Grandioser Blick in die Beschaffenheit eines Verbrechers – Annotation zum Sachbuch „Der König der Favelas“ von Misha Glenny

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© Tropen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Gleich vornweg, Misha Glenny ist ein großer Wurf gelungen. So ein feinsinniges und wissendes Portrait eines Verbrechers, das mit der nötigen Distanz zu den beschrieben Schreckenstaten doch immer auf dem Teppich der Wirklichkeit bleibt, habe ich lange nicht lesen dürfen.

Antônio Francisco Bonfim Lopes, genannt Nem, wächst in Rocinha auf, einer der größten Favelas in Rio. Bis zu einem bestimmten Punkt versucht er sich ein Leben fern der Kriminalität aufzubauen. Ein Schicksalsschlag lässt ihn letztlich die Seiten wechseln. Fortan macht er Karriere im Syndikat. Dank eines flinken Verstandes steigt er schnell auf in der Hierarchie der Gang und wird schließlich zum König von Rocinha und zum Chef der berüchtigten Gang Amigos dos Amigos.

Das großartig gedichtete Buch vereint die Elemente einer spannenden Reportage mit klugen Analysen des politischen und wirtschaftlichen Geschehens in Brasilien ab Mitte der 80er Jahre. Breit fächert der Autor die gesellschaftliche Tragödie Brasiliens vor uns aus, wo die Worte Solidarität und Miteinander in den Favelas nur Hohnlachen erzeugen.

Unbedingt lesen, ein Tauchgang in die Abgründe des Menschen, ein dramatisches Epos auf eine Favela-Jugend ohne Chance.

Bibliographische Angaben

Misha Glenny, Der König der Favelas, Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption, Aus dem Englischen von Dieter Fuchs (Original: Nemesis: One Man and the Battle for Rio), Tropen Verlag, Berlin 2016, 424 Seiten, mit farbigem Bildteil, ISBN: 978-3-608-50335-7, Preis: 22,95 Euro (D)

Anmerkung:

Vorstehender Beitrag von Frank Willmann wurde am 10. Februar 2016, um 15:07 Uhr MEZ, im WELTEXPRESS erstveröffentlicht.

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