„Der Goldene Pavillon“ von Yukio Mishima beglückt neu übersetzt von Ursula Gräfe die Leser*Innenwelt

"Der Goldene Pavillon" von Yukio Mishima. © Kein & Aber

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Züricher Kein-und-Aber-Verlag hat sich mit der Neuübersetzung der Bücher des umstrittenen japanischen Autors Yukio Mishima ein ehrgeiziges Ziel gesetzt.

Aktuell erschienen 2019 mit dem „Bekenntnis einer Maske“ und „Der Goldene Pavillon“ zwei Bücher neu übersetzt, im Frühjahr wird mit „Leben zu verkaufen“ ein drittes Buch folgen.

Bisher wurden für die deutschen Mishima-Übersetzungen häufig Übertragungen vom japanischen ins amerikanische Englisch benutzt, was dazu führte, dass viele Mishima-Leser, u.a. Christian Kracht, die bessere französische Übersetzung goutierten, nun werden alle Bände direkt aus dem Japanischen übersetzt. Das liest sich wie folgt = betörend: „Ein leichter Wind wehte wie ein fröhliches Insekt mit unsichtbarem Flügelschlag vom Meer zu mir herüber, als wollte er mir wichtigtuerisch ein delikates Geheimnis anvertrauen.“

Im Gegensatz zur „Maske“, ist der „Pavillon“ mit einem formidablen Nachwort und einigen ordnenden Anmerkungen der Übersetzerin versehen. Das macht die Lektüre verständlicher für die moderne Leser*in und ist hoffentlich auch in den folgenden Bänden vorgesehen.

Im „Pavillon“ schickt Mishima den jungen, stotternden Zen-Novizen Mizuguchi in den Goldenen Pavillion von Kyoto. Überwältigt von dessen Schönheit, entwickelt der von seinen Mitmenschen gemiedene Student eine merkwürdige Obsession für den Pavillon, die nur in einer Katastrophe enden kann.

Mishimas Sprache ist üppig, geradezu hypnotisch und bildgewaltig, der Untergang des Mönchleins wird in luziden und happigen Bildern geschildert, wie häufig ist die Gefühlswelt von Mishimas Außenseiter-Helden deformiert. Mizuguchi ist ein wirrer Geist, dessen Sexualleben gewissermaßen von der Spitze des Goldenene Pavillons gelenkt wird. Jeder Tourist, jeder gemeine Betbruder ist ihm ein Gräuel, nein ein Konkurrent im Liebeskampf.

Mishima verzichtet auf eine Botschaft oder Ideologie, sein Held handelt autonom. Der Roman beruht auf einer wahren Begebenheit, zu Recherchezwecken hatte Mishima den wirklichen Mönch im Gefängnis besucht, dessen Tat Anfang der 50er Jahre ganz Japan stark beschäftigte.

Lieben heißt Kämpfen, diese Binsenweisheit bestimmte das Leben des nationalistischen Aktivisten und Schriftstellers Yukio Mishima nicht nur am Ende des 2. Weltkrieges, als Japan kurz vorm Kollaps stand. Schauerlich, sein nationalistisch bestimmter Begriff der Ehre und seine, aus heutiger Sicht, schwer verständlichen, stark ritualisierten Vorstellungen von Männlichkeitsritualen. Hinzu kommt sowie sein legendärer Literaten-Tod am 25.11.1970. Nach einem gescheiterten Staatsstreich, in dem er das alte japanische Kaiserreich reanimieren wollte, beging er das rituelle Seppuku, einen tödlicher Magen-Darmschnitt, inklusive gleichzeitiger Köpfung durch einen Helfer.

Mishima war ein stranger Geist, seine Homosexualität ein offenes Geheimnis, auch wenn sich seine Nachfahren heute dagegen verwahren.

Er hatte einige spektakuläre Häutungen zu bieten. Aufgewachsen als schmalbrüstiges Omakind mit Sportverbot, stählte er in den 1950ern seinen Körper und trat in den 1960ern in reißerischer Samurai-Filmchen auf und posierte für Fotobände mit homoerotischen Halbakten. Zum Ende seines Lebens fraß er Kommunisten und in seinen Augen zu lasche Nationalisten gleichermaßen zum Frühstück.

Sprachlich beweist sich „Der Goldene Pavillon“ als japanischer Klassiker, den man im historischen Kontext lesen kann. Wie im wirklichen Leben Yukio Mishima ein konsequenter politischer Wirrkopf war, ist es sein Held Mizuguchi im Roman – mit entsprechendem Finale furioso.

Bibliographische Angaben

Yukio Mishima, Der Goldene Pavillon, 336 Seiten, Original: Kinkakuji, Übersetzerin: Ursula Gräfe, fester Einband, Format: 11,6 x 18,5 cm, Verlag: Kein & Aber, Zürich, 18.12.2019, ISBN 3-0369-5807-1, Preis: 22 EUR (Deutschland)

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