Die Blechtrommel als Brechtrommel, als Attraktion und Ärgernis

"Die Blechtrommel" von Günter Grass. © dtv

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wenn jemandem etwas zum Halse raushängt, dann könnte er brechen. Und wann ist das der Fall? Richtig, wenn man etwas nicht mehr ertragen, nicht mehr hören und sehen kann. Dann möchte man nicht nur speien und spucken, sondern kotzen und brechen. Ich weiß nicht, wie es ihnen mit der Blechtrommel geht, aber für mich ist sie längst zur Brechtrommel geworden.

Einmal und zum Zwecke des Studiums noch einmal mag mancher den Roman von Günter Grass, der 1959 als Auftakt der Danziger Trilogie erschien, lesen und mit Ich-Erzähler Oskar Matzerath die Episoden unter einem Rock auf einem Kartoffelacker in Kaschubien oder unter und mit anderen Leuten in Danzig und Düsseldorf durchleben. Man mag auch das Hörspiel zum Buch ins Ohr gehen lassen, damit es in einem aparten Mix aus beschriebenen und beigefügten Bildern im Kopf bleibt.

Die wenigsten werden „Grass liest Die Blechtrommel“ gehört haben, aber die meisten werden die Verfilmung von Volker Schlöndorff aus dem Jahr 1979 gesehen haben. Unter ihnen dürfte es viele geben, die den preisgekrönten und auch vor 40 Jahren mit einem Oscar ausgezeichneten Film doppelt und dreifach schauten. Ein Jahr zuvor und also 1979 gab es die Goldene Palme. Ich kenne alle Fassung, sogar die „Director’s Cut“ genannte Langfassung mit 20 Minuten mehr. Warum aber Schlöndorffs Blechtrommel zum x-ten Mal beaugapfeln?

Wer immer noch nicht genug hat, der solle nun auch die in 4K restaurierte Fassung gucken, die laut Pressemitteilung des Entertainment Kombinats mit Sitz in Berlin vom 19.8.2020 „am 31. August 2020 ihr bundesweites Leinwand-Revival … feiern“ werde. Bild und Ton sollen komplett überarbeitetet worden sein.

David Bennent als Oskar Matzerath, Mario Adorf als Alfred Matzerath, Angela Winkler als Agnes Matzerath, Katharina Thalbach als Maria Matzerath und viele andere mehr mal wieder im Kino kieken, warum?

Weil die Blechtrommel mit ihrem anarchistischen Zwerg Attraktion und Ärgernis zugleich ist?

Dann doch lieber zu den beiden anderen Werken aus der Danziger Trilogie greifen, sich Zeit nehmen und nach „Die Blechtrommel“ auch „Katz und Maus“ und „Hundejahre“ von Günter Grass lesen. Vielleicht werden sie wie ich feststellen, dass man in allen drei Büchern mehrfach auf die gleichen Orte und ähnliche Personen trifft sowie auch Textstellen, die sich zu entsprechen scheinen. Und immer gibt es einen Ich-Erzähler, der eine Schuld verdrängt, handelnde Personen, die sich dem Vergangenen, das nicht vergehen will, schämen und die Schuld von Erwachsenen im Allgemeinen und die Unschuld der Kinder im Besonderen.

Anzeige