Marlen Haushofers „Wand“. Ein Roman, der verfilmt wurde. Thema Autarkie

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"Die Wand". Roman von Marlen Haushofer. So wie auf diesem Bild, geht es auch im Buch zu. Eine Frau allein, rundherum fast nichts.- Taschenbuchausgabe in der Reihe "Die Frau in der Literatur". © Photo Andreas Hagemoser 2020

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ ist für viele ein Meilenstein, für andere bedeutungslos oder schlechte Science Fiction. Vor allem ist es ein Buch, bei dem die Meinungen auseinandergehen wie selten. Das besondere daran ist, dass dieses Buch so wie sonst keines oder kaum eines die Leser – und der Film die Zuschauer – nach Geschlechtern aufteilt. Frauen finden den Film gut, Männer höchstens so lala. Männer haben vieles daran auszusetzen, unter anderem das unrealistische an der „Wand“ – wo kam sie her? Wer gebaut? Warum ist sie so, wie ist? Warum kommt man auch unter Wasser nicht durch sie hindurch? Warum ist sie unsichtbar? Warum ortsfest? — und und und.

Frauen geht es um die Entwicklung der Figur, die unter gänzlich neuen Umständen ganz andere Erfahrungen machen kann, darf und muss.

So nimmt es auch nicht Wunder, das auf der Rückseite des Taschenbuchs in den 80er Jahren ein Lob einer Frau abgedruckt wird. Eva Demski. Ihr Lob ist ein großes Lob, dass manche so nie ausgesprochen hätten: „Dies ist ein zugleich demütiges und sehr stolzes Buch. Vielleicht ist es diese Verflechtung, an der große Prosa zu erkennen ist. Sehr selten gibt es Bücher, für deren Existenz man ein Leben lang dankbar ist.“

Selbstverständlich gibt es auch Männer, die Gutes zu sagen haben. So beim ersten Erscheinen 1968 – kurz nach dem Pillenknick, mitten zwischen freier Liebe, Dutschke, Drogen, Rockmusik und Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen mit Ho-Ho-Tschi-Minh-Rufen. Hans Weigel sprach von einem „großen klassischen Meisterwerk abendländischer Epik.“ Weigel: „Ganz im Bereich der Gegenständlichkeit vollzieht sich das Geschehen, und doch wurde selten so schlicht und ohne Prätention Außerordentliches gesagt und gestaltet.“

Die Faszination der Selbstversorgung: Die Beruhigung, dass auch für normale Menschen Überleben im Notfall möglich ist

Einer der All-time Bestseller, ein Evergreen unter den Verkaufshighlights, oder auf deutsch: Ein Dauerbrenner über Jahrzehnte und Jahrhunderte, ist das wohl allen bekannte Buch „Robinson Crusoe“ vom William Dafoe, nein, Daniel Defoe (ca. 1660-1731).

Als einziger überlebender Schiffbrüchiger auf einer unbewohnten Insel vor dem Delta des Orinoco, der von dem am Strand zerschellten Schiff noch vieles retten kann, lernt Robinson zu überleben, fängt an zu gärtnern, zu jagen, seine Kleider selbst zu nähen. Lebt mit Ruckschlägen und Überraschungen. Schöne Momente wie „unberührte“ Natur, atemberaubender Ausblick und Sonnenuntergänge an einem – wirklich! – einsamen Strand wechseln mit unerwartetem Schrecken, Überraschungen ohne Ende und dem Bewusstsein der Einsamkeit, des Alleinseins und der Aussicht, nie wieder einem menschlichen Wesen zu begegnen. Er legt einen Kalender an, der aber nicht genau ist, da er zwischendurch mehrere Tage erkrankt.

Ohne Hund geht es nicht

Und dann rettet er Freitag. Kannibalen besuchten „seine“ Insel für ihr Tun. Nun kann er Lehrer sein und Arbeit teilen, zum Beispiel das Wachehalten. Sein nächtlicher Schlaf wird sicherer, die Zahl seiner Begleiter wächst. Es ist nicht nur mehr der Papagei oder ein Hund, der Schiffshund.

„Crusoe“ und der „Wand“ gemein ist die Einsamkeit in einer schönen, aber halb lebensfeindlichen Umgebung. Das Überleben will erarbeitet werden. Anders als in der Zivilisation hilft kein Betteln und keine Lotterie, kein Kredit und kein anderer. Die Bewährung kann nur durch sinnvolles, durchdachtes, fleißiges Handeln gelingen. Und sie gelingt. In beiden Fällen taucht dann doch noch ein anderes Menschenwesen auf. Bei Haushofer ist das allerdings eine sehr kurze Episode.

Wieviel ist das Geld dann noch wert?

Die Hopiprophezeiung von dem letzten Fisch, der erst gefangen werden müsse, um zu begreifen, dass man Geld nicht essen könne, geht in der besonderen Situation früher in Erfüllung.

Geld hilft der Hauptperson nicht und auch nicht allein Löwenzahn, Lindenblätter und ein paar Beeren. Die Kuh bei Haushofer ist allerdings ein Glücksfall, der für die Berge aber möglich ist und dadurch nicht zu konstruiert wirkt.

Man denkt plötzlich darüber nach, wie man selbst sich wohl selbstversorgen würde.

Dazu das Emotionale, das gefühlsbetonte Menschen in den Vordergrund stellen.

Verfilmung von „Die Wand“

Im Film werden selbstverständlich manche Details anders dargestellt. Doch der Schauplatz, eine Art Ferienhaus in den Bergen mit kleiner Landwirtschaft nahe eines Sees, ist wohl im Sinne der Autorin gewählt.

In der Handlung ursprünglich gedacht als eine Art ‚Urlaub auf dem Bauernhof‘.

Bis das Einzigartige passiert.

Das Einzigartige ihres Romans, die Wand, ist im Film unspektakulär, aber eindeutig markiert. Es ist klar, das in einem Buch mehr Freiheit besteht, etwas zu beschreiben. Worte sind nah an den Gedanken, die sie widerspiegeln sollen. Von der Idee bis zur Bildsprache sind noch der Drehbuchautor, der Kameramann und der Regisseur beteiligt, neben vielen anderen.

Kurzkritik in 27 Wörtern

Haushofers Hauptwerk. Die Verfilmung hart umstritten. Frauen begeistert, Männer mäkeln an dem Unrealistischen herum. Vielen gefällt die Darstellung der Selbstversorgung, zudem in der harten Umgebung der Berge.

Die Handlung

Wir zitieren den Klappentext:

„‘Die Wand‘ ist die Geschichte einer Frau, die sich plötzlich als einzig Überlebende in einem genau umgrenzten Stück Natur gefangen sieht. Mit einem zugelaufenen Hund, einer Katze [Tiger], einer trächtigen Kuh richtet sie sich in ihrer Rolle ein, lernt mühsam, was sie als Städterin nie gebraucht hat, beginnt, auf den Rückseiten alter Kalender [hier macht sich der Papiermangel bemerkbar] ihre Erfahrungen zu notieren“. [Für wen? Für sich selbst?]

Nach und nach lernt sie sich kennen [unglaublich, oder?], spürt eine langsame Befreiung. Für die Frau, die einmal eine Familie hatte, gibt es keine Konventionen mehr, denn ‚alle, denen zuliebe ich einen Leben lang gelogen habe, sind tot‘.“

Haushofer kommt zu Wort

Ullstein-Taschenbuch Nr. 30169 von 1990. ISBN 354830169X
„Die Wand“. Roman von Marlen Haushofer. Rückseite der Taschenbuchausgabe. © Photo Andreas Hagemoser 2020

Wir enden mit einem Haushofer-Zitat, einem Abschnitt aus dem Buch. Um die Schönheit der Sprache nicht zu unterbrechen und danach ausklingen zu lassen, schon jetzt der Hinweis, dass es im Buch auf Seite 193 genau ein Absatz ist.

Außerdem und viel wichtiger: Um Mut zu fassen, ersetzen Sie ‚Heuernte‘ durch alles Mögliche, was Sie in Gedanken belastet.

„In jenen Wochen auf der Alm setzten wir alle ein wenig Fleisch an, nach der Heuernte wurde ich aber wieder mager, braun wie Holz und von der Sonne ausgedörrt. Aber noch war es nicht soweit.

Ich hatte aufgehört, mir die Schwierigkeiten auszumalen, die diese Heuernte mir bringen würde, und fühlte mich sicher wie ein Traumwandler. Wenn es an der Zeit war, würde alles getan werden, was getan werden mußte. Und wie ein Traumwandler ging ich durch die warmen duftenden Tage und die sternfunkelnden Nächte.

Bibliographische Angaben

Marlen Haushofer: Die Wand. Roman. Gebundene Erstausgabe im Claassen-Verlag Düsseldorf 1968.

Das Taschenbuch im Ullstein-Verlag mit 283 Seiten erschien in Frankfurt/ Main und Berlin seit 1985, zum Beispiel x-te Ausgabe März 1990. Mitten im Trubel nach der Maueröffnung, im Zeitfenster der ersten freien Volkskammerwahl der DDR, verkaufte sich „Die Wand“ sehr gut: es erschien das 249.-298. Tausend. Eine Auflagenhöhe, von der man heute nur träumen kann, dazu der Sprung. Die Nachauflage: gleich mal 50.000 Exemplare mehr. Ullstein-Buch Nr. 31069. (Reihe: Die Frau in der Literatur.) ISBN 3 548 31069 X. Preis 1990: DM 8,80. (Das sind ziemlich genau 4,50 Euro in Preisen von ‘90.)

Das waren noch Zeiten. Es dauerte fast 20 Jahre, bis das Taschenbuch erschien!

Wegen der hohen Auflagen gebraucht preiswert erhältlich. Ab unter 10 Euro, Taschenbuch ab unter 5.

Filmographische Angaben

„Die Wand“. 2012. Uraufführung auf der Berlinale 2012. Österreichpremiere am 2. Oktober 2012. (Haushofer ist Österreicherin.) Wenige Tage später der Kinostart im deutschsprachigen Raum. Regie: Julian Roman Pölsler. Hauptdarstellerin: Martina Gedeck.

Pölsler verfilmte auch eine Novelle Haushofers. „Wir töten Stella“ startete am 18. Januar 2018 im Kino. Wieder mit Martina Gedeck (und Matthias Brandt).

Marlen Haushofer (1920-1970) wurde bezeichnender Weise in Frauenstein geboren und starb in Wien.

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