Ein Hund tanzt auf dem Vulkan – „Golden Years“ im Wintergarten-Varieté entführt in die wilden 20er Jahre

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Hund wie Herrchen macht der Auftritt tierischen Spaß. © Foto/BU: Fritz Hermann Köser, Aufnahme: Berlin, 9.9.2022

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die bessere Hälfte ist manchmal recht launisch. Tut einfach, was sie will. So ist es nun mal in vielen Partnerschaften. Auch Rodrigue Funke weiß das nur zu gut. Nur muss er die Launen eines Vierbeiners ertragen. Loulou heißt die Drahthaar-Foxterrier-Dame, mit der er im Wintergarten für Staunen und reichlich Heiterkeit sorgt. Ob Seilspringen, ob Rückwärtslaufen, das Tier macht alles freudig und eifrig mit. Und wenn mal nicht, dann ist es umso lustiger. Ohnehin weiß man nicht genau, wer von den beiden eigentlich die Hosen an hat. Besonders dann, wenn der äußerst sprungstarke Hund frech nach des Herrchens Mütze schnappt.

Vereinigt Tradition und Moderne: Diva Tomasz. © Foto/BU: Fritz Hermann Köser, Aufnahme: Berlin, 9.9.2022

Zumal es sich dabei nicht um irgendein Basecap, sondern um ein formvollendete Kopfbedeckung im Stil der 20er Jahre handelt. Auch sonst wirkt Rodrigue mit seinem erlesenen Tweed-Look, seiner Weste, seiner Fliege, geradezu wie eine Stilikone jener Jahre. „Golden Years“ nennt sich nicht von ungefähr die Show, die derzeit im Wintergarten läuft. Regisseur: Rodrigue Funke. Der Artist und Tierlehrer führt mit Sängerin Nina de Lianin auch noch durch das Programm. Immer macht er dabei einen hervorragenden Job.

Führen durch das Programm: Rodrigue Funke und Sängerin Nina de Lianin. © Foto/BU: Fritz Hermann Köser, Aufnahme: Berlin, 9.9.2022

An diesem Abend werden die Zuschauer zu Zeitreisenden. Tauchen ein in das brodelnde Berlin der 20er, erleben den damaligen Tanz auf dem Vulkan. Filmsequenzen und Projektionen von Fotos und Bildern lassen das Lebensgefühl von einst wieder auferstehen. So ist auch ein berühmtes Porträt von Otto Dix zu sehen. Anita Berber. Sehr interessiert scheint sie auf die Artistin wenige Meter von ihr zu blicken. Samira Reddmann verbiegt sich lasziv am Trapez, als wollte sie der berühmten Schönheitstänzerin von einst Konkurrenz machen. Eine wahrlich verruchte Nummer.

Eine Nummer am Trapez, sehr gekonnt und leicht verrucht: Samira Reddmann. © Foto/BU: Fritz Hermann Köser, Aufnahme: Berlin, 9.9.2022

Die Show schlägt aber auch einen Bogen ins Heute. Mit sehr modernen Protagonisten. Etwa den Mohamed-Brothers. Fujo und Momo, die beiden Kraftakrobaten aus Tansania begeistern mit atemberaubenden Balance-Kunststücken. Ob Kopf auf Kopf, Kopf auf Fuß oder im einarmigen Handstand, auf der Stirn des Partners, alles sorgt für tosenden Applaus. Ein Top-Act, von zwei Newcomern, die sicherlich zu den Shootingstars der Varieté- und Circus-Szene zählen werden.

Scheint die Gesetze der Schwerkraft zu überwinden: Phil Os. © Foto/BU: Fritz Hermann Köser, Aufnahme: Berlin, 9.9.2022

So wie Phil Os. In alle Richtungen fliegen seine Diabolos und kommen, wie von Geisterhand, wieder zurück. Eine energetische, dynamische, laute Nummer, die die Gesetze der Schwerkraft aufzuheben scheint. An die Grenzen der Physik scheint auch das Duo Randols zu stoßen, mit einer rasanten Rollschuh-Nummer. Denise Garcia-Sorta und Massimiliano Medini waren bereits in der Cirque du Soleil-Show „Totem“ das Highlight. Tradition und Moderne vereint dagegen Diva Tomasz. Die Bühne ist in tiefblaues Licht gehüllt, als sie ihren unglaublichen Bauch- und Serpentinentanz zeigt. Auf ihrem weißen Gewand erscheinen dabei immer wieder farbenfrohe Projektionen.

Stößt an die Grenzen der Physik: das Duo Randols. © Foto/BU: Fritz Hermann Köser, Aufnahme: Berlin, 9.9.2022

Alles in allem eine Vorstellung, wie sie auch vor 100 Jahren im alten Wintergarten an der Friedrichstraße hätte stattfinden können. Inklusive Loulou, dem eigensinnigen Foxterrier. Schließlich galt diese Rasse in den 20er Jahren als absoluter Modehund. Also dann: Vorhang auf.

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