Von Bayreuth nach Hollywood – Der amerikanische Musikkritiker Alex Ross erkennt überall Wagnerianer

"Die Welt nach Wagner" von Alex Ross. © Rowohlt

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Tod des 69-jährigen Richard Wagner in Venedig war ein gesellschaftliches Großereignis. Unzählige Nachrufe und Beileidstelegramme wurden formuliert. Die feierliche Überführung nach Bayreuth glich einem Staatsbegräbnis.

Richard Wagner – Genie und zugleich ein fragwürdiger Charakter mit antisemitischen, rassischen Zügen. Der amerikanische Kulturjournalist Alex Ross schildert, wie stark dieser widersprüchliche Künstler die Nachwelt prägte: Von Wagners Gesamtkunstwerk führt eine direkte Linie nach Hollywood; man denke nur an Francis Ford Coppolas Vietnam-Kriegsfilm „Apocalypse Now“, wo der „Walkürenritt“ ein Geschwader beim Bombenabwurf begleitet.

Alex Ross, Musikkritiker beim renommierten Magazin „New Yorker“, beherrscht die amerikanische Kunst des journalistischen Erzählens: kurzweilig, anekdotenreich und allgemeinverständlich. Sein Thema ist Wagners einzigartiger Einfluss auf Philosophie und Bürgerrechtsbewegungen, auf Dichtung, Malerei oder Popkultur. Alex Ross entdeckt Wagners Spuren in Nietzsches Vorstellung vom „Übermenschen“, den Romanen der Brüder Thomas und Heinrich Mann, in den Farbkompositionen Wassily Kandinskys oder gar den Trickfilmen mit Bugs Bunny.

Ausführlich erzählt der Autor, wie sich die nationalsozialistische Ideologie aus Wagners Weltanschauung speiste. Der staunende Leser erfährt aber auch, dass Feministinnen und afroamerikanische Bürgerrechtler begeistert die Festspiele in Bayreuth besuchten.

Richard Wagner mobilisierte Kräfte über das ganze politische Spektrum. Wie intensiv die nachfolgende Kulturgeschichte von seinem Erbe durchzogen ist, legt Alex Ross eindrucksvoll und unterhaltsam offen.

Bibliographische Angaben

Alex Ross, Die Welt nach Wagner, Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne, 912 Seiten, Übersetzer: Gloria Buschor, Günter Kotzor, Verlag: Rowohlt Buchverlag, Hamburg, 1. Auflage, 17.11.2020, ISBN: 978-3-498-00185-8, Preis: 40 EUR (Deutschland)

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