Mäuse im Medizinbereich. Die ConhIT 2017 beschäftigte sich in ihrer Sprache mit einem Thema, das eigentlich alle angeht

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© Foto: Andreas Hagemoser, 2017

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Mäuse für den Medizinbereich“ bietet die Firma ‚Man & Machine‘ an. Selbst diese kurze Mitteilung – ganz ohne Fremdwörter – ist schwer verständlich. Sind hier Nager in hygienisch heiklen Bereichen unterwegs? Geht es um Kredite für Ärzte? Oder – oh weh – handelt es sich gar um ein Unternehmen, dass Tiere für Tierversuche zur Verfügung stellt?

Nichts dergleichen. Die gekürzte Message lautet in Langform „Tastaturen, Mäuse und Schutzfolien für den Medizinbereich“.

Wasser auf der Tastatur

Auf der Berliner Messe conhIT auf dem Messegelände unter dem Funkturm ließ man am Stand von ‚Man & Machine‘ Wasser über eine Tastatur laufen – eine geschützte, versteht sich.

Ärzteprivilegien

Ärzte genießen Privilegien; eines davon ist es, neben dem Rechner Kaffee zu trinken, ohne Sorge zu haben, ihn zu verschütten und durch den Kurzschluss den Computer lahmzulegen.

Ein runder Geburtstag

Die conhIT ist ein Forum für EDV im Gesundheitswesen – oder IT in der Health Care, wie es auf denglisch heißt.
Dieses Jahr feierte man das 10jährige Jubiläum, einen 10%igen Zuwachs bei den Ausstellern und erheblich mehr Besucher.

Das Thema Daten in der Medizin ist eines, das alle, die irgendwann mal zum Arzt gehen, früher oder später betrifft.

Der schmale Grat

Die Möglichkeiten, Daten zu sammeln, zu verwalten und zu verknüpfen, sind enorm. Die Gefahren des Datenmissbrauchs ebenfalls. Es gilt also, die Gratwanderung zwischen echtem Patientennutzen und maximal geschützten und nach Gebrauch wieder gelöschten Daten zu vollziehen.

Die Digitalisierung ist in vollem Gange. Während sie die Büros schon vor langer Zeit erfasste, stehen im Gesundheitswesen immer noch und immer wieder Hindernisse im Weg. Nicht nur Datenschutzgesetze.

Es geht um Menschenleben

Jedes Land hat andere Gesetze, wer wie Kranke heilen und behandeln darf. Was darf ein Pfleger, eine Krankenschwester, ein Arzt? Nicht zuletzt entstehen durch Gerätemedizin und digitale Netze hohe Kosten, die die Stadt- und Staatssäckel nicht in dem Maße hergeben, wie die Wirtschaft sich das wünscht. Die starke Einbindung rechtlicher Aspekte in die Software erfordert eine teure Programmierung.

Die Digitalisierung ist weiter gediehen als vermutet

Doch die Digitalisierung geschieht. Sie kommt nicht, sie ist schon da und geht in atemberaubenden Tempo weiter. Vieles, was wir als Kinder kennengelernt haben, gibt es schon jetzt kaum noch.

Keine analogen Thermometer mehr

Beispiel Fieberthermometer: Quecksilberhaltige (analoge) Thermometer musste man zum erneuten Gebrauch herunterschlagen; das Messen dauerte 5 Minuten.
Heute wird ein Gerät ins oder ans Ohr gehalten und der Wert „Körpertemperatur“ ist sofort da.
Er muss auch nicht mehr an einer Dezimal-Skala abgelesen werden. Er steht als Zahl auf einem Display.
Zwar werden diese Werte bisweilen noch mit der Hand in Papierlisten und -akten eingetragen. Doch die Übermittlung des Werts per Bluetooth – auf Wunsch automatisch und regelmäßig – ist seit langem möglich.
Immer weniger beschriebenes und bedrucktes Papier ist in Kliniken und Praxen zu finden.
Impfpass und Papierrezept werden als nächste um das Überleben kämpfen.

Warum nimmt der einzelne diese Revolution kaum wahr? Wir fragten Alexander Wlad, Geschäftsführer der a3L E-solutions GmbH in Wien. „Es liegt an der Sprache, und die digitalen Vorgänge sind in der Regel viel zu kompliziert und schwer zu verstehen.“ Es würde noch eine Weile dauern, bis das Ausmaß dieser Revolution ins öffentliche Bewusstsein dränge.

Das – zugegeben aus dem Kontext gerissene – Beispiel mit den Mäusen zeigt, wie schwer Kommunikation ist. In der Medizin sind griechische und lateinische Begriffe an der Tagesordnung. Durch die EDV auch viele englische.
Wer aber meint, englisch zu können, stößt im IT-Bereich an Verständnisgrenzen, da das Vokabular einen eingeengten oder verfremdeten Sinn zugeordnet bekommt.

Text edieren

Wie falsch das sein kann, zeigt die Wortfamilie „Edtor/ edit“. Aus dem Verlagswesen bekannt ist der Herausgeber, auf englisch: Editor.
„To edit“ bedeutet herausgeben, eine Zeitschrift zum Beispiel. Beim Computer ist die Bedeutung abgewandelt.
Schlimm wird es, wenn beim „Übersetzen“ ins Deutsche gar nicht übersetzt wird, sondern die deutsche Sprache verschandelt mit Wortmüll.

„To edit“ heißt auf deutsch „edieren, herausgeben“

Wenn man auf dem Rechner den „Editor“ benutzt“, ediert man seinen Text aber nicht. Es ist stattdessen von EDITIEREN die Rede. Was soll das? Das Wort gibt es nicht. EDIEREN ist richtig. Doch durch die Verbreitung der Computer und ihrer Software und Betriebssysteme von Microsoft & Co. wird einem jeder 20jährige bestätigen, das Wort „EDITIEREN“ sei richtig und bedeute dies und jenes.
Ein Text kann aber nicht editiert werden, sehr wohl aber EDIERT.

Als einer der Vorzüge der englischen Sprache hat sich das Vorurteil etabliert, englisch sei immer kürzer. Wenn falsche „deutsche“ Wörter wie EDITIEREN erfunden werden und auf dem Umweg des PC sich in die Sprache unauslöschbar einschleichen und festsetzen, dann haben selbst KURZE deutsche Wörter wie „edieren“ keine Chance.

EDV in der Medizin – komplexe Sachverhalte

Wenn nun einfache Kommunikation schon so oft an Missverständnissen scheitert, der Bildungsgrad zurückzugehen scheint und allerorten aufs Internet verwiesen wird, in dem man „alles finden“ könne – alles, also auch jeden Müll – so nimmt es nicht Wunder, dass sich die Digitalisierung im Gesundheitswesen von der Öffentlichkeit unbemerkt vollzieht.

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