Was nicht in Wikipedia steht. Steht „alles im Internet“ – weit gefehlt

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Titelseite von Peter Demetz' Buch über Rainer Maria Rilkes Jahre in Prag, seiner Geburtsstadt.
"René Rilkes Prager Jahre" von Peter Demetz. Ausschnitt der Titelseite des Diederichs-Buches von 1953. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wir sprechen jetzt nicht von echten Geheimnissen. Von Tips, die man gegen Bezahlung bei teuren Beratern einholt und die oft nur versteckt oder in nicht aufbereiteter Form zu finden sind. Sondern von vielerlei vielleicht enzyplopädischem Wissen, das in der Enzylopädie namens Wikipedia nicht zu finden ist. Nicht im Internet, nicht in Wikipedia.

Über die Frage, ob es dort hingehört, gibt es innerhalb der Wikipedianer Diskussionen. Manche Personen, die man für unwichtig hält, sind in der Online-Enzyklopädie verzeichnet. Andere, die durchaus wichtig sind oder zu sein scheinen, fehlen bei Wikipedia.

Die Gründe sind nicht nur subjektiv. Es muss auch immer jemanden geben, der die Information hat UND bereit ist, kostenlos darüber zu schreiben. Fernerhin muss er die Wagenburg von Wikipedia durchbrechen, wie wir es einmal nennen wollen, was auch keine Selbstverständlichkeit zu sein scheint.

Dabei ist die Frage, ob und wo Wissen vorhanden ist, entscheidend.

Zur Illustration ein Beispiel.

Beispiel Wilmersdorfer Straße – was nicht in Wikipedia stand

Die Wilmersdorfer Straße in Berlin-Charlottenburg hatte schon seit geraumer Zeit einen eigenen Eintrag. Was dort stand, war nicht wenig, aber inhaltlich trotzdem dürftig, wenig fundiert und oft zumindest irreführend um nicht zu sagen, schlicht falsch. Immer wieder einmal gab es im damaligen Heimatmuseum Charlottenburg Überlegungen, der Sache auf der Grund zu gehen. Einmal gab es sogar einen richtiggehenden Anlauf, Material zu sammeln; Ergebnis: ein dicker Leitz-Ordner. Doch erst nach der Bezirkszusammenlegung Charlottenburgs mit Wilmersdorf und weiteren günstigen Umständen, so der Renovierung der Villa Oppenheim für 1,6 Millionen Euro, nahm 2011 die Planung konkretere Formen an. Ein Rechercheteam machte sich an die Arbeit, eigene und fremde Archive zu durchsuchen.

Am Ende der Arbeit standen eine sehr erfolgreiche Ausstellung, deren Laufzeit immer wieder verlängert wurde und nach zig Nachfragen, die einen großen Bedarf signalisierten, ein Buch. Es sollte kein Ausstellungskatalog werden, unter anderem, da das Erscheinen nicht sicher innerhalb der Laufzeit liegen konnte und, weil es eine grundlegende Monographie zum Thema werden sollte.

Viel Zeit ging dahin, Manpower war am Werke. Das Internet gab es bereits seit geraumer Zeit, war inzwischen Alltag geworden. Jetzt kommt der springende Punkt: Zwei bis drei Autoren wurden für das Projekt auserkoren. Ein vierter gesellte sich später hinzu. Was war passiert? Ein Mitarbeiter mit einem anderen Aufgabengebiet hatte, anfänglich aus Langeweile, die „Wilmersdorfer Straße“ gegoogelt. Mühsam hatte er sich durch die redundanten Einträge, die sich mit irgendwelchen Straßen in Wilmersdorf oder irgendwelchen Wilmersdorfern beschäftigten, hindurchgefressen. Am Ende beziehungsweise während des Prozesses, der neben der eigentlichen Arbeit geschah, standen allerdings hinreichend interessant erscheinende Details und Anekdoten, die auch noch in dem zu verfassenden Buch Platz finden sollten. Der Finder wurde nachträglich zum Co-Autor der Publikation bestimmt.

Das Internet war so voller Einträge, dass der hinzukommende Autor letztlich die größte Textmenge unterzeichnete.

Das Internet verändert vieles.

Das spräche doch für das Internet?

Es geht hier auch weniger um einen künstlichen Gegensatz Buch-Internet, sondern um ein ergänzendes Miteinander und ein Leben mit Büchern, da dieses sinnvoller ist und eine Menge Vorteile bietet. Sogar oder auch in der Papierform.

Die neuen Forschungsergebnisse, die das 2013 in Berlin erschienene Buch über die Wilmersdorfer Straße letztlich enthielt, waren im wesentlichen Akten und Karten zu verdanken – weder den Büchern noch dem Netz. Wobei Bücher und Landkarten seit Ewigkeiten zusammen angeboten werden, man denke zum Beispiel an Kiepert.

So stellte sich heraus, dass es um 1910 herum für wenige Jahre eine Synagoge in der Wilmersdorfer Straße gegeben hatte, die wegen der repräsentativen Neubauten in der Pestalozzi- und Fasanenstraße aufgegeben wurde. In Nachschlagewerken ist diese nicht aufgeführt.

Auch konnte der Name der Wilmersdorfer Straße 100 Jahre früher belegt werden als bisher allgemein bekannt und veröffentlicht. Bis 2012 hatte es geheißen: Straßenname „ab 1824“ in Gebrauch. Die Forschung ergab, dass es mindestens ab 1724 zwei Namen gab: „Wilmersdorfische oder Lange Spreestraße“.

Stehen in Büchern wichtige Informationen oder kann man „alles im Internet finden“?

Ein Teil der Antwort ist subjektiv. Unterschiedliche Menschen werden unterschiedliche Antworten finden und geben.

Wer analog aufwuchs, tendiert vielleicht von vornherein zum – richtigen – „Ja, es gibt in Büchern wichtige Informationen. Diese Informationen kann man nur zum Teil auch im Internet finden.“

Digital aufgewachsene, die vielleicht schon mit fünf ein Handy bekommen haben, haben dagegen oft mit Büchern Probleme. Obwohl es an der Universität Auflagen gibt, mindestens eine Buchquelle zu benutzen und nicht ausschließlich digitale Quellen, drücken sich viele Twens recht erfindungsreich darum.

Wer die Welt der Bücher nicht kennt, traut ihr bestimmt auch weniger zu. Die Digital Großgewordenen nennt man Digital Natives, Generation Y oder Millenials.

Trotzdem bejahen vielleicht auch viele Jüngere, dass man nicht „alles“ im Internet finden kann. Vielleicht mit der Einschränkung, dass bald „alles“ zu finden sein wird. Schließlich gibt es ja durchaus Digitalisierungsbestrebungen und – anstrengungen. Insofern haben die „Natives“ (sprich: Nejtiws) , die Eingeborenen der Digitalwelt, einen positiven Ausblick.

Nicht in Wikipedia, sondern hier: Rilke und die Eisenbahn

Jetzt muss eines der vielen möglichen Beispiele folgen. Noch gar nicht vor so langer Zeit, in den 50er Jahren, erschien in der Bundesrepublik Deutschland ein Buch von Peter Demetz. Just in dem Jahr, als „René Rilkes Prager Jahre“ bei Diederichs in Düsseldorf erschien, 1953, wanderte Demetz in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. 1958 wurde der Germanist dort Staatsbürger.

Wikpedia kennt den Autor und führt in der Rubrik „Werke“ als zweites auch „René Rilkes Prager Jahre“ auf. Erschienen im Alter von 31 Jahren. Mit 30 wurde „Goethes ‚Die Aufgeregten‘ “ in Hannoversch-Münden verlegt – 1952.

Das war aber wohl kaum Demetz‘ erstes Werk, denn wir erfahren aus dem Klappentext des Buches: „Der Verfasser, der sich mit einer Arbeit über Kafka bereits einen Namen machte, ist ein junger Prager Literaturhistoriker, der seine Heimatstadt erst vor kurzem verließ.“ Wann? 1948, nach dem kommunistischen Putsch. Das Deutschland, aus dem das Regime kam, das am Tod seiner Mutter schuld war, war vermutlich nicht Peter Demetz‘ Traumziel.

Peter Demetz wurd am 21. Oktober 1922 geboren, das weiß Wikipedia, auch von der Emeritierung 1991 an der Yale University.

Demetz wusste als gebildeter Prager nicht nur von Rilke und Kafka, sondern blickt auch zur Seite auf Mauthner und Werfel, um die deutsch-böhmische Dichtung um die Jahrhundertwende darzustellen.

René Rilke – das ist etwas ungewohnt, nicht wahr? Er ist derselbe, der uns als Rainer Maria Rilke geläufiger ist. Außer René trug Rilke noch die Vornamen Karl Wilhelm Johann Josef Maria. Aus den sechs Vornamen wurden später zwei.

Neue Erkenntnisse durch Bücher – Lesefrüchte

Was weiß Demetz‘ Buch, das nicht in Wikipedia stünde? Zum Beispiel Vieles über Rilkes Vater Josef. René hatte nicht zufällig ein halbes Dutzend Namen. Einer der sechs Vornamen stammte von seinem Vater Josef Rilke (1839–1906).

Wikipedia weiß, warum Rainer nicht mehr René heißt – seine Liebe Lou Andreas-Salomé fand den Namen scheinbar nicht männlich genug.

Über den Vater heißt es nur, er sei Bahnbeamter geworden. Das kann man nur bedingt so stehenlassen, da Beamte im Staatsdienst sind. Nachdem das Gesuch des Artillerieunteroffiziers Josef Rilke, Offizier zu werden, nicht befürwortet worden war, verließ Rilkes Vater das Militär. Mit Hilfe seines Bruders fand er eine Stellung als Offizial der Turnau-Kralup-Prager Eisenbahn. Dabei handelte es sich um eine private Gesellschaft.

Eisenbahnfreunde, von denen es wahrlich viele gibt, wird auch interessieren, dass er Stationsvorsteher in Bakov, dann Magazinvorsteher und schließlich Revisor der Böhmischen Nordbahn wurde. Die Nordbahn, heute im Tschechischen gelegen wie die Turnau-Kralup-Prager Eisenbahn, im 19. Jahrhundert im Norden Österreich-Ungarns, war ebenfalls eine Aktiengesellschaft.

Nun könnte man anmerken, dass diese Fakten ja nicht besonders interessant seien. Doch darum kann es in keinster Weise gehen. Mehr als 50% des Inhaltes einer Enzyklopädie interessiert die Mehrheit nicht.

Es geht darum, ob solche Informationen im Netz verfügbar sind
– und sie sind es nicht.

Als Eisenbahnfan würde es mich interessieren, dass Rilkes Vater Eisenbahner war – und wo. Bakov heißt in der deutschen Wikipedia übrigens Bakow.

Als Literaturstudent oder -wissenschaftler oder Rezipient von Rilkes Werk würde mich der Werdegang des Vaters ebenso interessieren.

Zur Frage des Eisenbahn-“Beamten“ Josef Rilke: Die Böhmische Nordbahn wurde 1908 verstaatlicht. Josef Rilke lebte da bereits zwei Jahre nicht mehr.

Ein Hoch auf die Bücher, die allein solche und andere Wissenslücken schließen können, der Forschung und dem Wissen dienen.

Mögen auch die Digital Natives sich mit ihnen anfreunden. Papier ist geduldig, die Generation Y weniger.

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