Voll der Osten! Harald Hauswald holt die DDR der 1980er und frühen 1990er Jahre zurück – Zum Bildband „Voll das Leben“

"Voll das Leben", ein Bildband von Harald Hauswald. © Steidl

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Was für ein Mordsbuch! Harald Hauswalds retrospektiver Wälzer unter dem schwammigen Titel Voll das Leben, dürfte der Wackerstein der Herbstsaison werden.

Von Hauswald gibt es bei Lehmstedt und Jaron bereits diverse Fotobände, insofern bietet das bei Steidl erscheinende Buch keine großen Überraschungen. Beeindruckend ist allerdings die Fülle des Materials. Auf 408 satten Seiten wird alles aufgeboten, was Meister Hauswald jemals geknipst hat.

Ob DDR-Alltagsfotografie, Festivitäten aller Art, Fußballspiele, Bummskapelle oder Punkkonzert, Hauswald hielt immer voll drauf.

Seine Kamera kam dabei den Menschen unheimlich nah, obgleich seine Fotos nie denunziatorisch sind, verwirren sie gern mal den Betrachter in ihrer radikalen Bildaussage. Wir sehen fahnenschenkende Jugendliche am 1. Mai nach einem Gewitter, beobachten frustrierte Passagier in einer Bahn, tappen mit traurigen Gestalten durch das triste DDR-Irgendwo. In jeder Ecke modert es romantisch, die Straßen sind öde und leer, die Häuser zeigen Kriegsnarben, der Himmel ist diesig. Auf Hauswalds DDR-Fotos wird selten gelacht.

Er war zu DDR-Zeiten ein Straßen-Fotograf im besten Sinn, der mit offenen Augen die Absurditäten des „grauen“ Alltags festhielt. Heute ist der Alltag nicht minder grau und die Menschen werden von den gleichen Zweifeln und Freuden angetrieben, doch durch die schwarzweiße Ästhetik der Fotos erscheint die DDR in besonders düsteren Bildern.

In Farbe wirken Hauswalds Fotos nicht. Das hat auch mit unserem Bild der DDR zu tun, viele Menschen verbinden mit dem Arbeiter- und Bauernstaat Zwang, Repressionen, freie Meinungsäußerung.

Wer Hauswalds intimen Blick genießen möchte, kann das neben dem Buch auch in der gleichnamigen Ausstellung bei C/O Berlin tun.

Bezahlt haben das Mammutprojekt der Hauptstadtkulturfonds und die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Bibliographische Angaben

Harald Hauswald (Fotografien), Voll das Leben, 408 Seiten, Sprachen: Englisch, Deutsch, Halbleinen, Format: 24 x 30 cm, Verlag: Steidl, 1. Auflage, Göttingen, September 2020, ISBN: 978-3-95829-720-3, Preis: 45 Euro

Veranstaltungshinweis

C/O Berlin präsentiert vom 12. September 2020 bis 23. Januar 2021 die Ausstellung Harald Hauswald. Voll das Leben! Retrospektive im Amerika Haus in der Hardenbergstr. 22–24, 10623 Berlin.

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