Wie ein Vogel im Käfig – „Niemand hat das Recht, mir diese Dinge aufzuzwingen“ – Die Filme „Saudi Runaway“ aus Saudi Arabien und „The Assistant“ aus den USA – im Panorama der 70. Berlinale – widmen sich offenen und verdeckten Machtsystemen und Unterdrückungsmechanismen gegenüber Frauen innerhalb repressiven Strukturen

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Szene mit Julia Garner in "The Assistant" von Regisseurin Kitty Green. © Forensic Films

Berlin, Deutschland (Weltexpress). „It’s time to give a voice to these women“, sagt die Regisseurin Susanne Regina Meures über ihre junge Protagonistin Muna, die in Saudi-Arabien, unter gefährlichsten Bedingungen um ihre Freiheit kämpft. In „The Assistant“ von der Regisseurin Kitty Green arbeitet Jane (Julia Garner) in einer patriachal-dominierten Produktionsfirma in den USA und stößt auf unüberbrückbare Widerstände, als sie versucht sich zu wehren.

Das Programm der Sektion Panorama der Berlinale war schon immer ein Publikumsmagnet: Gesellschafts- und sozialkritische Sujets, die sich am Puls der Zeit bewegen und Zustände aus verschiedensten Gegenden der Welt werden widerspiegeln. Der Zuschauer ist mit sich selbst und seinem Blick auf die Welt konfrontiert. Er wird im besten Falle aufgerüttelt und in seinen Wahrnehmungsperspektiven herausgefordert.

Die Filme „Saudi Runaway“ von der Regisseurin Susanne Regina Meures – und „The Assistant“ aus den USA von der Regisseurin Kitty Green, im Panoramaprogramm der 70. Berlinale, zeigen beispielhaft auf sehr unterschiedliche Weise Unterdrückungsmechanismen gegenüber Frauen in repressiven Systemen – und legen damit den Finger in die Wunde.

In dem Dokumentarfilm „Saudi Runaway“ aus Saudi-Arabien, einem der repressivsten Patriarchate der Welt, dokumentiert Muna mit ihrer eigenen Handykamera – unter schwierigsten Bedingungen – ihr Streben nach Autonomie in männlich-dominierter Herrschaft. Der Spielfilm „The Assistant“ aus den USA zeigt ein geschlossenes System auf, indem eine junge Assistentin in ihrem Arbeitsalltag patriarchalen Mechanismen ausgesetzt ist und beobachtet gleichzeitig diese machtdemonstrierenden und repressiven Strukturen, Mobbing und subtilen Entwertungen, unausgesprochenen Regeln und Männerbündnissen, – anhand eines Arbeitstages in einer Produktionsfirma eines mächtigen Medienmoguls.

Nach Skandalen wie von Harvey Weinstein und anderen – im öffentlichen oder privaten Raum – ist die Berlinale, mit ihrem weltoffenen und verbindenden Konzept, die in den letzten Jahren auch der MeToo-Debatte und andere Brandherde immer wieder thematisierte, eine wichtige Plattform für menschenrechtliche Themen. Und dabei darf es keine Kompromisse geben. Machtdemonstrierende Übergriffe oder versteckte, subtile Herabwürdigungen sind kein Kavaliersdelikt. Sie tradieren bestehende Strukturen, manchmal offen, manchmal verdeckt. Und es geht dabei auch weniger um Sexualität, sondern um Macht und Kontrolle. Und es sollte weder offen, noch verdeckt, Bestandteil eines System sein. Es geht um Augenhöhe.

Lange lebten wir in patriarchalischen Gesellschaften, lange gab es keine wirkliche Gleichstellung zwischen Frauen und Männern, und trotz aller Errungenschaften – sind weiterhin im kollektiven Bewusstsein, Glaubenssätze und Konditionierungen bei Frauen und Männern vorhanden – auch heute noch.

Der Dokumentarfilm „Saudi Runaway“ von der Regisseurin Susanne Regina Meures spielt in einem der repressivsten Patriarchate der Welt, in dem Frauen bis vor kurzem noch nicht den Führerschein machen oder ohne männliche Erlaubnis den Reisepass über 21 Jahren verlängern durften – erst im letztem Jahr wurden die Gesetzte dafür aufgehoben. Aus diesem Herrschaftssystem versucht ein kleiner Teil von jungen Frauen zu entfliehen und unter höchst gefährlichsten Bedingungen ihre Flucht zu planen und aus dem Land auszureisen.

„Saudi Runaway“ nimmt uns mit in das Reich von Muna, einer mutigen jungen Frau, die kurz vor der Zwangsheirat steht und minutiös ihre Flucht aus dem unterdrückendem Staat plant. Mit zwei Handykameras filmt die Protagonistin verdeckt – ohne das irgendjemand aus ihrer Familie das mitbekommen darf – ihren Alltag hinter verschlossenen Türen, in ihrer saudi-arabischen Familie. Wir sehen eine Welt hinter Schleiern, in geschlossen Räumen, hauptsächlich eingegrenzt in den Familienkosmos. Es ist Muna als Frau nicht erlaubt alleine vor die Tür zu gehen. Sie, ihre Mutter und die anderen Geschwister stehen unter der Dominanz des Vaters, der das alleinige Entscheidungsrecht besitzt. Die Fassade einer anständigen Familie ist gewahrt, während der Vater den jüngsten Sohn täglich prügelt. Als Muna bemerkt, dass ihr Reisepass bald abläuft und weder ihr Vater noch ihr zukünftiger Ehemann, einer Verlängerung zustimmen werden, plant die mutige Frau ihre Flucht. Immer im geheimen Kontakt mit der Filmemacherin Susanne Regina Meures protokolliert Muna mit ihrem Handy die 5 Wochen, die ihr bleiben bevor ihre Zwangsheirat ansteht. Hinter der Fassade einer anständigen Familie breitet sich ein Kosmos aus, der dem patriarchalen-unterdrückendem Herrschaftssystem des Staates entspricht – und zeigt den Kampf einer jungen Frau um Autonomie – unter der schleichenden Bedrohung der Entlarvung.

Susanne Regina Meures will diesen Frauen eine Stimme geben. Das gelingt ihr mit diesem Dokument, welches einen so seltenen persönlichen Einblick, in die Schwierigkeiten und emotionalen Herausforderungen dieser jungen saudi-arabischen Protagonistin gibt – die immer mit ihrem Widerspruch zwischen emotionalen Verbindung gegenüber ihrer Familie und ihrem starken Bedürfnis nach Freiheit kämpft – was eine große Herausforderung ist – und gleichzeitig vermittelt der Dokumentarfilm einen Einblick in die patriarchalen Unterdrückungsmechanismen dieses Staates und einem Fluchtversuch unter größter Gefahr.

„The Assistant“ aus den USA von Kitty Green zeigt auf ganz andere Art ein in sich geschlossenes System, doch auch hier patriarchal dominiert. Jane (Julia Garner), die neue Assistentin eines mächtigen Medienmoguls, arbeitet seit wenigen Wochen in einer Filmproduktionsfirma. Tag für Tag erledigt sie gewissenhaft und präzise ihre Aufgaben, die aus Kopien anfertigen, Terminplänen ausdrucken, das Büro ihres Chefs aufräumen oder Mittagessen für die Kollegen oder Kaffe kochen, bestehen. Unter äußerster Zurückhaltung und mit ernster Miene erträgt sie die Feindseligkeiten ihrer Kollegen, die sie wie Luft behandeln oder ihr herabwürdigend begegnen. Für ihren Chef erledigt sie die Telefonate, nimmt attraktive Frauen in Empfang, die in dem Büro ihres Bosses verschwinden. Nach und nach fächert sich ein subtil missbräuchlicher Umgang auf, der sich in allen Aspekten des Bürotages widerspiegelt. Als Jane versucht sich dagegen aufzulehnen, wird deutlich, dass sie Teil eines missbräuchlichen Systems ist. In dem die Mitarbeiter den ungeschriebenen Gesetzten des Chefs folgen und dessen Handlungen vertuschen oder ignorieren – oder aktiv mitwirken. Mobbing, emotionaler Missbrauch und sexueller Missbrauch sind an der Tagesordnung – ein Aufmucken scheint aussichtslos. Jane lebt in einer Atmosphäre der inneren Isolation, sie weiß, dass sie ihren Job nur behalten kann, wenn sie sich unterordnet und die Anfeindungen erträgt. Aber der Preis dafür ist die Seele einzubüßen. Dieses machtdominierte System, in dem jeder jeden deckt, kann sich so immer weiter aufrecht erhalten.

Kitty Green legt den Fokus auf den Arbeitsplatz, aus Sicht der jungen Assistentin. Mit Detailgenauigkeit und langen Einstellungen dokumentiert sie einen Arbeitsalltag der Protagonistin, der sich in seinen routinierten Arbeiten immer wiederholt. Eine Stärke des Filmes ist, das der Zuschauer den unterdrückenden Umgang aus Sicht der Protagonistin unmittelbar mitverfolgen kann.

Weniges wird gezeigt, vieles dadurch offenbart. Hier in diesem Büro zeigt sich die Macht dadurch, „was gesagt wird und was nicht gesagt wird.“ Leider gerät der Film etwas spannungslos und in seinem Plot nicht kongruent. Doch die subtile Manipulation und der Missbrauch ist spürbar für den Zuschauer. Es ist eine Arbeitsatmosphäre und ein Umgang, wie er beispielhaft für viele Arbeitssysteme steht und dadurch aufdeckend ist und den Finger in die Wunde legend – wenn auch mehr Stringenz in der Handlung „The Assistant“ zugute gekommen wäre. Doch es ist ein Verdienst der Regisseurin, das Thema auf diese Weise darzustellen und zu benennen. Es ist ein Spiegel der Realität und wichtig bewusst gemacht zu werden. Ein System von systematischem Missbrauch und Repression, das beispielhaft für viele Arbeitsplätze steht.

Beide Filme zeigen Machenschaften in repressiven Strukturen auf – in den unterschiedlichsten Ecken der Welt -, beide sind ein Appell, wenn auch auf sehr verschiedene Weise, für die Aufdeckung unterdrückender und toxischer Zustände – beide werfen ein Licht auf verkrustete, machtdominierte Gebilde und legen damit den Finger in die Wunde. Und das ist bitter nötig.

„Niemand hat das Recht, mir diese Dinge aufzuzwingen“, ruft die willensstarke Muna in „Saudi Runaway“ und schreit ihren Appell in die Welt hinaus.

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