„Heimwehreise“ – Serie: An der Haltestelle (Teil 4/4)

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Arno Surminski liest im April 2017 aus seinem Buch "Besuch aus Stralsund" in der Stadtbibliothek Stralsund. © Foto/BU: Dr. Peer Schmidt-Walther, Aufnahme: Stralsund, April 2017

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Heimwehreise“ ist eine Kurzgeschichte aus dem neuen Buch „An der Haltestelle“ von Arno Surminski. Heute präsentieren wir im KULTUREXPRESSO diese exklusive Vorveröffentlichung.

Sie wollten länger wegbleiben, eine Woche mindestens.

Wo wollt ihr hin? fragte Egon.

Nach Schomski, antwortete Hannes.

Nie gehört.

Das liegt mitten in Polen. In Schomski ist der Walter auf die Welt gekommen, erklärte Hannes. Er will seine Hütte noch einmal sehen, bevor er auf den Friedhof kommt.

Und dieses Schomski ist per Bus zu erreichen? wunderte sich Elvira.

Heutzutage fahren überall Busse, sogar nach Russland, erklärte Walter. Wir haben letzte Woche einen getroffen, der ist mit dem Bus die chinesische Mauer abgefahren.

Elvira versprach, ihnen ein paar Brote für die Reise zu schmieren.

Das tut nicht nötig, sagte Walter. Der Busfahrer bringt einen Sack Verpflegung mit. Außerdem fahren wir nach Polen. Da gibt es immer genug zu essen, für gutes Essen sind die Polen berühmt.

Wo wollt ihr schlafen? fragte Egon.

Im Bus, antwortete Hannes. Es gibt keinen besseren Platz, so ein Bus schaukelt dich schön in den Schlaf.

Es meldete sich Lisbeth.

Nehmt mich mit, ich bin auch aus dem Osten, sagte sie.

Wo bist du geboren? fragte Walter.

In Marggrabowa.

Das klingt gut! meinte Walter. Aber es ist zu weit entfernt. Dieses Marggrabowa liegt dicht an Russland. So weit fährt unser Bus nicht.

Lisbeth fing an zu weinen.

Ich will nur noch einmal über den größten Marktplatz Deutschlands wandern, sagte sie. Den gab es in Marggrabowa.

Das ist nicht mehr Deutschland! rief Hannes. Wenn du einen großen Marktplatz sehen willst, musst du nach Heide in Holstein fahren. Da kannst du dir die Füße wund laufen.

Um Lisbeth zu beruhigen, verabredeten sie, übernächste Woche eine Bustour nach Heide zu unternehmen. Aber Lisbeth wollte nicht. Entweder Marggrabowa oder gar keinen Marktplatz. Heide haben wir noch lange, sagte sie, aber Marggrabowa geht langsam unter.

Braucht ihr kein Visum an der Grenze? fragte Egon.

Weißt du nicht, dass Polen und Deutsche Freunde sind? sagte Walter. An dieser Grenze kann jeder kommen und gehen, wie er will. Du merkst gar nicht, dass es eine Grenze ist.

Der Bus ist da! rief Elvira und zeigte aus dem Fenster.

Auf nach Schomski! rief Hannes. Wenn wir wiederkommen, erzählen wir euch, was die Polen zu Mittag essen.

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