Paradox: „Out“ ist „in“. Filmfestivals Outview Athen und Hellas-Filmbox kooperieren

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Regisseur Nikolas Pourliaros ("Half-Life") zu Gast auf dem Filmfestival "Hellas Filmbox". © 2017, Foto: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Das größte griechische Filmfestival in der Bundesrepublik, die Hellas-Filmbox Berlin, zeigte dieses Jahr in seiner zweiten Auflage 60 Kurz- und Langfilme. Zwei davon aufgrund einer Zusammenarbeit mit dem Outview-Filmfestival Athen. Im stabilen Hellas-Filmbox-Programm im DIN-A4-Format sind diese leicht zu finden. Dunkel unterlegt wie die Eröffnungs- und Endveranstaltung und zusätzlich mit einem schrägen Regenbogen und dem Logo des Athener Festivals versehen.
Dieses zeigt die weiße Schrift „OUT“ in einer braunorangen Kreisfläche mit dem sich daran anschließenden Schriftzug VIEW in Großbuchstaben. „Out“ bedeutet unter anderem „Raus“, „heraus“ und „draußen“. Genau dort befindet sind die Schrift aber nicht. Dieser Widerspruch hat Methode. Man könnte auch sagen: Ein Paradoxon. Dieses Fremdwort stammt aus dem – genau – GRIECHISCHEN. Parádoxos bedeutet im Altgriechischen laut Handwörterbuch der griechischen Sprache von Wilhelm Pape und Max Sengebusch unter anderem „wider Erwarten, wider die gewöhnliche Meinung, unerwartet“.

Regenbogenfarben

Außerhalb Berlins, San Franciscos und Tel Avivs erwartet man vielleicht bei den (meist sechs) Regenbogen-Farben einen Bezug zu Greenpeace und der „Rainbow Warrior“. Auf vielen Autos sind ein Fisch oder die Farbstreifen rot-orange-gelb-grün-blau-lila zu finden. Diese Symbole sind kaum noch geheime Insiderhinweise zum Beispiel auf das Christentum.

Paradoxer Widerspruch

Diese inhaltliche Dopplung oder Pleonasmus (vom – Griechischen „Überfluss, Vergrößerung“) soll den im Logo (vom Griechischen „Wort, Rede, Sinn“) des Athener Filmfests versteckten Widerspruch hervorheben. „VIEW“ bedeutet unter anderem Blick, aber kann auch mit dem Anschauen von Filmen assoziiert werden.

Am besten könnte man den Titel des Athener Festivals vielleicht mit „Blick über den Tellerrand“ übersetzen. Der forsche Berliner würde vielleicht salopp verlauten lassen: „Kommse rin, könnse rauskieken.“ Beides trifft den Nagel ziemlich auf den Kopf. Wer „outside the box“ denkt, bzw. über den Tellerrand guckt, beginnt, da draußen eine ganze Welt zu sehen. Eine Welt anderer Möglichkeiten, von Ungewohntem. Unter Umständen bekommt er einen ganz anderen Blick auf die Dinge, wenn er sich ein kleines bisschen auf neues einlässt.

Parallele Berlinale

Bei der Berlinale hat der Blick auf andere, Ungewohntes schon lange Tradition. Vom 9.-19. Februar zeigen die Internationalen Filmfestspiele Berlin 399 Filme. Eine große Sektion bildet das „Panorama“ unter der Leitung von Wieland Speck, das dieses Jahr 25 Jahre alt wird. Andere Lebensweisen sind ein wichtiges Element im Panorama, das seinen Namen zurecht trägt. Auch in der Berlinale-Sektion „Forum“ wird Neues gezeigt, allerdings vor allem solches, das den Rahmen der Form sprengt, sich also nicht eindeutig als Spiel- oder Dokumentarfilm einordnen lässt.

Outview seit 2007

Seit 2007 fördert und unterstützt das Outview-Filmfestival in Athen die besten griechischen und internationalen Filme „mit LGTBQI-Thematik“ und ist in der griechischen Filmszene längst zu einer festen Instanz geworden.
LGTBQI steht für Lesbian-Gay-Transgender-Bisexual-Queer-intersexual. Queer ist soviel wie „seltsam“. Unter dem Strich bleibt als gemeinsamer Nenner die Nicht-Heterosexualität, meist zumindest. Die Abkürzung LGBT ist gebräuchlicher, schließt jedoch auch die Normalos aus. Schön ist eigentlich das englische Wortspiel LesBiGay, das man ‚Let’s be gay!‘ lesen kann.

Lustig, heiter, glänzend

Da ‚gay‘ laut Langenscheidts Taschen-Wörterbuch „lustig, heiter, bunt, lebhaft, glänzend, ausschweifend“ sein kann und im US-Slang „frech“, könnte ‚Let us be gay‘ ein Slogan für alle sein, der niemanden ausschließt. Auch die Mehrheit nicht.

Lasst uns lustig sein. Lasst uns heiter sein. Ein ähnliches Lied beginnt: „Lasst uns froh und munter sein, …“ Lebhaft und nicht phlegmatisch zu sein, auch damit kann sich der positive Mensch identifizieren.

Wer möchte nicht glänzen? Ein ausschweifendes Leben ist dagegen schon etwas, was die Geister scheiden könnte, ebenso wie ein freches Leben. Doch ‚frech‘ ist nur eine Slang-Bedeutung.
In der Demokratie (wörtlich: Volksherrschaft, das Wort kommt – glaube ich – aus dem Griechischen …) herrscht das Volk. Das Volk ist der Souverän, die Mehrheit entscheidet. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland vom 23. Mai 1949 genießt der Minderheitenschutz Verfassungsrang. Da eine Minderheit allein nie herrschen oder bestimmen kann nach freien Wahlen, muss sie geschützt werden.

Geistige Auffrischung

Die Frage, die das Wort „draußen“ IN einem Kreis aufwirft, ist: Steht der Außenseiter außerhalb der Gesellschaft oder am Rande? Der Graphiker des Outview-Schriftzuges (altgriechisch graphiké „die Kunst zu schreiben, zu zeichnen, zu malen“) wünscht sich anscheinend Integration.
Unter diesem zurzeit nicht mehr ganz so beliebten Wort verstehen viele Deutsche den Einschluss (die Inklusion) der Minderheiten in die Mitte der Gesellschaft. Dabei steht das lateinische Integrare – nicht alle Fremdwörter stammen aus dem Griechischen! – für „erneuern, ergänzen, geistig auffrischen“. Eine frische Sichtweise?

Ein halbes Leben. Darf’s ein bisschen mehr sein?

„Outview visits Filmbox“ fand am 20. Januar 2017 statt. Auf dem Programm der Kurzfilm „Half-life“ von Nikolas Pourliaros und der Spielfilm „SMAC“ von Elias Demetriou. Sowohl die Regisseure als auch die Festivaldirektorin des Outview-Filmfestes, Maria Katsikadakou, waren in der deutschen Hauptstadt anwesend. Frau Katsikadakou reiste aus der griechischen an.

Pourliaros‘ Film ist ein ganzer Kurzfilm mit einem ganzen Titel. Er dauert fünf Minuten und lief als Vorfilm zu „SMAC“ (110 Minuten). „Half-Life“ oder das ‚Halbe Leben‘ entstand 2014 in Griechenland, SMAC ein Jahr später.
Beide wurden in der Originalsprache mit englischen Untertiteln gezeigt und waren nach FSK ab 18 frei anschaubar.

Egal, ob wir auf der Erde ein Leben haben oder mehrere – jeder verdient ein ganzes Leben. Kein halbes. Ob er/sie dann halbe Sachen macht, kann jede/r selbst entscheiden. Doch die Voraussetzung muss stimmen.

Wenn man nur zur Gesellschaft gehören kann, wenn man zur Mehrheit gehört und dieser auch nicht widerspricht, ist unsere Gesellschaft am Ende.

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