungen aus nächster Nähe nicht von Deutschen ausgeführt worden sein. Die Täter müssten einem anderen Kulturkreis angehören, lautet ein Vermerk in den Ermittlungsakten.

Die Medien berichteten über „Türken-Mafia“ und „Döner-Morde“ und übernahmen kritiklos polizeiliche Stellungnahmen, in denen vom „eisernen Schweigen“ im Umfeld der Opfer berichtet wurde. Auf die Idee, dass die Angehörigen nichts wissen könnten über die Hintergründe der Taten, kam offenbar niemand.

Die SchauspielerInnen lassen die Fassungslosigkeit der Angehörigen deutlich werden, ihre Trauer, bei der sie immer wieder gestört werden durch neue Verhöre und Verdächtigungen. Anfeindungen erfahren sie auch in der Nachbarschaft und in ihrem Bekanntenkreis. Hilfe oder Unterstützung bekommen sie nicht. Die Ermittler sorgen nicht einmal für die Reinigung der Tatorte. Als die Angehörigen von Theodoros Boulgarides sein Geschäft nach Wochen wieder betreten dürfen, bedeckt das inzwischen getrocknete Blut des Ermordeten noch den Boden. Sein Bruder und seine Schwägerin kratzten das Blut mit Spachteln ab und bestatteten es unter einem Baum.

Im November 2011 blieb den ermittelnden Behörden nichts anderes mehr übrig, als ihre verbissene Spurensuche in die falsche Richtung aufzugeben. Eine Entschuldigung für die rassistische Hetze gegen die Angehörigen der Mordopfer erfolgte jedoch nicht.

Wie Nuran David Calis in „Die Lücke“ lässt auch Christine Umpfenbach in ihrem Stück die Vermutung deutlich werden, dass sehr viel mehr Menschen als die beiden Toten aus dem Wohnwagen und die fünf Angeklagten an den Verbrechen des NSU beteiligt waren.

Der Begriff „Döner-Morde“, zuerst 2005 in der „Nürnberger Zeitung“ aufgetaucht und seitdem nicht nur von der Boulevardpresse, sondern auch von seriösen Zeitungen häufig verwendet, wurde zum Unwort des Jahres 2011 erklärt. Bis dahin hatte niemand daran Anstoß genommen.

Opfer von Anfeindungen und Ausgrenzungen waren die Angehörigen der Ermordeten auch früher schon geworden. Ergänzend zu ihren Aussagen hat Azar Mortazavi in einer sehr anrührenden poetischen Sprache Erinnerungen aus ihrer Kindheit verfasst. Demet Gül verwandelt sich in das in Deutschland geborene kleine Mädchen, das verstört und erschrocken erlebt, wie es aufgrund seines fremd klingenden Namens von LehrerInnen in der Schule einem nicht deutschen Kulturkreis zugeordnet wird.

Eine geballte Ladung von Ungeheuerlichkeiten lässt Tugsal Mogul in seinem Stück „Auch Deutsche unter den Opfern“ dem Publikum um die Ohren fliegen. Einiges davon ist auch in den beiden anderen Dokumentarstücken verarbeitet, das meiste ist mittlerweile aus der Presse bekannt, aber mit diesem riesigen Berg an Versäumnissen, Vertuschungen, seltsamen Zufällen und bösen Absichten bei den Ermittlungen in der NSU-Mordserie in 90 Minuten konfrontiert zu werden, ist ein Schockerlebnis der besonderen Art.

Das Schauspiel Münster gastierte mit diesem Stück in der Box des Deutschen Theaters. Die SchauspielerInnen Lilly Gropper, Dennis Laubenthal und Christoph Rinke präsentierten das „Rechercheprojekt zum NSU“ kabarettistisch, wobei sie immer wieder dafür sorgten, dass dem Publikum das Lachen im Halse stecken blieb.

Zu Beginn zeichnen sie die Umrisse der zehn vom NSU getöteten Personen mit Kreide auf den Boden. Unter den Hingerichteten ist auch die Polizistin Michèle Kiesewetter. Da sie keine ausländischen Vorfahren hatte, suchten die Ermittler ihre Mörder nicht bei der türkischen Mafia, sondern bei den Sinti und Roma, die in der Nähe des Tatorts angetroffen wurden. Die polizeilichen Aktenvermerke dazu sind derart mit Rassismus gespickt, dass der Zentralrat der Sinti und Roma Anzeige erstattet hat.

In diesem Fall entdeckten die Ermittler bald darauf eine andere, ganz heiße Spur, nämlich die DNA einer älteren Frau, die auch an etlichen anderen Tatorten von Morden aufgefunden wurde. Jahrelang wurde nach dem „Heidelberger Phantom“ gesucht, bis sich herausstellte, dass die von der Spurensuche benutzten Wattestäbchen von der Frau, die sie verpackt hatte, mit den Fingern berührt worden waren.

Während sich das als peinliche Schlamperei bezeichnen lässt, stellt sich die Frage, ob es Zufall sein kann, dass zwei Zeugen und eine Zeugin unerwartet ums Leben kamen, kurz bevor sie ihre Aussagen im NSU-Prozess machen konnten. Aussagekräftig wären wohl auch die Akten gewesen, die vom Verfassungsschutz und im Auftrag des Innenministeriums geschreddert wurden.

Nicht ergiebig dagegen sind die Aussagen von Andreas T., der schon mehrfach als Zeuge vor Gericht geladen war. Anfängliche Ermittlungen gegen ihn wurden eingestellt. 2006 war T. V-Mann-Führer beim Verfassungsschutz. Während er in einem Internet-Café chattete, wurden auf den Besitzer zwei Schüsse abgefeuert, die T. nicht gehört haben will. Kurz darauf verließ er das Café, und da er den Besitzer nicht entdecken konnte legte er, bevor er ging, Geld auf den niedrigen Tisch, der als Theke diente. Hinter diesem Tisch lag der sterbende Halit Yozget, den T. nicht bemerkt haben will.

Der NSU-Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Die Erwartung, dort werde alles auf den Tisch kommen, was im mehr als 1000 Seiten starken Bericht des Thüringischen Landtags aufgeführt ist, dürfte aber wohl enttäuscht werden. Nach diesem Bericht sind die fünf Angeklagten, über die geurteilt werden soll, von den Behörden massiv unterstützt worden. Der Verfassungsschutz habe verdunkelt und verschleiert und Neonazis vor polizeilichen Ermittlungen gewarnt, und die Polizei habe bei der Ermittlung und Ergreifung der Täter gezielte Sabotage betrieben.

Aber das ist noch nicht alles. Christoph Rinke liest eine lange Liste mit Morden vor, die von Rechtsextremen begangen wurden. Sie alle wurden als Einzeltäter eingestuft. Von einem größeren Netzwerk der Neonazis wird nicht ausgegangen.
Schlaf gut, Deutschland.

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Die Erstveröffentlichung erfolgte im WELTEXPRESS am 09.07.2015.

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