Skruudsch! Die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens erobert Deutschland

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Anthologie mit Weihnachtserzählungen. Enthaltend: "Heitere Weihnachten", ein Auszug aus "Die Pickwickier" von Charles Dickens. © Foto/BU: Andreas Hagemoser, 2018

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens – die Verlage, die sie drucken, tun so, als ob es sich um das meistverkaufte Buch der Welt handelte. Da haben Astrid Lindgren, Enid Blyton und die Bibel aber noch ein Wörtchen mitzureden. Obwohl speziell bei der Bibel durch die Mission viele einfache Ausgaben Gratisexemplare waren. Außerdem könnte man die Behauptung auch als Argument dafür verstehen, mal ein anderes Buch zu kaufen. Der Trend zum Zweitbuch ist immer noch ungebrochen … Es gibt die Geschichte auch als Puppenspiel. Natürlich wurde die Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens auch verfilmt. Mehrfach. Zum Beispiel die Verfilmung der Aufführung der Augsburger Puppenkiste. Und seit neuestem gibt es sogar einen Film darüber, wie der Autor auf die Idee kam, das Buch zu schreiben.

Popularität ist irgendwann nicht mehr nur auf die Qualität zurückzuführen

Ab einem gewissen Zeitpunkt wird die Häufigkeit zu einem Selbstläufer. Mag am Anfang noch die Qualität, die (Vor-)Bekanntheit des Autors, die Sprache des Textes und sogar die Eigenart der Abbildungen, die bei weitem nicht in allen Augaben dabei sind, mitentscheidend oder sogar maßgeblich für den Kauf des Buches, seinen ökonomischen Erfolg und die Verbreitung gewesen sein, kippt das irgendwann. Niemand möchte unbedingt von Redbull hören, wenn er Sport guckt oder bestimmte Filme, doch das Redbull Media House, die teils hervorragenden Dokumentarfilme und breite Berichte über Sportereignisse machen die Erwähnung des Markennamens aus Österreich unvermeidlich, auch wenn er sich vorübergehend hinter Abkürzungen wie RB nicht für Regionalbahn, sondern Rasenballverein verbirgt. Bei anderen stark zuckerhaltigen „Erfrischungsgetränken“ ist es sogar noch schlimmer, wenn sie in die Kunst und dann in die Pop-Art Einzug finden wie die Tomatensuppe von Campbell‘s.

Kultur ist anders – wird aber wirtschaftlich nur bedingt anders behandelt

Nun mag man Werbung für Limonaden nicht mit Werbung für Kulturgüter vergleichen wollen. Doch stellen sich verschiedene Fragen. Zum einen war bereits in den 90er Jahren, den 1990ern, wer es genau wissen will, eine starke Konzentration im deutschen Verlagswesen zu verzeichnen. Noch machten die Zeitungs- und Buchverlage gute Geschäfte, drohte am Horizont bereits das Internet. Kapital aus angelsächsischen Töpfen, das gute Anlagemöglichkeiten suchte, sparte die Verlage nicht aus.

Die Tatsache, dass die Deutschen die besten Autos der Welt bauten, mehr als sie selbst brauchten, führte über den Export zur Zustimmung zum Import fremder Waren und fremden Kapitals. Wer ausführt, muss auch einführen (wollen).

Man erinnert sich an die Bestrebungen, die Buchpreisbindung in der Bundesrepublik Deutschland abzuschaffen. Wer stand dahinter? Der deutsche Buchmarkt ist nicht irgendein Markt. In dem zweit- oder drittreichsten G7-Land – und die G7 ist ja die Weltspitze – hat das Buch auch anteilig eine größere Bedeutung als in vielen anderen Ländern. Bei den mitteleuropäischen Nachbarn mag es ja noch gehen, Tschechen und Russen lesen zeitweilig sogar mehr. Als wir in Mexiko in der Hauptstadt San Luis Potosis im Stadtzentrum an der ellenlangen Hauptstraße einen Buchladen suchten, hatten wir müde Füße und fast Muskelkater, als wir endlich einen (1!) finden konnten. Von einem Antiquariat mal ganz zu schweigen.

Wo ist die größte Buchmesse der Welt?

Solcherlei Erlebnisse machten ganz persönlich erfahrbar, welches hohe Niveau in diesem Bereich im 20. Jahrhundert in Deutschland herrschte. Wem das als Beweis nicht reicht, bemühe die Statistik oder denke an die Leitmesse für Bücher. Die alljährliche Buchmesse in Frankfurt am Main befindet sich nichts umsonst in Hessen, also in der Mitte der Bücherlandes Bundesrepublik Deutschland. Die größte Messe ihrer Art.

Urheberrechte haben ein Ablaufdatum

Am meisten kann ein Verlag verdienen an einem Text, für den er keine Rechte zu zahlen hat. Nun ist die Zahl von Autoren, die ein gutes Buch schreiben und dann freiwillig auf das Urheberrecht verzichten, selbstredend sehr gering. Einige Jahrzehnte nach ihrem Tod können sich die Verfasser aber nicht mehr wehren. Auch ihre Erben streichen dann das Segel und jeder x-beliebige in- und ausländische Verlag kann munter drauflosdrucken; muss nur für Druck und Bindung bezahlen.

E.T.A. Hoffmann, Goethe (Johann Wolfgang) oder Schopenhauer schillern für die Verlage umso heller, als sich mit ihnen glänzende Geschäfte machen lassen. Vorausgesetzt, die Kunden machen mit.

Wer sich also wundert, dass der Name Charles Dickens ist jüngster Zeit gehäuft auftritt, hat in diesem Kontext die Möglichkeit, es besser zu verstehen. Anders gesagt: So wird ein Nikolausstiefel daraus.

Wenn man dann noch die halbdurchdachte „Geben!“-Mentalität durchleuchtet, die besonders kurz vor Weihnachten bei dauerhaften oder vorübergehenden Gutmenschen aufflackert, wundert sich noch weniger. Wer kennt schon Ayn Rand? Charles Dickens kennt man allein deshalb schon besser, weil seine Ideologie dem Mainstream in den Kram passt. Nicht, weil er der männliche Verfasser der beiden ist. Da verbinden sich soziale Hilfsbereitschaft und Neoliberalismus zu einer erolgreichen Einheit. Wenn man am Druck eines Pamphlets, das dazu ermuntert, Armen etwas abzugeben vom mehr oder minder hart Erarbeiteten, noch gut verdienen kann, warum nicht? Zudem es durch ungerechte Verträge, überhöhte Zinsen und legale und illegale Steuerhinterziehung à la Panama Papers leichter Reichgewordenen auch leichter fällt, ein kleines bisschen abzugeben. Außerdem ist eine Spende von 2018 Dollar oder Pfund in jeder Kirchengemeinde willkommen, vielleicht sogar mehr willkommen als 1 Euro. Selbst wenn der eine ein Promill des Einkommens ausmacht, die 2018,- aber nur 0,001 Promille.

Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens: Live in Potsdam

Garantiert keine großen internationalen Konzerne füttert der Eintritt für das Theaterstück, dass am 2. Advent in der Kirche am Kirchsteigfeld aufgeührt wird. Echte Schauspieler – keine Kinderdarsteller – führen das Stück live um sechs Uhr abends in der Kirche auf, für unter zehn Euro. Vorher gibt es ein Begleitprogramm für Kinder. Es wird gebastelt, die Weihnachtsgeschichte wird vorgelesen, gesungen am Weihnachtsbaum vor der Kirche, der vorher geschmückt wird.

Vorprogramm zur Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens

Im Stadtteilladen Kirchsteigfeld an der Nordseite der Kirche und auf dem Platz gibt es ein umfangreiches Vorprogramm. Ort: Nach dem Weihnachtsbaum Ausschau halten, eine Lichterkette trägt er schon.

Basteln, Grillen, Christbaum schmücken

Um 15 Uhr wird gebastelt – Eintritt frei. Kinder und Erwachsene können zwei Stunden später den Weihnachtsbaum mit diesem Selbstgebastelten oder auch Mitgebrachtem schmücken.

Draußen am Weihnachtsbaum wird gegrillt, außerdem gibt es Waffeln, Crepes, Quarkbällchen, Glühwein natürlich.

Ab 16 Uhr wird die Weihnachtsgeschichte vorgelesen. – Eintritt frei

Ab 17 Uhr wird der Weihnachtsbaum mit dem Gebastelten geschmückt. Anschließend werden gemeinsam „O, Tannenbaum“, „Am Weihnachtsbaume, die Licht brennen“, „Es ist ein Ros entsprungen“ oder ähnliche Weihnachtslieder gesungen. Ein Mitsingeprojekt unter freiem Himmel. – Eintritt frei

18 Theaterstück mit Pause – Eintritt 9,- „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens

Wo? Stadtteilladen im Kirchsteigfeld, Anni-von-Gottberg-Straße 14, 14480 Potsdam

Der Eingang zum Stadtteilladen ist seitlich an der Kirche, die den Platz beherrscht. An den rechten Seite. Es ist ein moderner Bau. Der Turm ist mit Solarzellen bedeckt.

Wann? Von 15 bis 18 Uhr vor und im Stadtteilladen sowie am Weihnachtsbaum

Wie hin? Anfahrt/ VBB-Verkehrsverbindung: Straßenbahn: Tram 92/ Tram 96 von Hauptbahnhof oder Johannes-Kepler-Platz Richtung Marie-Juchacz-Straße bis Haltestelle „Am Hirtengraben“. Wer vorne aussteigt, kann die Kirche mit ihrem umweltfreundlichen Turm schon sehen.

Theaterstück in der Kirche. Sonntag, den 9.12.2018 um 18 Uhr (= 2. Advent), Eintritt 9 Euro, Altersempfehlung: ab 10 Jahren

Weitere Beispiele von Weihnachtsgeschichten-Aktivität:

Film „Geister der Weihnacht“

Ab 1. Dezember 2018 im Kino. Verfilmung der Aufführung der Augsburger Puppenkiste, Regie Julian Köberer und Judith Gardner, mit Martin Gruber, Martina Gedeck und anderen Sprechern oder Synchronisatoren der Puppen.
Verleih: Universum, Deutschland 2018

Film „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“

Seit 22. November 2018 in Deutschland im Kino. Regie: Bharat Nalluri. Nach dem Roman „The Man Who Invented Christmas“ von Les Standiford, mit Dan Stevens, Christopher Plummer, Jonathan Pryce und anderen

Verleih: KSM Cinema, Irland/ Kanada 2017

Tatort Weihnachtsgeschichte

Die Tatort-Kommissare Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl in „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens. Seit Ende November 2018 finden zahlreiche Gastspiele in ausgewählten Städten
in Deutschland, Luxemburg, Österreich und der Schweiz statt. Beispiel: Am 2. und 3. Dezember 2018 im Schillertheater Berlin

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