Alle schönen Erinnerungen. Die junge Komponistin Terhi Dostal begleitet Weihnachtslieder aus Finnland am Flügel

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© 2016, Foto: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wer Weihnachtslieder abwiegelt, denkt bestimmt an das bekannte deutsche Programm mit Tannenbaum, „Morgen, Kinder …“ und „Macht hoch die Tür“. Oder an das unerträgliche englischsprachige Gedudel, das einem beim Einkaufen unverhinderlich aus den Lautsprechern entgegenquillt. Aufatmen! Es gibt in Europa noch eine andere Realität.

Still und starr liegt der See. In Mitteleuropa im Winter vielleicht nur noch im Ausnahmefall. In Finnland auch zu Zeiten des Klimaveränderungsgeredes die Regel.

Und „Land der Seen“ könnte der inoffizielle Beiname des Staates sein, wenn es wie in den USA solche Mottos gäbe wie „Eureka“ in Kalifornien und „Wir würdigen unsere Freiheiten und pflegen unsere Rechte“ in Iowa.

„North to the Future“, das Motto Alaskas, könnte auf Finnland bezogen werden.
Nach Norden zur Zukunft. Ebenso „Freiheit und Unabhängigkeit“, der Wahlspruch Delawares.

Warum? Im Gegensatz zu Frankreich, England und China ist Finnland ein junges Land. Der Weltbrand oder Weltkrieg, der später in den 1. solchen umbenannt wurde, hatte es möglich gemacht.

Das russische Zarenreich hielt dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn, zwei anderen der damals fünf Weltmächte, an seiner Westfront nicht stand. Der Frieden von Brest-Litowsk und das Zarenreich wurden geschlossen. Die nachfolgende Republik überdauerte nur kurze Zeit. Dann kamen die Kommunisten. Auf die Zerstörungen folgten Aufteilungen. Polen entstand und am Bottnischen Meerbusen 1917 Finnland.

Anderen Verlierern des Weltkriegs ging es nicht anders. Griechenland, die Türkei, Syrien und der Irak. Vertraute aus den Nachrichten mit alter Kulturgeschichte. Doch ihre staatliche Eigenständigkeit verdanken sie wie auch der Libanon, der Jemen, Jordanien, Katar, Kuwait, Oman und weitere Länder dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches nach den Kriegsereignissen; und vielleicht der Umstellung der britischen Flotte von Kohle auf Öl.

Kulturell bedeutete das ein neues Bewusstsein.
Die Kultursprachen gab es schon lange, teils mit eigenen Alphabeten. Griechisch. Türkisch. Das westslawische Polnisch; finnisch.

Aus dem Zerfall der k.u.k-Doppelmonarchie entstanden Staaten rund um Sprachgebiete und Völker. Das westslawische Tschechisch und Slowakisch. Ungarisch, das, wenn es nicht das Finnische gäbe, allein dastünde wie das Baskische. So können die beiden die Finnougrische Sprachgruppe bilden.

Dass das Finnische jetzt so im Mittelpunkt steht, hat seine Gründe.

Zum einen den 6. Dezember. Geld verdienen kann man mit dem Nikolaustag. Der erste Anlass des Monats, kleine Geschenke und Winterstiefel zu kaufen. „Was hattest du im Stiefel?“ „Einlegesohlen“. Scherz beiseite.

Der 6. Dezember ist in Finnland ein wichtiger Tag. Nicht nur Niklas wegen.
An diesem Tag 1917 erlangte das finnische Volk seine staatliche Unabhängigkeit. Dieses Jahr wurde ihr 99. Geburtstag gefeiert. Im nächsten steht die Hundertjahrfeier an.

Wie das bei solchen Jubiläen so ist, fängt das Feiern früh an. Eine Website gibt es schon: http://suomifinland100.fi .

Ein junger Staat braucht eine Nationalliteratur, Musik und Insignien. Hymne, Wappen, Flagge.

Die finnische Fahne kehrte sich bewusst vom Tiermotiv des Zarenreiches (Doppeladler) und dem komibinierten astronomischen und Werkzeug-Motiv des Folgestaates (Stern, Hammer & Sichel) ab.
Das Nationalsymbol zeigt zwar nicht schwarz auf weiß, aber hellblau auf weiß das christliche Kreuz. Damit wird eine Nähe zu den vier anderen skandinavischen Staaten demonstriert, die sich im Flaggenbild fast nur farblich unterscheiden.

Finnland ohne Weihnachtslieder ist so wie China ohne Mauer oder Australien ohne Kängurus.

Die Literatur kann auch säkular sein. Der bekannteste Dichter am finnischen und bottnischen Meerbusen ist der 1942 im lappländischen Kittilä geborene Arto Paasilinna. 2002 hatte er bereits 35 Romane geschrieben: „Der Sohn des Donnergottes“, „Die Rache des glücklichen Mannes“, „Heißes Blut, kalte Nerven“ (durchaus kein Kriminalroman). Buchtitel wie „Nördlich des Weltuntergangs“ und „Der Sommer der lachenden Kühe“ lassen seinen Humor durchscheinen.

Doch Musik ist, ob wir es wollen oder nicht, bisher immer zu einem großen Teil auch religiös. Liturgisch. Ähnlich wie viele Feste. Das Mittelalter strotzte davon, während wir uns den Rücken krummschuften.
Die großen vierstimmigen Chorwerke haben Ursprünge im Gottesdienst. Schuberts Es-Dur-Messe. Bachs H-Moll-Messe. Das Requiem von Verdi und Mozart.

Terhi Dostal begleitet die Winterlieder dieses Sonntagnachmittags, der für manche der 3. Advent ist, am Klavier.
Sie komponierte „Terve Maria – Gegrüßet seist du Maria“. Damit ist eine Aufführung eher garantiert als bei einem Schlager, denn Musik gibt es in Kirchen mindestens einmal die Woche. Sie arrangierte das Stück und führte es mit in Berlin lebenden finnischen Musikern und Musikerinnen auf.

Ein Privileg kleiner Länder, schneller zu den wichtigen zu gehören. Eine Chance, die sie genutzt hat. Terhi Dostal ist 38 Jahre alt.

Wir dürfen den Finnen also ihre vorweihnachtliche Vorfreude nicht verübeln. Am 11. Dezember kann man mitsingen, so wie es einige am 3. Dezember mit Esa Ruuttunen getan haben bei „Joulumaa“ – „Weihnachtsland“.

Das finnische Liedgut birgt allein schon im Segment „Christmas Songs“ viele Überraschungen. Rein wie der Schnee und von Herzen kommt die Vorfreude. Fein die Melodien, manchmal unbeholfen und unschuldig wie es ein kleineres Land noch sein kann. Nicht vermischt und kommerzialisiert wie in Deutschland oder den Vereinigten Staaten von Amerika.

Eine Auswahl von Titeln kann das verdeutlichen:

Carl Collán „Sylvian joululaulu – Sylvias Weihnachtslied“

Armas Maasalo: „Mä kanssa enkelten – mit den Engeln“

Olavi Pesonen: „Joulun Tähti – Weihnachtsstern“

Sulhu Ranta: „Taas Kaikki kauniit muistot – Alle schönen Erinnerungen“

Jean Sibelius‚ „Viisi joululaulua – Fünf Weihnachtslieder“
– „Nu star jul vid snöig part“
– „Nu sa kommer julen“
– „Det Mörknar ute …“
– „En etsi valtaa, loistoa … – Nicht Reichtum, Macht …“
– „On hanget korkeat, nietokset“

Ristu Vähäsarja: „Lumitähti – Schneestern“

Gönnen wir den Finnen ihre Weihnachtslieder. Sie feiern Weihnachten und ihre Unabhängigkeit und das nun schon seit fast 100 Jahren. Oder wir genießen gar das Konzert.

Wann? Sonntag, den 11.12.2016 um 17 Uhr

Wo? Veranstaltungsort: Passionskirche, Marheinekeplatz 1, 10961 Berlin (Kreuzberg)

Eine Veranstaltung des Finnland-Zentrums e.V.

Weil es so schön ist, das Wichtigste nochmal auf finnisch:

Kauneimmat joululaulut.
Sunnuntaina 11.12.2016, Klo 17:00
Passionskirche, Marheinekeplatz 1, Berlin (Kreuzberg)

Säestäjä: Terhi Dostal

Tilaisuuden järjestää Berliinin suomalainen seurakunta

(Lisätiedot: (030) 7 81 81 89)

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