Täglich grüßt die Evelyn im blutigen Gewand – Stuart Turton bringt die Grenzen des Krimigenres fast zum Implodieren

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"Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle" von Stuart Turton. © Tropen

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Krimifreundinnen, um es gleich vorweg zu nehmen, ich bin kein Krimifreund, habe mir aber Turtons „Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ als Lesestoff genehmigt, weil im Vorfeld soviel von der Einmaligkeit des Plots geschnackt wurde.

Ja, ich kann einstimmen in den Chor der Schmeichler und dem Buch eine fürwahr findige Vertracktheit bis auf Seite 594 (von 605) attestieren.

Worum geht’s? Um den Mord an Evelyn Hardcastle. Ihre Eltern geben anlässlich der nahen Heirat einen Maskenball in ihrem herrlich britischen Anwesen. Eingeladen sind diverse Leute aus dem Familienumfeld der Hardcastles, die fast alle irgendwie im Zusammenhang stehen mit fiesen Todesfällen, die Jahrzehnte zurück liegen und sich auf ebendiesem Anwesen zutrugen. Unter den Gästen ist auch ein gewisser Aiden Bishop, für den das Schicksal eine ganz besondere Prüfung bereithält. Oh, wie herrlich fies, wie verworren und genial! Aiden erfährt von einem maskierten Mann: „Heute Abend wird jemand ermordet werden. Es wird nicht wie ein Mord aussehen, und man wird den Mörder daher nicht fassen. Bereinigen Sie dieses Unrecht, und ich zeige Ihnen den Weg hinaus.“

Oh, mein Gott, wo und in welcher Zeit ist Aiden gefangen und warum? Allein diese Überlegung martert uns in den Stunden, in denen wir das Buch notgedrungen aus der Hand legen müssen, die Hirnschale. Doch es kommt noch irrer! Krimitüftler Turnton lässt Evelyn nicht nur einmal sterben. Bis der Mord geklärt ist, wiederholt sich der tragische Tag in Endlosschleife. Täglich grüßt die Evelyn im blutigen Gewand. Um noch eins draufzugeben, erwacht Aiden jeden Morgen im Körper eines anderen Gastes.

Oh, welch wohliger Schauer des Wahnsinns, ich falle gleich in Ohnmacht. Und erwache neben Agatha Christie, Sherlock Holmes, Melmoth dem Wanderer.

Das Buch ist ein genialer Cocktail aus alldem, was knorke Krimischaffende in Film oder Buchform hervorbrachten. Wer „Die Üblichen Verdächtigen“ und ähnlich geistreiche Verwirrspiele mag, wird seine wahre Freude haben, zumal Turnton, immer wenn denkt nun hat Hauptheld Aiden den Bösewicht, noch einen draufgibt.

Die einzige Enttäuschung ist das Ende des Buches, das natürlich den Gesetzen des Krimis verpflichtet, alle Schleier lüftet. Das ist schade, doch unter Umständen werde ich mit dieser Meinung allein dastehen. Welche Krimileserin mag schon Krimis mit offenem Ende?

Bibliographische Angaben

Stuart Turton, Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle: Kriminalroman, 608 Seiten, Übersetzung aus dem Englischen: Dorothee Merkel (Original: The Seven Deaths of Evelyn Hardcastle), gebunden mit Schutzumschlag, Verlag: Tropen, 2. Druckauflage, Stuttgart 2019, ISBN: 3-608-5042-17, Preis: 24 EUR (D)

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