Rosa Mercedes in der Kirche. Berliner Songwritertrio „The Secret Chord Collective“ vereint Nathan Vanderpool, Inger Nordvik und die bereits Erwähnte

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© 2017, Foto: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). 10. Januar. Draußen ist es bitterkalt, der Nordwind pfeift, Schnee liegt. Sparkassenvorräume sind schon vor Mitternacht versperrt, da ungebetene Gäste, die garantiert keinen Rosa Mercedes fahren, einen Schlafplatz suchen. Wer nicht raus muss, bleibt zuhause, und doch versammeln sich um 20.30 Uhr viele im Wedding in einer wenig bekannten Kirche, um Sphärenklängen und Solisten zu lauschen, die ihre Lieder selber schrieben.
Berlin birgt immer wieder Überraschungen.


Angekündigter Spielzug an einer Spielbrettadresse

Seestraße 35 lautet die Adresse der Kapernaumkirche in Berlin-Wedding (Ecke Antwerpener Straße). Das klingt nach Monopoly und in der Tat wird dieses in der Hauptstadt wieder gespielt und selbige war einst Vorbild für die Straßennamen auf dem Spielbrett.
Ein Plakat hängt im Schaukasten und kündigt dem Passanten ein Konzert von „Queen Sacrifice“ an. Königinnenopfer. Auf deutsch Damenopfer. Ein kluger Schachzug, wenn man ihn richtig einzusetzen weiß. Ein großes Opfer. Das größte in diesem alten asiatischen Kriegsspiel.
Wer seine Dame opfert ist entweder dumm, verzweifelt oder eben besonders klug. Entweder überlebt der König noch ein, zwei Züge länger oder er kann durch den waghalsigen Zug ein Matt oder Remis erzwingen.

Der Korrekturleser fehlte

Doch das Plakat und der gleichlautende Handzettel im Postkartenformat sagen nicht die Wahrheit. Die evangelische Kirchengemeinde Kapernaum aus dem Briefkopf hatte keinen Lektor. Vielleicht gab es schon bei der Informationsübermittlung ein Missverständnis.

Nathan Vanderpools Band

Jedenfalls handelte es sich bei dem abendlichen „Event“ nicht um ein weiteres Konzert mit der Band um den Nathan Vanderpool, wie eines im März in Berlin ansteht.
Jenes Queen-Konzert wird wahrscheinlich eine Record-Release-Party, wenn die CD rechtzeitig fertig werden wird.

Debut des Songwriterkollektivs

Nein, das besondere Konzert in der besinnlichen Atmosphäre der Weddinger Kirche, in der schon die große Blues- und Jazzlegende Jocelyn B. Smith anlässlich eines Benefizkonzertes zugunsten der auch im Brüsseler Kiez gelegenen Kinderkunstwerkstatt „Seepferdchen“ aufgetreten ist, war das Debütkonzert des „The Secret Chord Collective“. Zwar trat der US-Amerikaner Vanderpool, dessen Konterfei mit Gitarre den Flyer schmückte, gleich zu Beginn der Soirée mit einem Quartett auf (zwei Saiteninstrumente, Flöte und Horn). Allerdings nicht mit dem von „Queen Sacrifice“ gewohnten Rock’n’Roll, sondern mit ‚dunkleren‘, ätherischeren Klängen.

Sängerinnen aus Norwegen

Das eigentliche Sahnehäubchen waren Rosa Mercedes und Inger Nordvik. Letztere scheint der Nordwind schnell über Skagerak und Kattegat, über Nord- und Ostsee nach Deutschland geweht zu haben.
Die zierliche Skandinavierin setzte sich zum Abschluss des zweistündigen Konzertabend an den Flügel und sang eigene Lieder, begleitet von Kalle Enkelmann am Cello.

Die Norwegerin sieht so aus, wie man es klischeehaft in Nordeuropa erwartet und hat von Haarfarbe und Frisur her eine entfernte Ähnlichkeit mit Agnetha Fältskog, dem blonden ABBA-Mitglied. Das andere ABBA-A steht für Ingers Landsmännin, die Deutsch-Norwegerin Anni-Frid Lyngstad. Lyngstad war von 1972-1982 bei der schwedischen Popgruppe, die mit „Waterloo“ 1974 den Grand Prix d’Eurovision de la Chanson gewann. Benny Andersson schrieb den Text, Agnetha und Anni-Frid waren die Leadsängerinnen.

Inger Nordvik singt in guter alter Tradition Stücke, die sie selbst geschrieben hat; Lyngstad schrieb erst Mitte der Achtziger Eigenes (z.B. „Light of Love“). Dabei kann sich Nordvik bestimmt noch verbessern, aber ein guter Anfang ist gemacht. Der Vortrag war sehr gefühlvoll. Ob es als Gruppenentscheidung gut war, sie als letzte singen zu lassen, sei dahingestellt.

Die Beleuchtung fand in ihrem Falle gar nicht statt. Im Halbdämmer des Kirchenschiffes konnte man die klare, berührende Stimme Inger Nordviks hervorragend hören, aber musste schon suchen und genau hingucken, wenn man wissen wollte, woher sie kam.

Sprachlich ist Inger Nordvik von den drei in der Hauptstadt lebenden Songwritern die gewandteste. Außer ihrer Muttersprache spricht sie sehr gut deutsch und kommuniziert mit Nathan und Rosa auf englisch.

Von den Gebäuden inspiriert

Die Akustik in dem alter Gemäuer war hervorragend und passte zur Setlist.

„The Secret Chord Collective“ komponiert säkulare Musik für Kirchen. „Von den Kirchengemäuern inspiriert schafft die Gruppe Klanglandschaften und erzählt Geschichten, mit denen sie auch diejenigen in ihren Bann zieht, die Kirchen sonst nur von außen kennen.“ Wen haben nicht schon die an Kraftorten gebauten alten Unikate beeindruckt wie die Osterkirche Sprengel- Ecke Samoastraße im selben Bezirk, die Nikolaikirche im gleichnamigen Altberliner Viertel und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskriche in Charlottenburg.

Rosa Mercedes in rotem Licht

Möglicherweise am intensivsten klang Rosa Mercedes. So heißt die englische Leadsängerin und Bassistin von „Alright Gandhi“, wenn sie allein auftritt. Eine „introvertierte Traumreise“ nennt sie ihre Auftritt. Dem kann man folgen. Intensiv auch der Mimikwechsel, der ihren Liedvortrag begleitet.

Versprochen worden war eine „mysteriöse Nacht voll(er) Hallen und Widerhallen ergreifender Klänge“. Dieses Versprechen ist eingelöst worden.

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