Erlebnisreiche Erfahrungsberichte auf der Ebene der Erscheinungen – Zum Roman „Der Buchhändler aus Kabul“ von Asne Seierstad

"Der Buchhändler aus Kabul" von Asne Seierstad. © Kein & Aber

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Tiefer drin, nein, nicht in einem Buch, sondern in einem Heim und Haus mit Großfamilie in Kabul, war ich lange nicht mehr, wenn auch schon am Hindukusch, wo viel verteidigt wird, vor allem gepolitische Interesse der VSA, aber nicht die BRD. Dort in den Bergen und Tälern und weiten Ebenen erinnert sich keiner an die Lügen der Sozen und Christen deutscher Zunge.

Das Geschwätz und Geschreibsel aus den Vasallenstaaten interessiert niemanden in den Vielvölkerstaaten am Hindukusch, auch nicht die beiden Bürgermeister von Kabul, deren Macht- und Herrschaftsbereich nicht viel weiter reicht als bis zu den zerschossenen Ortstafeln an den Aus- und Einfallstraßen des Viereinhalb-Millionen-Molochs, der ringsum von Bergen und nicht nur Taliban umgeben ist.

Zu behaupten, dass Asne Seierstad in ihrem Roman „Der Buchhändler aus Kabul“ mit dem Untertitel „Eine Familiengeschichte“, der jüngst im Verlag Kein und Aber erschienen ist, „einen einmaligen Einblick in den Alltag Afghanistans“ bieten würde, das ist völliger Blödsinn, denn Kabul ist nicht Afghanistan. Und dieser Afghanistan genannte Staat existiert nur noch auf dem Papier. Was existiert ist Kabul. Und Kabul hat in Wirklichkeit zwei Bürgermeister, die sich in permanenter Penetranz streiten. Auf dem ehemaligen Staatsgebiet des hierzulande Afghanistan genannten Staates existiert mindestens noch ein weiterer Staat. Doch die Vereinigten Staaten von Amerika existieren immer noch und zwar als Invasoren und Besatzer.

Kabul und Kabuler, Afghanistan und Afghanen?

Und genau so wenig wie es Afghanistan gibt, gibt es Afghanen. Afghanen sind höchstens eine Hunderasse, genauer: Afghanische Windhunde. Von Paschtunen in und um Kabul, von Hazara und Aimaken, von Belutschen und Tadschiken, von Usbeken und Turkmenen, von Kirgisen und Brahui und Nuristani und Kizilbasch müsste die Rede sein, denn diese Völker existieren. Vor allem wird viel Persisch (Dari) gesprochen und alleine das sollte ein Hinweis darauf sein, welchen Einfluss neben dem aus dem Nachbarstaat Pakistan aus dem Iran geltend gemacht wird.

Die Paschtunen und Belutschen müssten eigentlich einen eigenen Staat bekommen. Sie verteilen sich auf Ex-Afghanistan und Immer-noch-Pakistan. Begrifen hat das auch die Autorin nicht, die als Journalistin von Sultan Khan, einem Buchhändler aus Kabul, eingeladen wird, für fünf Monate bei ihm und seiner Familie zu leben. Wie immer bei echten Experimenten weiß man anfangs nicht, was am Ende dabei herauskommt.

Dass „seit mehr als zwanzig Jahren Sultan Khan den Autoritäten“ trotzt, „Kommunisten“ und „Taliban“ werden genannt, Yankee-Imperialisten nicht, „um die Bevölkerung von Kabul mit Büchern zu versorgen“, ja, die braven Bürger, das wird dem Leser mitgeteilt. Kahn, alles andere als ein King, „wurde verhaftet und musste mit ansehen, wie seine Bücher auf offener Straße verbrannt wurden. Dennoch hat er seine Leidenschaft für das Lesen nie aufgegeben und Licht in einen der dunkelsten Orte der Welt gebracht, während er gleichzeitig mit harter Hand seinen Haushalt führte“ heißt es auf dem Waschzettel und auch, dass der Roman ein „intime Porträt eines Mannes und seiner Familie – zwei Ehefrauen, fünf Kinder und viele Verwandte – und ein einzigartiger Einblick in ein Land der extremen Widersprüche“ sei.

Extreme Widersprüche gibt es immer und überall, wenn man sie begreift, also erstens versteht und zweitens erklären kann und also auf den Begriff bringt. Dafür ist die Autorin zu literarisch. Seierstad ist scheinbar mehr Dichterin als Denkerin. Sie ist aber auch Korrespondentin und Kriegsberichterstatterin und vielleicht deswegen so nah dran, dass ihr der polit-ökonomisch und geopolitische Überblick fehlt, der durchaus zur Sprache kommt. Seierstad schreibt erlebnisreiche Erfahrungsberichte auf der Ebene der Erscheinungen mit Gespür für Gefühle. Nicht, dass das falsch ist, aber das ist nur eine Seite der Medaille. Für völlig Ahnungslose – und also alle Christen und Sozen – sollte diese jedoch wirklich ein Gewinn sein.

Bibliographische Angaben

Asne Seierstad, Der Buchhändler aus Kabul, Eine Familiengeschichte, Roman, 352 Seiten, Übersetzer aus dem Norwegischen: Holger Wolandt, Originaltitel: Bokhandleren i Kabul, Taschenbuch, Verlag: Kein & Aber, Zürich, 1. September 2020, ISBN: 978-3-0369-6111-8, Preis: 13 EUR (Deutschland), auch als E-Buch erhältlich.

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