„Pique Dame“, Oper in drei Akten von Pjotr I. Tschaikowski in der Deutschen Oper in Berlin

Martin Muehle als Hermann und Doris Soffel als Gräfin in der Oper Pique Dame von Pjotr I. Tschaikowskij. © Marcus LIeberenz, BU: Stefan Pribnow

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Drei Stunden „Kino“ vom Feinsten mit allen dazugehörigen Zutaten: Herzschmerz, Sterben vor Verlangen, schmalzige Liebesballaden an die geliebte, unerreichbare Lisa – voller Verzweiflung, der spielsüchtiger Offizier Hermann (Martin Muehle), eine greise, geheimnisumwitterte Fürstin „Pique Dame“ (Doris Soffel), die in Ihrer Jugend die „Venus von Moskau“ in Paris genannt wurde und in Adelskreisen die Herzen der Männer reihenweise brach. Ein Geheimnis über übersinnliche Fähigkeiten, drei richtige Karten im Spiel vorherzusagen und dem tragischen Ende von Tod und Verderben.

Das alles in prächtigsten Kulissen aus der russischen Adelszeit – die vor Jahren an der Deutschen Oper installierte neue Bühnentechnik zeigte ihr volles Repertoire: eine märchenhafte Kulisse nach der anderen wurde vom Souterrain elektrisch hochgehievt, von oben kamen weitere Bühnenkulissen – je nach Bild.

Die Kostüme – auch eines Hollywood-„Schinkens“ würdig – untermalen das Ganze in gewissen Szenen mit auf den Fond projizierten Schwarz-Weiß-Filmen à la Stummfilm-Zeit, die die Fürstin in ihrer Jugend in Paris zeigten.

Das Objekt der Begierde, Lisa – von ihrer Tante der Fürstin im goldenen Käfig gefangen gehalten ist hin- und hergerissen zwischen ihrem adeligen Verlobten und dem verarmten Hermann, dem sie verfällt. Lisa (Maria Motolygnina) mit Gespielinnen in Mädchenkostümen, blonde lange Locken – bezaubernd!
Wodka, Weib und Gesang mit russischer Folklore – leider tauchen an der Stelle Fragen auf, die auch in Publikumsgesprächen zu hören waren: Wieso wird in diesen Zeiten eines brutalen russischen Angriffskriegs eine russischsprachige Oper aufgeführt, was in Friedenszeiten eher seltenst der Fall ist! Es war auch unangenehm und verunsichernd, im Publikum russischsprachige ZuschauerInnen zu vernehmen, werden doch in Berlin ukrainische Flüchtlinge von Russen verfolgt und zusammengeschlagen und Deutschland durch russische Atomwaffen bedroht.

Leider ist dieses nicht nachvollziehbar, gibt es doch so viele schönste Opern in europäischen Sprachen, die kein Unwohlsein hervorrufen. Ja, die Frage stellt sich, ob auch russisches Kulturgut in Zeiten dieses brutalen russischen Völkermordes an den Ukrainern nicht einfach einmal „auf Eis“ gelegt werden könnte bis endlich vielleicht wieder einmal Frieden herrscht auf diesem Kontinent und die Russen die weiße Flagge hissen (und nicht die Ukrainer, wie sich der Papst kürzlich „vergallopierte“ und unangebracht in die Politik einmischte).

Ja, Kunst ist auch politisch, zumal, wenn in Szenen Männer in russischen Militär-Uniformen aus der Zarenzeit betrunken orgienhaft feiern – inclusive bärtigen, halbnackten Travestie-Männern (lediglich mit Damenkorsetts und Strapsen bekleidet) zur Belustigung eben dieser Militärmeute über die Bühne hopsend – wenngleich auch vom Gelächter des Publikums begleitet. Es fällt schwer, auszublenden, wie das russische Militär in brutalster Art und Weise Menschen regelrecht abschlachtet – heute, nicht nur zur Zarenzeit!

Diese Meinung der Autorin ist nicht gedacht, dem Werk Tschaikowskis Unrecht zu tun, welches – frei nach einem Versromans Alexander Puschkins – noch sehr viel mehr schönste Szenen mit herrlicher Musik bietet, gesungen und gespielt vom brillianten Ensemble des Opernhauses. Eine großartige Leistung auch der KünstlerInnen, die nicht russischsprachig sind, diese Oper in Russisch darzubieten (mit deutschen und englischen Untertiteln).

Es bleibt ein bitterer Beigeschmack, diese großartige und großartig dargebotene Oper zu sehen – trotz begeistertem Applaus mit mehreren Vorhängen im fast ausverkauften Haus.

Oper in drei Akten von Pjotr I. Tschaikowski
Libretto von Modest Tschaikowski nach Alexander Puschkin

Uraufführung am 19. Dezember 1890 in Sankt Petersburg
Premiere am 9. März 2024
ca. 3 Stunden 15 Minuten / Eine Pause
In russischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln
45 Minuten vor Vorstellungsbeginn: Einführung im Rang-Foyer rechts
empfohlen ab 14 Jahren

Nächste Aufführungen: 20., 23. und 27.3.2024

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