„Wunschkinder“ – Ein starkes Stück im Renaissance-Theater Berlin

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© 2017, Foto: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wieder einmal hat Intendant Horst Filohn einen sehr guten „Griff“ in die „Schatztruhe“ der Bühnenstücke getätigt: Starbesetzung auf der Bühne, Starbesetzung im Premierenpublikum des meistgespielten, mit vielen Preisen ausgezeichneten Gegenwartsstücks auf deutschen Bühnen von Lutz Hübner und Sarah Nemitz – in über ein Dutzend Sprachen übersetzt und auf der ganzen Welt gespielt.

Das den zeitlosen, ewigwährenden Konflikt der heranwachsenden, flügge werdenden Generation mit den Eltern brilliant in die Gegenwart übertragende Werk – in einer Inszenierung von Regisseur Torsten Fischer – handelt von dem adoleszenten Marc (Arno Gottschling), der nach dem Abi ziellos im Gutsituiertenmilieu „Hotel Mama“ abhängt und erst einmal orientierunglos seinen weiteren Lebensweg ertastet. Das passt dem erfolgreichen, international tätigen Geschäftsmann-Papa Gerd (Klaus Christian Schreiber) überhaupt nicht, der sich von seinem Sohn die permanenten Umzüge um die Welt vorwerfen lassen muss. Die moderne, ihr Berufsleben zugunsten Sohnemanns zurückgestellt habende Mama Bettine (brilliant gespielt von Simone Thomalla) muss hilflos und unfähig zuschauen, wie Söhnchen seine Working-class- hero-Freundin schwängert und in jeder Hinsicht versagt – wie seine Eltern.

Ein Psychodrama mit viel Situationskomik, intensiv und mitreißend gespielt von jedem einzelnen Schauspieler – vom Publikum goutiert mit einer Mischung aus Gelächter und Betroffenheit – so lebensnah sind insbesondere die Streitszenen inszeniert mit einer hysterisch schreienden Simone Thomalla, die man von TV-Spielfilmen nur als ausgeglichene, alle Welt mit ihrer Wärme beruhigende Frau kennt. In „Wunschkinder“ rasten sie und ihr Ehemann Gerd so aus, wie man es seinem ärgsten Feind nicht wünscht – extrem gut gespielt.

Alle Schauspieler haben jeder für sich ein eindringliches, exzellentes Spiel geboten, so auch die Arbeitermutter Heidrun (Judith Rosmair), die die verhuschte, psychisch kranke Alleinerzieherin überzeugendst darstellt, die als neurotische Übersprungshandlung ständig ihre Haare toupiert und bürstet, während sie in „Gammelklamotten“ hilflos Selbstgespräche führend – aufgelöst ob des Geschehens – in ihrer Wohnung herumschlurft.

Angelika Milster glänzt als Tante Katrin, Rockerbraut-Schwester der Mutter, in ihrer Vertrauens-Vermittlerrolle des Sohns zwischen ihm und den beruflich erfolgreichen, im Privatleben versagenden Eltern.

Auch die schwangere, schockstarre, alleingelassene Azubi Selma, die vom Kindsvater und Kindsgroßvater zur Abtreibung gedrängt wird, spielt Emma Lotte Wegner brilliant.

Das Bühnenbild zeigt auf einer riesigen schwarz-weiß Fototapete einen in den ewigen Ozean mündenden Fluss – Sinnbild für das Geschehen. Selma verliert ihr Kind – in einer Betroffenheit auslösenden Schlussszene erklärt Angelika Milster als Tante Katrin, wie sich alle dann aus den Augen verlieren nach der „Schlacht“: Eltern in Dubai, Sohnemann studiert in Leipzig, Azubi und Mutter leben ihr Leben wie zuvor – im Working-class-hero Milieu.

Der Schlussapplaus im ausverkauften Renaissance-Theater zeigte einen Begeisterungssturm – Blumen und Slips flogen auf die Bühne – die meisten Rosensträuße erhielt Simone Thomalla, die mit ihrer starken, raumerfüllenden Ausstrahlung der Mutterrolle intensiv Leben einhauchte.

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