Not macht erfinderisch. Eintagesausstellung in Bildgestalters Garten

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Bildgestalter Rudolf Jankuhn vor seinen Werken. Im August '19. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser
Bildgestalter Rudolf Jankuhn draußen im Hof. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Es drängt, es will sich äußern, diffus spürt man den Drang. Nach draußen, auf die Straße, in die Parks und Gärten. Vom Eise befreit sind Strom und Bäche. Die deutschen Demokraten demonstrieren. Den Dummen deucht dann, daran denkend, dass das Demonstrieren dauerhaft und immer gut sei, egal wie, wann, wogegen und wo. Plötzlich sind sie gute Demokraten, selbst wenn sie es nicht sind und irgendwie den Staat verabscheuen. Natürlich wollen wir hier nicht gegen das Demonstrieren sein. Auch für verschiedene Zwecke. Demokratie lebt von Meinungsfreiheit und diese scheint heute sowieso ein klein bisschen eingeschränkt. Doch hat man angesichts der vielen Demonstrationen das Gefühl, dass es nur zum Teil um die jeweils vertretene Sache ginge. Viele wollten wohl einfach nur raus und in Gesellschaft sein. Einigen mag die Aussicht auf Nähe und mehr oder weniger unbeabsichtigte Unterschreitung der 1 Meter 50 Abstand verlockende Aussicht gewesen sein.

Wer vorher schon unbewusst war, blieb es auch zum Teil. Doch waren die Kontaktbeschränkungen ein Weckruf. Jeder, der bisher ein bestimmtes Leben geführt hatte, sein Leben, stieß an Grenzen.

Die Unterschiedlichkeit des empfundenen Mangels macht die Individualität aus. Der eine war süchtig nach Fitness, die einem anderen mehr als egal war. Der eine ging nur wegen der Kameraden zum Fußball, nicht des Fußballs wegen. Egal ob auf dem Feld oder nur am Rande.

Eigentlich waren alle, die ihre sozialen Kontakte und Bedürfnisse bis einschließlich Februar anders als bei Apotheken- und Supermarktbesuchen „deckten“, betroffen.

Je nach Stärke des Persönlichkeit fiel man in ein desto tieferes Loch. Jetzt ist wieder alles okay, scheint es manchen. In Deutschland 8768 Todesfälle. Erledigt, vergessen. Über 186.000 Infektionen. „Ciao, Corona“, sagte mir ein frecher Junge unaufgefordert, als er mich mit Maske sah. Für ihn war das schon alles vorbei. Auf neudeutsch: over.

Einsamkeit ist stärker als die Zahlen. Egoismus ebenfalls

Wen interessiert es, jemanden, der Spazierengehen will, dass in den USA bis jetzt 2 Millionen Infizierte gezählt wurden? Wer, dem es hochwichtig ist, einen trinken zu gehen, hat die Zahl von weltweit über 7,3 Millionen Infektionen im Kopf? Beim Kirchenbesuch wird an Gott gedacht – oder an die Leute, die man dort trifft, nicht an weltweit 416.276 Tote.

Eine Großstadt hat mindestens 100.000 Einwohner. Vier Großstädte wurden komplett ausgelöscht. Aber der Egoismus und die in Deutschland zurzeit gute Situation überspielen, dass von gestern auf heute allein 2363 Menschen starben und dass man mit intelligenter Zurückhaltung anderen das Leben retten kann, vielleicht auch sich selbst. Überflüssige Treffen oder ungeschützte Nahtreffen sind riskant und verantwortungslos. Schlechtes Karma.

Verantwortung hat ein neues Gesicht. Verantwortung hat eine neue Facette. Mit einem großen „C“.

Eintagesausstellung in Bildgestalters Garten

Verantwortungsvoll handelt Rudolf Jankuhn. Er fühlte sich im März und April nicht zur Untätigkeit verdammt. Er arbeitete weiter. Der Künstler, der sich so nicht nennt, sondern eher Bildgestalter sein will, schafft seine Bilder unbewusst vielleicht in der Tradition der Dresslerschen Verfremdung.

Am 13. Juni 2020 gibt er der interessierten Öffentlichkeit die Möglichkeit, sein Werk mit Abstand und Anstand zu betrachten. Museumsbesucher hielten zumindest bei größeren Gemälden immer schon mindestens 1,50 oder 2 Meter Abstand. In Jankuhns Hofgarten können die Besucher diesen Abstand einhalten. Auch gegenseitig.

20-25 Werke sollen präsentiert werden, darunter etwa die Hälfte neue. Jankuhn arbeitete dabei teils auch mit neuen Techniken.

Das Wetter am Samstag soll warm, aber vielleicht gewittrig werden. Seine Werke hat er laminieren lassen, für die Bücher und Informationsmaterialien aus Papier Folien zur Abdeckung besorgt. Gewitterschauer sind nur von kurzer Dauer. Zwischen 11 und 20 Uhr bleibt es bestimmt die meiste Zeit trocken. Eine einmalige Gelegenheit, rauszukommen und sich dabei kunstinteressiert zu geben. Oder zu sein.

Einmalig in der Tat. Die Ausstellung im Grünen, die die Grünen vielleicht „Pop-up-Ausstellung“ genannt hätten, wird am Abend wieder abgebaut. Es folgt eine Sonntagsruhe.

1-Tages-Ausstellung mit neuen Collagen und Köpfen von Rudolf Jankuhn.

Von 11-20 Uhr im Hof der Max-Steinke-Straße 35 in Berlin. Nähe Kino Toni. „Mit den zur Zeit üblichen Corona-Regeln.“

Mit Musik von Michael Lapuks zwischen 15.30 und 16.30 Uhr.

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1 KOMMENTAR

  1. In der Tat regnete es und gab ein Gewitter. Nach dem ersten Regen: kleine Pause. Letztlich aber alles richtig nass. 2 große Sonnenschirme wurden zu Regenschirmen. 20-25 Besucher insgesamt (?) bzw. maximal (?) ermöglichten tatsächlich das Einhalten der Regeln. Gut besucht & gute Stimmung. Ein großes Kompliment an den Veranstalter/ Künstler: Viel Arbeit und Vorbereitung – und das während der heiß-drückenden Tag Donnerstag und Freitag, als man kaum atmen konnte.