GeSPERRt Bayrische Trilogie, Stücke von Martin Sperr: Münchner Freiheit

Bayrische Trilogie von Martin Sperr, * am 14.9.1944 in Steinberg/ Niederbayern. st 28 Jagdszenen aus Niederbayern, endgültige Fassung 1967. © Photo/ BU: Andreas Hagemoser 2020

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Bayerische Trilogie von Martin Sperr ist nur ein Beispiel; und dennoch: es ist erstaunlich, wie weit Sars-CoV-2 oder das „neuartige Coronavirus“ – besser sollte es heißen: das unartige – in unser Bewusstsein eingedrungen ist. Schon bei der Berlinale schrieben wir von einem Virusbewusstsein, doch hätten wir uns nicht träumen lassen, welchen Platz das alles in unserem Leben und Geistesleben einnehmen wird. Das Virus und die politischen Reaktionen darauf. Sowie die Tatsache, dass man nicht mal so eben wegfahren kann, um dem ganzen zu entkommen. Unter Umständen war es im Ersten oder Zweiten Weltkrieg einfacher, eine Reise zu unternehmen. Und die Vorstellung, dass es dahinten, in Schweden, Ungarn und in der Schweiz, auch nicht besser ist oder sogar schlechter, trug nicht zu unserer Laune bei und verunsicherte uns so wie selten. Bis ins Mark.

Natürlich gibt es da diejenigen, die weitermachten wie im Februar und sorglos überall hingingen, Nähe nicht scheuten. Doch sie trugen zur Verunsicherung noch mehr bei und waren Teil des Problems, nicht der Lösung.

Die „Bayerische Trilogie“ ist ein Suhrkamp-Taschenbuch, dass drei Stücke von Martin Sperr versammelt: „Jagdszenen aus Niederbayern“ ab Seite 7,

„Landshuter Erzählungen“ ab Seite 61 und

„Münchner Freiheit“ ab Seite 125.

Solang war ich in der Wohnung

In den Jagdszenen sagt auf Seite 58 Frau Bock: „Solang war ich in der Wohnung.“

Wer dächte nicht dabei an heute? An sich selbst oder andere? An Home-Office und schreiende Kinder? Auch wenn der „STAY-AT-HOME“-Terror in Deutschland übertrieben scheint, da es konkrete Regeln nach dem Infektionsschutzgesetz gibt, die ein „Leben“ außerhalb der Wohnung definieren und ermöglichen. In Spanien und Italien war das nicht so lustig. Insofern auch die Klagen derer und die Gespräche über die, die „zuhause bleiben“ mussten, nur bedingt wörtlich zu nehmen. Umstellung – ja. Home-office eine Herausforderung – unbedingt. STAY AT HOME, Bleib zuhause, als Slogan und Empfehlung – unbedingt. Aber eben nicht mehr und nicht weniger. Wer schon eingekauft hatte und Angst, zum Arzt zu gehen, konnte, wenn ihm die Decke auf der Kopf fiel, raus. Spazierengehen. Sogar Joggen. Das Sonnen war nur kurze Zeit verboten. Mit Abstand geht alles. Wenn die Decke fällt, muss man sich nicht darunter stellen und auf das ‚Aua‘ warten.

Die Regeln für die Bundesrepublik waren zivil. Wenn auch vielen zuviel.

In der DDR kannte man die Flucht ins Private, Datsche, basteln und Selbermachen hatten Hochkonjunktur. Auslandsreisen unter 65: In der Regel Fehlanzeige. Und selbst wenn: Ohne Devisen macht es keinen Spaß. Heute gibt es Freizügigkeit und Reisefreiheit – und doch wieder nicht. Wohin reisen? Welcher Zug fährt noch? Wie klein ist die Restfreiheit?

Die Flucht endet an der eigenen Haustür, spätestens bei der Rückkehr. Jeder gerät dabei zu einem Flüchtling aus der zu einem Gefängnis gewordenen Situation. Doch anders als afrikanische oder asiatische Flüchtlinge, die bis Februar 2020 in Europa bessere Verhältnisse sahen und suchten und anders als ostpreußische Flüchtlinge, die 1945 im Westen Deutschlands Sicherheit suchten oder auch DDR-Flüchtlinge, die sich bis 1990 einer Abwesenheit des Sozialismus in der Bundesrepublik recht sicher sein konnten, kann man einer Pandemie nicht entfliehen.

Sperr schreibt an anderer Stelle: „Zehnte Szene: Die Bushaltestelle Die Leute stehen in Gruppen und warten auf den Bus. Die Flüchtlingsfrau und Konrad treten auf“. Wer hat jetzt gedacht: warum stehen die Leute in Gruppen?

Münchner Freiheit

Bayrische Trilogie von Martin Sperr, geboren am 14.9.1944 in Steinberg/ Niederbayern. st 28 Suhrkamp-Taschenbuch Nr. 28 © Photo/ BU: Andreas Hagemoser 2020

Oder der Name des Stücks – „Münchner Freiheit“ – auch ein Hinweis auf die dort anderen Regeln? Die Berliner Freiheit ist anders. Eine solche Straße gibt es auch – doch sie ist kurz. In Spandau gibt es die Freiheit – und sie ist lang. Beides sind Straßennamen. Und dann gibt es noch die schwedische Freiheit: Restaurants, Läden und Schulen auf. Missverstanden und von Neid verzerrt.

Bei Sperr lesen oder hören wir in der „Münchner Freiheit“auf Seite S. 137:

Katharina: Wir ersticken auch.

Jackie: Eure Stadtplanung ist ein Mordanschlag auf die Bevölkerung.

Katharina: Die Bevölkerung lebt noch.

Jackie: Die Arbeitnehmer haben keine Zeit, sich Gedanken zur Stadtplanung zu machen. Sie sind ihr Opfer.

Unverhoffte Gemeinsamkeiten, Stadtplanung, Hygiene, Markt und Tugend

In Wuhan, Norditalien, besonders der Lombardei, und in New York ist die Abgasbelastung hoch – durch Industrie, Straßenverkehr, oder beides. Wer hätte gedacht, dass man diese drei Regionen – eine der beiden größten Städte Chinas, den Wirtschaftsmotor Italiens, das sich immer mal wieder in Nord und Süd trennen wollte (nicht umsonst gibt es die Lega Nord) und noch in der G7 ist und die brodelnd-quirlige Stadt am Hudson, die von vielen für die Hauptstadt der USA gehalten wird und in der die Luft nicht gut ist, obwohl sie an Fluss und Meer liegt und kein Auto zu haben, sondern mit dem Taxi zu fahren zum guten Ton gehört – mal in einen Topf schmeißt? Und ein Virus der Anlass dazu ist?

Ist Stadtplanung vielleicht der Lieblingsberuf der Kinder von morgen? Das Arzt werden nur begrenzt helfen kann, Stadtplanung aber prophylaktisch wirken? Hätte man dem Nassmarkt von Wuhan mehr Platz gegeben oder dem Marktgeschehen räumlich und organisatorisch die gebotene HYGIENE verabreicht, hätte das vielleicht den Unterschied gemacht und die größte Wirtschaftskrise seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 verhindert. (Manchmal gibt es merkwürdige Tippfehler: Weltwirrtschaftskrise. d.Red. )

Es muss allerdings an dieser Stelle auch kurz gesagt werden, das vegetarisch essen eine gute Idee ist.

Wahrnehmung ist selektiv

Wie man es auch dreht und wendet, die Wahrnehmung bleibt selektiv. Wohl dem, der jetzt noch so denken kann wie früher, möchte man meinen.

Stand in der Bibel nicht etwas ähnliches: Selig sind die geistig Armen? (Denn ihrer ist das Himmelreich?)

Ein paar Worte zu Martin Sperr

Martin Sperr kann man auf Augenhöhe mit Fassbinder und Kroetz sehen. Der Titel seines ersten Stückes Jagdszenen aus Niederbayern wurde zum geflügelten Wort für eine Hetzkampagne, eine Verleumdungskampagne.

Bereits bei den endgültigen Fassung 1967 arbeitete er eng Karlheinz Braun von Suhrkamp in Frankfurt am Main zusammen, sodass das Buch nicht zufällig dort erschien. In derselben Stadt legte er vor 55 Jahren und 5 Tagen seine Reifeprüfung für Schaupiel ab, am 4. Mai 1965, denn er war nicht nur Dramatiker, sondern auch Schauspieler. Sein Werdegang – Handelsschule, kurz nach dem Mauerbau bei Siemens in München Industriekaufmannlehre, die er freiwillig abbrach, um Schauspieler zu werden – war geerdet. Vielleicht auch deshalb prangerte er soziale Missstände immer wieder an. Seine „Jagdszenen“ erschienen in der Zeit der APO, der außerparlamentarischen Opposition, als das ganze Land dagegen kämpfte, dass Notstandsgesetze die deutsche Verfassung außer Kraft setzen könnten. Denn SPD und CDU hatten im Bundestag eine Zweidrittelmehrheit und konnten die Verfassung, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland von 1949, ändern. Damit sind wir wieder im heute angelangt, wo Unmut über eine Große Koalition, die orwellmäßig Groko genannt wird, als Notlösung herrscht und Grundrechte vorübergehend außer Kraft gesetzt werden.

Die Bayerische Trilogie, im Original „bayrische“, versammelt drei Texte, die die Nachkriegsgesellschaft zeigen sollen. Sie spielen 1948, 1967 und 1971. In den Landshuter Erzählungen, dem zweiten Stück, geht es um den Konkurrenzkampf zweier Baulöwen; das dritte Stück, das ‘71 spielt während der Vollbeschäftigung vor der Ölkrise, ist eine Satire um Entmietung und Immobilien-/ Bodenspekulation. Ein Jahr später wurden die drei Stücke in der Bayrischen Trilogie zusammengefasst.

Er übersetzte auch, Bond und Shakespeare aus dem Englischen – Der Widerspenstigen Zähmung, Gerettet – und ins Bayrische – Molière etwa (Da Geiz is da Neid) und Sabine Thieslers Lottoglück (Loddoglügg).

Sperr starb 2002 57jährig in Landshut. In Niederbayern war er 1944 geboren worden.

Seinem Geburts- und Rufnamen hat er widersprochen. So etwas durchzusetzen, bedeutet Stärke und zu wissen was man will.

Bibliographische Angaben

ISB-Nummer = ISBN 3518065289.

Martin Sperr: Bayrische Trilogie.

Copyright 1977. Suhrkamp-Verlag Frankfurt am Main. Das Buch erschien als Suhrkamp-Taschenbuch st 28, also das eines der ersten Suhrkamptaschenbücher überhaupt, in mehreren Auflagen mindestens bis 1981. Vermutlich vergriffen, siehe bei abebooks.de , booklooker.de , etc.

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