Unter den Teppich gekehrt. Ein Königsmord? – „Ein Sturm zog auf“ („Anunciaron Tormenta“) im Forum der 70. Berlinale

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Reha-Xustina Bolekia Bueriberi in "Anunciaron tormenta" von Regisseur Javier Fernández Vázquez. Quelle: Berlinale.de

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ësáasi Eweera hieß ein König der Bubi in Äquatorialguinea. Sein Tod ist der Anlass für den Film „Anunciaron Tormenta“, im Englischen, der Festivalsprache der Berlinale, „A Storm Was Coming“. Für die spanische Kolonialmacht war Eweera eine „Bedrohung“, obwohl er nur über ein recht kleines Territorium herrschte.

1904 starb er; „unter mysteriösen Umständen“ (laut Berlinale.de). Fernández Vázquez geht in die Archive, sucht die Akten heraus, liest und agiert wie ein Kriminalkommissar. Nur dass Harry nicht den Wagen holen muss.

Eine Untersuchung zum Tode des Königs wird in Spanien angeordnet, aber nie durchgeführt. Das erinnert ein bisschen an den langen Arm des Zaren, der auch nicht immer ins tiefste Sibirien reichte.

Justo Bolekia Boleká in „Anunciaron tormenta“ von Regisseur Javier Fernández Vázquez. Quelle: Berlinale.de

„Ein formalistischer Krimi“ und – laut berlinale.de – „eine Anklage gegen den Kolonialismus.“

Ein spanisches Kommando zieht des nachts in die Berge, überrascht den König und seine Familie in seinem Haus und überfällt sie. Krank wird er ins Tal gebracht. Angeblich sei das das beste gewesen, um ihm eine Behandlung angedeihen zu lassen. Jedenfalls überlebt der König das Kommando nicht.

Es ist Geschichte. Man kann daraus lernen.

Erstmals gezeigt am Sonntag, den 23.2.2020, um 19.30 Uhr. In Berlin. Weltpremiere. Dann am Montag um 14 Uhr im Delphi unweit des Zoos.

Weitere Screenings, also Filmvorführungen:

Am Donnerstag, den 27. Februar 2020, um 22.30 Uhr im Kino Arsenal 1 im Filmhaus, Potsdamer Straße 2 (im Sony –Center). Online-Tickets sind zurzeit noch erhältlich.

Am Samstag, den 29. Februar, um 16.15 Uhr im Zoo-Palast (Kino 2). Karten gibt es ab Mittwoch, den 26.2., 10 Uhr.

Der Tod des Königs führt nahezu zum Aussterben der Sprache

Justo Bolekia Boleká ist Gelehrter und Lehrer. Er ist einer der wenigen, der noch Bubi spricht. Zusammen mit seiner Tochter Reha-Xustina Bolekia Bueriberi verliest er Texte in Bubi. Der Königsmord (?!) erschütterte das Selbstbewusstsein des Volkes zutiefst. Während man sich vorher von den christlichen Missionen ferngehalten hatte, besuchte man sie fürderhin. Man sprach nicht darüber; es war ein Schock. Man ordnete sich unter, die Sprache geriet in Vergessenheit.

Das bedeutet nicht, dass die Ereignisse in Vergessenheit gerieten. Auch bedeutet es nicht, dass die Bubi alles täten, was die europäischen Eindringliche taten oder tun. Oftmals wird ein „Black screen“ gezeigt (Die Leinwand, der „Screen“, bleibt also schwarz), man hört die Stimmen der „eingeborenen“ Sprecher. Photographieren oder filmen lassen sich die meisten nicht. Ähnlich wie andere Völker, aber teils aus anderen Gründen. Der Grund, aus dem sich moderne Europäer nicht photographieren lassen, der Datenschutz und das Recht am eigenen Bild, spielt dabei nur bedingt eine Rolle, es gibt aber dennoch im Kern Übereinstimmungen.

Filmographische Angaben für den Film Anunciaron Tormenta

  • Originaltitel: Anunciaron Tormenta
  • Englischer Titel: A Storm Was Coming
  • Deutscher Titel: Ein Sturm zog auf
  • Staat: Spanien
  • Jahr: 2020
  • Sprache: Spanisch, Bubi; Untertitel auf Englisch.
  • Regie: Javier Fernández Vázquez
  • Art: Dokumentarische Form. Früher sagte man: Dokumentarfilm. Es gibt eine Art Reinactment, Interviews, es ist eine Wahrheitssuche. Vergleiche „Curveball“.
  • Mit Justo Bolekia Boleká, Reha-Xustina Bolekia Bueriberi, Nieves Posa Bohome, Paciencia Tobilleri Bepe, Ricardo Bulá Bitema und anderen.
  • Filmdauer: 87 Minuten

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