Fick die Götter, er will doch nur Liebe – Marlon James schickt seinen queeren Helden in die Hölle

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"Schwarzer Leopard, roter Wolf" von Marlon James. © Heyne Hardcore

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Was für ein Buch! Man braucht schon ein paar Minuten, um sich auf Marlon James afrikanische Welt einzulassen, in der Hexen, Zauberer, seltsame Wesen, unerwartete Wege, geheime Tränke und sonstiges lebendiges und totes Zubehör die Leserin und ihren Leser mürbe machen. Hat man aber einmal das goldene Schlüsselchen gefunden, bewegt man sich metaphysisch wie einst Jung Siegfried im Mai auf den Pfaden der Verhängnis. Die oft in Sekundenschnelle Pfade der Verheißung werden. Denn höret, wie in jeder guten fantastischen Geschichte, ist auch im 828 Seitenwälzer „Schwarzer Leopard, roter Wolf“ nichtswie es scheint.

Im Groben geht es in James Buch (das er als ersten Teil der Reihe Dark Star angekündigt hat) um die ewige Hatz nach Liebe. Unser Hauptheld ist der Sucher, doch bereits am Anfang erfahren wir, dass Objekt seiner Suche ist nicht mehr: „Das Kind ist tot. Weiter gibt es nichts zu wissen.“

Sucher sucht die verlorene Liebe seiner Mutter und gibt in den Etappen der Erholung seine abstrakte Liebe (Gelegenheit sie zu zeigen bietet sich selten) seinen Kindern, genannt Mingi: „Und was für Kinder waren das? Zwei Jungen, Zwillinge, jeder mit einem eigenen Kopf, einer eigenen Hand und einem gemeinsamen Bein, doch an den Flanken verbunden und mit einem gemeinsamen Bauch. Ein kleines Mädchen aus blauem Rauch wurde von einem Jungen gejagt, der einen leib hatte so groß und so rund wie eine Kugel, aber keine Beine. Ein weiterer Junge mit einem kleinen glänzenden Kopf und Haaren, die sich zu kleinen Punkten kringelten, und einem kleinen Körper, doch Beinen so lang wie eine Giraffe. Und noch ein Junge, weiß wie das Mädchen vom Tag zuvor, doch mit Augen so groß und blau wie Beeren. Und ein Mädchen mit dem Gesicht einen Jungen hinter dem linken Ohr. Und drei oder vier Kinder, die wie die Kinder einer jeden Mutter aussahen, aber kopfüber auf der Decke standen und mich ansahen.“

Sucher ist mal ein Söldner, dann ein Sexsüchtiger und queerer Meuchelmörder, dann wieder ein Einsamer Liebender, ein Gefangener arger Herrschaften, ein zärtlicher Vater und helfender Gefährte, der mit wechselnden Verbündeten durch die Lande zieht, fliegt, teleportiert.

So schnell wie sich Sucher wandelt, so flink dreht sich das Rad der Geschichte, die eine Erzählung aus vielen Geschichten und Perspektiven ist. Hauptwege, Nebenwege, Sackgassen – und sehr viel Sex und Gewalt. Alle paar Seiten verkündet Sucher ein „Fick die Götter“, er verkündet es Freunden und Feinden gleichermaßen.

Man muss viel Zeit und viel Neugier mitbringen, um sich in James fantastischer Welt nicht zu verlieren. Wenn man weniger Wert auf den Inhalt legt und sich ganz in den sprachlichen Flow versenkt, ist es ein stranger Ritt durch eine dunkle, surreale Alptraumgegend.

Um den Zusammenhang nicht zu verlieren, hat James unruhigen Geistern und überzeugten Fantasiejüngern, die zugegebenermaßen ganz schön zu ochsen haben, ein paar Karten und die wichtigsten Schauplätze (die ständig wechseln) und Charakteristika seiner Figuren mitgegeben.

Ich habe das Buch in einem mehrtägigen Ritt gelesen und jede Seite genossen, mich dabei in den Blutsümpfen nie verirrt und jede Vergewaltigung und jeden grausamen Mord des modernen afrikanischen Shakespeare Marlon James (der eigentlich aus Jamaika stammt) gut überstanden.

Wer ernsthafte Literatur mag, ist hier richtig. Wer leicht schnabbulierbare Fantasy MarkeGames of Thrones verlangt, wird das Buch nach dreißig Seiten in die Ecke hauen.

Bibliographische Angaben

Marlon James, Schwarzer Leopard, roter Wolf, erster Band der Dark-Star-Triologie, Roman, 832 Seiten, aus dem Englischen von Stephan Kleiner, fester Einband, Verlag: Heyne Hardcore, München, 21. Oktober 2019 ISBN: 3-453-27222-4, 28 EUR (Deutschland), 28,80 EUR (Österreich), 38,90 SFr

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