Der Berlinale gehen die Kinos aus 1. Cinestar Original Sony-Center, HKW

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Kinos im Sonycenter Berlin Haupstadt Deutschlands
Imax und Cinestar sind seit dem 1.1.2020 geschlossen und stehen für die Berlinale 02/20 nicht zur Verfügung. © 2016, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Berlinale gehen die Kinos aus? Wie jetzt? Kann das große A-Festival, DAS Publikumsfestival par excellence, gar nicht mehr genug Säle anbieten? Und das zum Jubiläum, zum 70. Geburtstag? Nun, ganz so schlimm wird es nicht Ende Februar 2020. Doch Umstellungen ohne Ende gibt es.

Wie auf der Berlinale-Pressekonferenz unlängst bekannt wurde, bleibt das Cinemaxx als eines der wenigen Kinos den Internationalen Filmfestspielen Berlin fast unverändert erhalten. Das Kino mit seinen zehn großen und vielen kleinen Sälen im Keller, die auch schon das Umweltfilmfestival GreenMe von Nic Niemann nutzte mit Obamas Schwester als Gast, zeigt pro Woche nach Eigenwerbung im Normalbetrieb die größte Vielfalt. Von 52 Streifen ist die Rede, soviel, wie das Jahr Wochen hat, in einer Woche. Manche Bundesbürger sehen gar nicht soviele Filme in einem Jahr. Das Untergeschoss mit seinen kleinen Kinos für zum Beispiel 50 Zuschauer wird aber seit jeher vom EFM genutzt, dem European Film Market. Da dürfen sogar akkreditierte Journalisten nur in Ausnahmefällen hinein. Und selbstverständlich reicht ein Kino nicht für die Market Screenings, die Vorführungen für die Filmbörse.

Auch das Cinestar im Sony-Center, gern wurden beide verwechselt, was ein kurzer Fußweg wieder geradebiegen konnte (die Potsdamer Straße querend – Autofahrer aufgepasst Ende Februar von Donnerstag über zwei Wochenenden hinweg! Cineasten haben nur Filme im Kopf, keine Autos) war Schauplatz, im wahrsten Sinne des Wortes.

Das muss irgendwie ausgeglichen werden, sollen nicht nächstes Jahr die internationalen Gäste in Scharen wegbleiben. The Show must go on und das Business auch. Filmfestival und -markt finden gleichzeitig statt, weil die Zielgruppen sich überschneiden, von Otto Normalkinogucker mal abgesehen.

Pop-up-Kinos

Dass weder Publikum noch Journalisten zu den Marktvorführungen zugelassen sind, sondern nur „BUYER“, also profesionelle Käufer zum Beispiel, hat den Vorteil der kleinen Zahl. Kleine Kinos lassen sich wie kleine Häuser oder TINY HOUSES in Windeseile auf- und abbauen, wenn sie denn nur Wochen gebraucht werden. Ein Haus soll und muss Jahrzehnte halten. Bausparkassen rechnen mit 80-100 Jahren, früher hielten Häuser erheblich länger. Wer wissen will, wie lang und keine Rekorde sucht, fahre mal nach Lüneburg, schlendere durch die Altstadt und finde beim Schlendern immer wieder Überraschungen. An der Ratsmühle, Am Sande oder in der Schlägertwiete (1610).

Da in Berlin das, was man braucht – Wohnung, Kino, Flughafen – nicht immer zur Verfügung steht, wird es nachgebaut. Den Weltmarktführer für mobile Bauten freut‘s. Die seit Jahren auch für das Publikum geöffnete Audi-Lounge vor dem Berlinale-Palast ist ein Vorgeschmack.

Ein Pop-up-Book ist ein Raumbildalbum. Pop-up-Stores, Läden, die schnell mal aufmachen und genausoschnell wieder zu, kennen viele auch; so kann man sich das mit den Kinos vorstellen, um die die meisten drumherumgehen werden müssen und die wenigsten hineindürfen.

Immerhin sind in Berlin nicht nur die Straßen breit, sondern auch die Plätze.

Der Berlinale gehen die Kinos aus: 1. Das Cinestar Original im Sony-Center

Am Potsdamer Platz am beliebtesten ist das Forum im Sony-Center. Das überirdische Imax-Lichtspielhaus und die acht großen Säle Cinestars „Original“, in dem bis Jahresende 2019 vermerht Originalfassungen gezeigt wurden, prägten das Oval erheblich. Marktbeherrschend – Forum bedeutet Markt – besinders bei Premieren und Großevents. Ob Hunger Games oder Zoolander, Jennifer Lawrence oder Ben Stiller – das Sony-Center sah mehr Stars als so manch andere Location, der Berlinale-Palast einmal ausgeschlossen.

Seit Einführung des Euros gibt das Cinestar Original am Potsdamer Platz, aus kartellrechtlichen Gründen musste es Ende Dezember 2019 schließen. Bis in das vierte Quartal hinein zog sich die Hoffnung, dass das Ende abgewendet werden könnte, doch die Wende kam nicht mehr. Das Fantasy Filmfest hatte schon umgeplant in die Kulturbrauerei und es gab zwei weitere Anzeichen, doch die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ja, der Berlinale gehen die Kinos aus, und nein, der Berlinale gehen die Kinos aus. Berlin hat Alternativen und Erfahrungen seit dem 19. Jahrhundert. Trockenwohner, Lilienthal, die Goldener Zwanziger und sogar das, was danach kam.

Analogie Flughäfen: Müsste Tegel UND Schönefeld schließen, könnte man Gatow, Johannisthal, Staacken und Tempelhof aktivieren. So ähnlich ist es mit den Kinos. In der Kurbel ist Alnatura, aber das klick steht wieder leer, neue Kinos haben aufgemacht. Berlin findet eine Lösung, den die Berlinale kann nicht in Hamburg stattfinden.

Die Folgen: Früher hatte man bei der Berlinale keine Zeit, jetzt wird man es kaum noch schaffen, Filme zu gucken

Gerade für das Publikum eine Katastrophe. Riesensäle mit Fassungsvermögen fast wie der Germania-Palast in der Wilmersdorfer Straße, acht an der Zahl und fußläufig zum Roten Teppich, das lässt sich nicht ersetzen. Jedenfalls nicht ohne Atmospären- und Zeitverlust. Vergangene Jahre zeigte, dass der Potsdamer Platz das Berlinale-Feeling am besten spüren ließ, wie unter einer Glocke.

Jeder Besuch im Haus der Kulturen der Welt (HKW*), in der Akademie der Künste oder Urania brachte einen raus. Verursachte hohe Fahrtkosten und vor allem: Zeitverlust. Und Zeit ist etwas, dass man bei der Berlinale nun wirklich nicht hat. Von morgens um 9 bis nach 1 Uhr nachts laufen die Projektionen. Doch die Urania ist dieses Jahr wieder dabei. Auch die Akademie der Künste, die jüngst pausierte, da Silent Green vorhanden war (Forum expanded).

Das Cubix am Alexanderpatz (Alex) wird einiges ausgleichen, doch ist weit weg. Der 200er Bus wird oft im Stau stehen und die rote Linie U2 der BVG verbindet zwar Potsdamer Platz und Alex, doch nur Richtung Osten. Richtung Westen kann man am Potsdamer Platz zurzeit nicht aussteigen, sondern ist eine weitere Station gefangen – fast wie zu Mauerzeiten – und muss dann zurück oder läuft gleich zum Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park.

Weniger ist mehr – zumindest 2020: 1 Film pro Tag – wenn die Berlinale ein Jahr lang ginge

Und was tut die Berlinale unter neuer Leitung? Sie zeigt 60 Filme weniger. Das sorgt etwas für Entspannung; so müssen nur gut 300 gesehen werden. Einen neuen Besucherrekord kann man so natürlich knicken.

Der Kiez ist die Lösung

Gut, dass es Berlinale goes Kiez gibt. Zwar steht noch nicht alles fest, doch sorgt die dezentrale Guckerei für Entspannung im Sinne von Entzerrung. Das Dezentrale daran, denken wir, ist nicht nur praktisch und volksnäher, sondern steht der Bundesrepublik Deutschland mit ihrem dezentalen Föderalismus genauso gut zu Gesicht wie ihrer Hauptstadt.

Auch Anschlägen und Epidemien wird dadurch vorgebeugt.

Alles Gute zum Jubiläum!

*HKW: Das Auditorium ist wegen Bauarbeiten geschlossen.

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Imax und Cinestar in den besten Zeiten (2016), beide sind seit dem 1.1.2020 geschlossen und stehen für die Berlinale 02/20 nicht zur Verfügung. © 2016, Foto/BU: Andreas Hagemoser

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