The Second Detail / Lib/ Half Life – Ein dreiteiliger Ballettabend in der Deutschen Oper Berlin

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Quelle: Pixabay, CC0 Public Domain

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der äußerst unterhaltsame, dreiteilige Ballettabend in gut gefülltem Haus mit internationalem Publikum, darunter auch Ballettelèven, wird eröffnet von

The Second Detail

des US-amerikanischen, international renommierten Choreographen William Forsythe, der in den 45 Jahren seines Wirkens das klassische Ballett zu einer dynamischen Kunstform transformierte.

So auch in diesem Werk, welches rundheraus den Eindruck von 12 Tänzer*innen des Staatsballetts Berlin als Lichtgestalten vermittelt, die federleicht in ihren hautengen, hellblauen Rollkragen-Kostümen (Yumiko Takeshima) über die weiße, weite leere Bühne fegen und untereinander zur spärisch-harmonischen Synthesizer-Musik Tom Willems in immer neuen Formationen und phantasievollen Figuren tänzerisch bemerkenswert unter- und miteinander interagieren: ein belebender Hochgenuss.

Zum Ende des Stücks tritt eine barfüßige Tänzerin mit offenem, langem Haar in weißem Kleid (Issey Miyake!) in Erscheinung, die die Choreographie der Gesamttruppe ignorierend zwischen und vor ihnen in ihrer eigenen Choreographie dazwischen wirbelt.

Ein Stück voller Licht, Harmonie, tänzerischem Können, welches das Positive in den Zuschauern anspricht, die das Stück dementsprechend mit Beifall goutieren.

Lib

Dieses temporeiche, humorvolle Stück mit Witz (von Alexander Ekman) erzeugt von Anfang an viel Amusement und Gelächter bei den Zuschauer*innen! Nach der Pause werden sie von einem haarigen Ungetüm begrüßt: ein Tänzer (Johny McMillan) trägt eine 1,50 meter hohe Perückenkonstruktion auf seinem Kopf, festgeschnallt unter seinem Körper – so à la Bärenfellmütze der Grenadier Guards vor demBuckingham Palace. Einen königlichen Bezug hat das Thema des Stücks auch – es bezieht sich auf die unnatürliche Erhöhung des Menschen und speziell der Mode am Hof von Louis XIV mit den „Allongeperücken“ der Männer, die Macht und Größe des Herrgotts darstellen sollten.

Alexander Ekman arbeitet erstmals mit dem Haarkünstler Charlie Le Mindu zusammen, dessen Kreationen ihn begeisterten, wie z.B. die Chewbacca-Kostüme, die ihre Träger*innen am ganzen Körper in langes Haar hüllen.

Lib bedeutet Befreiung (engl. Liberation) – Befreiung von irrwitzigen Größenwahn-Allüren (nicht nur) der Herrschenden – ein Seitenhieb der Autorin auf den größenwahnsinnigen Mann mit der orangefarbenen Orang-Utan-Frisur in einem heutigen Herrscherhaus sei erlaubt.

In jedem Fall soll das Stück das Publikum unterhalten und das tat es auch: der Solotänzer fegte über die Bühne wie ein wildgewordener Berberteppich, an einen Yeti erinnernd – ganz in ein Haarkostüm gekleidet, Gelächter hervorrufend, wenn er kess die Haare aus dem Gesicht warf, um dem Publikum Blicke zuzuwerfen! Auch die Solistinnen des Hauses (Elisa Carrillo Cabrera, Aurora Dickie, Ksenia Ovsyanick and last, but not least der Publikumsliebling Polina Semionova, die wieder in das Berliner Ensemble zurückgekehrt ist) waren einfach brilliant. Zu Beginn kamen die Ballerinen in Nylon-Nudelook-Kostümen auf die Bühne und zelebrierten ihre Soli untereinander agierend, sitzend, liegend, stehend, dann wieder angedeutetete Mundbewegungen wie untereinander schwätzend, Grimassen schneidend, mit manchmal spartanischen, dann wieder rasanten Intermezzi, pas de deux’s, die an Duelle erinnernd – bezaubernd.

Der „rasende Berberteppich“ und „Yeti“ (Johnny McMillan) kam hinzu und nach einem Wechsel kamen die Damen mehr und mehr mit Fell bekleitet, eine nach der anderen, auf die Bühne und tanzten ihre Soli. Zum guten Schluss waren alle mit Ganzkörper-Fellkostümen versehen in hell- und dunkelblond, rot-, braun-, schwarzhaarig und tanzten – es war ein ganz besonderes Balletterlebnis! Zum Ende des Stücks setzen sich die Tänzer*innen vorne auf die Bühne an die erste Reihe, wie Tiere im Zoo, die Streicheleinheiten suchen – nur das Gesicht von Polina Semionova war zu sehen.

Die Begeisterung im Schlussapplaus für die an eine Modenschau erinnernde Präsentation des Ensembles nahm kein Ende!

Half Life

Das metaphysisch wirkende Tanzstück „Half Life“ von Sharon Eyal und Gai Behar mit der Musik von Ori Lichtik sprengt alles bisher Gesehene an Ballettchoreographien! Uraufgeführt wurde es am 11.2.2017 vom Königlich Schwedischen Ballett Stockholm.
Sharon Eyal, eine israelische Choreographin, ist eine der herausragenden „Player“ der zeitgenössischen Tanz-Szene. Ihre Kreation ist von der legendären Batsheva Dance Company geprägt. Von den Tänzer*innen des Staatsballetts Berlin wird in atemberaubender Art und Weise – atemberaubend auch für die Zuschauer – das Maximum an tänzerischem Können bis fast zur Erschöpfung abverlangt.

Die sehr laute, wuchtige technobeat-artige Syntheziser-Musik von Ori Lichtik wummert bis auf den Solarplexus und erzeugt mit ihrem Spannungsbogen einen magnetisierenden, hypnotisierenden, tranceähnlichen Zustand zu dem die Tanzer*innen in Nude-Look-Kostümen (hautfarbenen Höschen und Bustiers) wie Androiden oder Humanoiden-Roboter aus einem Science-Fiction-Film, von einem anderen Stern entsprungen die Erde erkundend, auf nackter Theaterbühne mit nebeligem Hintergrund stakkatoartig die meist immergleichen Bewegungen wie in Zeitlupe wiederholen. Assoziationen an „Wir sind die Roboter“ von „Kraftwerk“ kommen auf! Ihre Körper glänzen vom Schweiß während ihrer athletisch-ästhetischen Performance. Im Mittelpunkt stehen anfangs ein Mann und eine Frau – Adam und Eva? Sie wiederholen minutenlang zur Trancemusik die gleichen Bewegungen – die Trance überträgt sich auf die Zuschauer*innen. In Hintergrund, in extremem Zeitlupentempo kommt eine Gruppe herbei, die die beiden im Verlauf der Choreographie wie in Schwarmintelligenz umgibt mit diesen ständig roboterähnlichen Bewegungen, teilweise im Herzschlagrhythmus kollektiv zuckend, auseinanderstiebend, unterbrochen von Spitzentanz-Passagen comme d’habitude. Es wirkt, als ob das kollektive Unterbewußtsein Adam und Eva umtanzt. Mit amimischen Gesichtern, die Haare straff gebunden, schauen die Tänzer*innen teilweise fordernd und herausfordernd die Zuschauer*innen an, was beklemmend schön wirkt. Ein Schrei formiert sich auf dem Gesicht eines Tänzers – wie bei Edward Munchs Gemälde „Der Schrei“. Arme ragen wogend aus der wabernden, zuckenden Masse, zeigen nach oben, weisen auf irgendwas (Bedrohliches?), drehen die Köpfe gleichzeitig (nach was?) – die Musik wird fauchend wie ein abfahrender Zug – schlimme Assoziationen kommen auf! Ist es zu weit gegriffen, an Traumaverarbeitung zu denken? Immerhin ist es ein israelisches Stück.

Oder ist es das ewig menschliche Drama über den „Ernst des Seins“? In jedem Fall ist es ein metaphysisches Stück, dass zum tieferen Nachdenken anregt.

Im Schlussbild ist wieder die Frau, Eva (?), das ewig Weibliche (?) das Zentrum, um das alles wie in Derwischtänzen kreist. Sie wiederholt die monotonen, rhythmisch-zierlichen Bewegungen der Anfangssequenz, während die Gruppe im Hintergrund zu immer ekstatisch werdender Musik ihren athletisch-ästhetischen Tanz in wildem Reigen durchführt und immer wieder dramatisch-ergreifend wirkende Gruppen bildet, die wie eine Metapher wirken für (?). Sie muten zum Beispiel an wie die altgriechische Skulptur „Laokoon-Gruppe“, die den Todeskampf Laokoons und seiner Söhne zeigt. Das Choreographie-Bild erinnert auch an Auguste Rodin’s Plastik „Die Bürger von Calais“, angesehene Bürger, die sich freiwillig opfern wollten, um mit ihrem Leben die Vernichtung der Stadt zu verhindern. Die Choreographie appelliert an Urinstinkte von Angst, Furcht, Gruppe, Individuum und Magie! Sie ist eine einzige Fragestellung an die Zuschauer*innen.

Alles ist eine unglaublich brilliante, mitreißende Präsentation tänzerischen und choreographischen Könnens voller Energie und Dynamik. Am Ende der Vorführung gab Standing Ovations und Begeisterungsstürme mit tosenden, frenetischen, nicht enden wollenden Schlussapplaus.

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