Zum Bierbad in die Sächsische Schweiz – Romantik vollbiologisch in Schmilka nahe der tschechischen Grenze

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Blick vom Elbsandsteingebirge auf die Elbe. © Foto: Fritz Hermann Köser, BU: Stefan Pribnow

Schmilka, Sachsen, Deutschland (Kulturexpresso). Von Afrika aus schweift der Blick über die Elbe. Vor einem der Fluss, eingezwängt in ein enges Tal, mit dicht bewaldeten Hügeln, hinter einem Savannen-Romantik, zumindest lassen Möbel im Zebra- und Geparden-Look ein wenig Großwildjäger-Stimmung aufkommen.

Basteibrücke bei Rathen im Elbsandsteingebirge. © Foto: Fritz Hermann Köser, BU: Stefan Pribnow

„Safari“ nennt sich das Zimmer im Bio-Hotel „Helvetia“ in Schmilka nahe der tschechischen Grenze, eines von mehreren Themen-Räumen, Ernest Hemingway hätte sich hier bestimmt wohl gefühlt. Schlangen unter dem Bett gibt es nicht, auf Moskitonetz und Tropenhelm wurde trotz des Klimawandels verzichtet, dafür liegt die Zeitschrift „Schrot und Korn“ auf dem Nachttisch. Kühlschrank mit Mini-Bar? Fernseher? Wlan? Fehlanzeige. Stattdessen wurde alles nach Feng Shui konzipiert. Naturlatex-Matratzen, punktelastische Lattenroste und Bezüge aus ökologischer Baumwolle sorgen für einen gesunden Schlaf. Eine wunderbare Einstimmung, nicht nur auf die Mahlzeiten im zum Hotel gehörenden Bio-Restaurant „Strandgut“, erwähnenswert vor allem die Kürbissuppe mit Ingwer, sondern auf den gesamten Ort.

Fachwerkhäuser schmücken Schmilka. © Foto: Fritz Hermann Köser, BU: Stefan Pribnow

„Das ganze Dorf ist Bio“, sagt Nicole Hesse vom Tourismusverband Sächsische Schweiz. Vor allem ist es idyllisch. Der Ortskern ist ein paar Gehminuten vom Hotel entfernt, ein steiler Weg führt an putzigen Fachwerkhäuschen vorbei zum Marktplatz. Alles sehr einladend, das Gasthaus, die alte Mühle, die historische Bäckerei, in der nach alter Tradition gebacken wird, natürlich Bio, die Brau-Manufaktur, die naturtrübes Bier produziert wird. Und alles wirkt so, als hätte man ein Märklin-Dörfchen im Maßstab eins zu eins errichtet, wie eine Disney-Mini-Welt, nur mit Patina statt Plastikkitsch. Sachsen schönstes Dorf, so verspricht es jedenfalls ein Prospekt, ist fast zu schön, um wahr zu sein, es wäre ein idealer Drehort für Filme, die vor dem Krieg spielen. Auf dem Platz steht ein großer Holz-Zuber, in dem einige gut gelaunte Männer und Frauen planschen. Und trinken. Biergläser stehen am Rand, mit dem Gerstensaft wurde auch das Wasser verfeinert, das soll gut für die Haut sein. Ein junger bärtiger Mann im Mittelalterkostüm sorgt für Nachschub und die richtige Wassertemperatur. Dampf steigt aus dem Zuber, es riecht würzig. Pop schallt aus Lautsprechern. Bierbadetag in Schmilka.

Baden in einer Tonne mit einem Glas Bier. © Foto: Fritz Hermann Köser, BU: Stefan Pribnow

„Hier ist immer etwas los“, versichert Sven-Erik Hitzer. „Rituale“ nennt er die saisonalen Events, die fast täglich Gäste nach Schmilka anlocken sollen, derzeit ins „Winterdorf“, bis weit in den März hinein. Außer Bierbädern gibt es Lesungen, Filme oder Kabarett. Der Mittfünfziger ist der ungekrönte König des Örtchens, ihm gehört inzwischen von insgesamt 50 Häusern gut die Hälfte. Samt dem Bio-Hotel.

Der Cottbuser kam wegen der Kletterei ins Elbsandsteingebirge, die sächsische Schweiz sei schließlich die Geburtstätte des Freeclimbing, wie er erklärt. Seine Kumpels und er übernachteten in Felshöhlen, am Lagerfeuer spielten sie Bob Marley zu Klampfe und Mundharmonika. Schmilka selber war vor der Wende als Grenzdorf für normale Besucher weitgehend tabu, die Bewohner zu 60 Prozent Grenzer. Kurz nach der Wende kaufte er die ersten Immobilien von der Treuhand.

© Foto: Fritz Hermann Köser

Manchen Raum hat er der gelernte Gärtner und spätere Spielzeugdesigner mit alten Spielautomaten dekoriert.

Ein Tante-Emma-Laden sei sein nächstes Projekt, mit Kletter- und Wanderbedarf. Schließlich lädt die Gegend mit ihren Wäldern, steilen Felsen und Schluchten zu ausgedehnten Touren ein. Der Naturschutz wurde hier vor gut 100 Jahren entdeckt, sagt Nationalparkführerin Alrun Flechsig während einer Wanderung. Alte Gemälde zeigen meist nur den nackten Fels, das Gebiet litt unter Kahlschlag, viele Bewohner arbeiteten als Holzfäller, das Holz wurde auf Flößen verschifft.

Damals, so berichtet Regionalhistorikerin Andrea Bigge, gab es in Schmilka einen Ortsteil namens „Kamerun“, eine Art „Kolonie“ des Hauptorts, wo die Ärmeren wohnten. Zwar steht das Bio-Hotel dort nicht, aber dennoch: Afrika grüßt die Elbe.

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