Bauhaus imaginista – die große Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt in Berlin

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Blick in die Ausstellung "Bauhaus imaginista" im Haus der Kulturen der Welt. Im Vordergrund ein Architekturmodell von Gropius: Entwurf einer Universität. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Man ist erschlagen, hätte meine Mutter gesagt. Umfassend, überraschend international und ein ganzes Jahrhundert darstellend – die Ausstellung Bauhaus imaginista im Haus der Kulturen der Welt mit begleitenden Konferenzen, die nächste am 11.und 12. Mai 2019. Schon am Eröffnungstag 14. März ein umfangreiches Programm.

Große Eröffnung der großen Ausstellung bauhaus imaginista

Ankündigung des Programmablaufs der Ausstellungseröffnung „bauhaus imaginista“ im Haus der Kulturen der Welt Berlin. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Nach den Begrüßungsreden eine Lichtinstallation, die die Licht-Begrüßungssequenzen aus dem Science-Fiction-Film „Independance Day“ locker in den Schatten stellte. Die ganze Eröffnungsfeier musste live aus dem Foyer in die Leinwand im Großen Auditorium übertragen werden, da im sehr großen Haus der Kulturen der Platz für die geladenen Gäste und vielen Besucher sonst nicht ausgereicht hätte.

Bis nach 22 Uhr Bleibende wurden mit einer Party samt DJane belohnt. Und der Ausstellungsalltag ab 15. März 2019? In drei großen Sälen und einem kleineren Ausstellungsbereich unzählige von mehreren internationalen Kuratoren zusammengestellte Exponate. Man ist versucht zu sagen, „aus aller Herren Länder“, das ist natürlich im Wortsinne nicht richtig. Wenn aber im mittleren Saal ein Film von einer Universität in Afrika gezeigt wird, gleichzeitig Architekturmodelle, Möbel und zweidimensionale Objekte, wenn nebenan, nur durch einen türlosen Durchgang getrennt, seltene Originaltextilien aus Dessau ausgestellt werden – photographieren mit Blitz ausdrücklich untersagt, das Kulturgut muss geschützt werden – sowie Keramik und im Saal neben dem ehemaligen Standort der Buchhandlung viele weitere Exponate aus dem Ausland stehen und hängen, dann kommt der Ausdruck „aus allen Ländern“ der Wirklichkeit recht nahe.

Der Führer zur Ausstellung Bauhaus imaginista: Ein Buch mit 7 Siegeln oder eins mit 128 Seiten?

Über das Bauhaus und die Ausstellung Bauhaus imaginista (bauhaus imaginista ist die Eigenschreibung) könnte man ein ganzes Buch schreiben. Tatsächlich haben die von der KBB, der aus Steuergeldern finanzierten Kulturstiftung des Bundes, unterstützten Macher der Ausstellung sogar zwei Bücher geschrieben. Ein schwarzes auf deutsch – den Ausstellungsführer – und ein entsprechendes weißes auf Englisch.

Flyer zur Ausstellung Bauhaus Imaginista im HdKdW Berlin
Der Flyer oder Handzettel zur Ausstellung Bauhaus Imaginista im Haus der Kulturen der Welt Berlin. Die Vorderseite neonrosa. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Dann gibt es noch einen dreimal gefalteten rosa Flyer in einer auffälligen Neonfarbe, die viele heutzutage, da das Wort „rosa“ ausstirbt beziehungsweise ihm ein Mauerblümchendasein für neu ausgedachte Bedeutungen wie „omarosa“ zugewiesen wird, ‚pink‘ nennen würden. Neonrosa, nicht zu übersehen …

Wir zitieren unten aus dem farbig illustrierten Ausstellungsführer der Bauhaus imaginista, um einen Eindruck von der Breite und Tiefe der Auswahl und des Angebotes zu verschaffen.

Deutsch oder englisch – oder: Deutsch-englisch oder englisch

Lassen Sie sich nicht irritieren, wenn Sie glücklich den deutschsprachigen Führer gegriffen haben, der auf dem schmalen, aber immerhin 7 Millimeter starken Rücken die Aufschrift trägt: „ bauhaus imaginista – Ausstellungsführer“. Auf dem Deckel steht nur bauhaus imaginista, was schon einmal dazu führen kann, zu denken, man hätte den englischsprachigen in der Hand. Zudem auf der nächsten Seite vier Begriffe groß herausgestellt werden: „Corresponding With“, „Learning From“, „Moving Away“ und „Still Undead“. Auch im weiteren ist zum Beispiel der Bambushocker auf Seite 81 im englischen Original benannt – „Bamboo Cube Stool“, dann jedoch mit einer deutschen Übersetzung erläutert. Es geht immer weiter: ‚Light Murals und die Language of Vision‘, ‚Center for Advanced Visual Studies‘, ‚Soft Cells ‚Bedsit Tapes‘‘, ‚Party, Performance und Self Fashioning‘ usw. usf. & etc. pp. Wenn man das schwarze Hochkantbüchlein weglegt und zum weißen greift, wird man prozentual noch mehr englisch finden.

Rätsel über Rätsel

Zum Thema Ausstellungsführer sei erwähnt, dass er es einem in einigen wichtigen Punkten nicht leicht macht. Aus Betriebsblindheit oder mit Absicht, ist egal. So ein Führer sollte einem einen Überblick verschaffen und jederzeit räumliche Zuordnung ermöglichen. Das tut er bedingt. Wenn man die unter den Buchklappen versteckten vier Raumpläne gefunden hat, ist wenigstens innerhalb der Ausstellungsräume eine Zuordnung möglich. Mit der Lage der Räume zueinander, einer Basisinformation, wird man alleingelassen. Zwar sind die Pläne der Räume, die „Learning From“ und „Moving Away“ getauft wurden, annähernd genordet – ohne eine Windrose anzuzeigen, selbstverständlich. Dass es sich um benachbarte Räume handelt, ist nirgends vermerkt.

Auch findet sich der Plan zu „Learning From“ vorn (auf Umschlagseite 4), „Moving Away“ dagegen hinten nach der letzten Buchseite, wenn man die hintere Klappe lüftet. Die Seitenzahlen sind über den Plänen notiert, „Learning From“ wird ab Seite 35 geschildert, „Moving Away“ ab Seite 71. Jedoch handelt es sich bei „Learning From“ um einen Ausstellungsbereich in einem toten Zimmer beziehungsweise toten Saal, der also nur durch einen anderen Saal erreicht werden kann, dem unter dem Motto „Moving Away“. Vom Foyer aus betritt man zum Beispiel über eine Doppeltreppe nach unten den Saal „Moving Away“ – und kann sich ab Seite 71 beraten lassen. Wendet man sich dann nach links, gelangt man durch einen türlosen Durchgang in den Bereich „Learning From“; möchte man darüber etwas lesen, muss man nicht weiterblättern, sondern zurück.

„Moving Away“ bewegt einen also im Buch weg von „Learning From“, weil man die Seiten überschlagen muss. In der Ausstellung kommt aber „Moving Away“ vor dem anderen Saal, anders kommt man in den Bereich „Learning From“ gar nicht hinein.

Aufklärung statt Kryptik

Das Büchlein mag ja bestimmt viel Arbeit verursacht haben. Es ist auch erst kurz vorher fertig geworden: Redaktionsschluss des Führers war am 20.2.2019. Doch erwartet man von einem Ausstellungsführer, dass er weniger Rätsel enthält. Dafür mehr Aufklärung. Ein Ausstellungsführer ist etwas anderes als ein Kreuzworträtsel. Apropos Rätsel: das ‚b i‘ hinten auf dem Umschlag bedeutet bauhaus imaginista.

Je weniger Rätsel – unsere schnelllebige Zeit und die anderen Bauhaus-Ausstellungen im Hinterkopf – desto schneller kann man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Statt Zeit mit dem Herumsuchen zu verschwenden, könnte man früher viele interessante Dinge erfahren. In der Ausstellung Bauhaus imaginista warten nämlich tolle Schätze. Man kann Querverbindungen ziehen, das 1919 gegründete Bauhaus und seine weltweite Wirkung und Durchdringung begreifen; viele Exponate sehen, die entweder unzugänglich wären oder nur verstreut nach langen Reisen auffindbar.

Bauhaus imaginista – Exil in Mexiko und Universitätsbau in China

Das Kapitel „Moving Away“ im gehasst-geliebten Ausstellungsführer, beginnt mit dem Entwurf für ein Bauhaus-Buch. „Von 1939 bis 1939 lebte Hannes Meyer, der zweite Direktor des Bauhauses, gemeinsam mit der am Bauhaus ausgebildeten Weberin Lena Bergner in Mexico City.“ Warum das hier nicht in der deutschen Form Mexiko-Stadt steht, oder wenigstens mit Bindestrich, lassen wir hier offen. „In Mexiko begann er mit der Arbeit an einem Buch über das Bauhaus Dessau in seiner Zeit als Direktor …“

Spannend, zudem sich 1939 die Zahl der Staaten auf der Welt noch in zweistelligen Grenzen hielt, während wir heute nach der Dekolonialisierung und der Auflösung der Sowjetunion im niedrigen dreistelligen Bereich angekommen sind.

Überschrift der nächsten Seite: „Von Hua Tung (sprich: Dung) zum Campus der Universität Tunghai (sprich: Dung(c)hai): Walter Gropius und I.M.Pei“ (siehe Beitragsbild).

Zur Erläuterung: Die Tunghai-Universität liegt in der Republik China. Heute, wo die Republik China nur noch ein kleines Territorium auf der Insel Formosa oder Taiwan beherrscht, ist umgangssprachlich meist von „Taiwan“ die Rede, genauso wie man fälschlich „England“ oder den Namen einer Insel, „Großbritannien“, für das Vereinigte Königreich verwendet.

Die Tunghai-Universität ist die erste private Universität des Staates und die zweitälteste. Wir vermeiden den Ausdruck „Landes“, da das Land China ist und selbstverständlich viele andere Universitäten vorweisen kann. Tunghai (in Hanyu pinyin Donghai) bedeutet „Osten“, oder „östlich“, und „Meer“. Die Universität ist in der Stadt Taichung. Sie liegt an der Westküste der Insel Taiwan und damit östlich des Meeres, konkret der Taiwanstraße.

Der Entwurf der Universität stammt von I.M.Pei. Geboren am 26. April 1917, feiert er im April 2019 seinen 102. Geburtstag.

Pei und Gropius – fruchtvolles Treffen in den Vereinigten Staaten

Schild zurm Architekturmodell von Pei et al. in der Ausstellung bauhaus imaginista
Drei Architekten zeichneten 1951 für das Modell der Tunghai-Universität (sprich: Dunghai) verantwortlich: Pei (sprich Bej), Chen (1921-2007) und Chang. 1955 wurde sie dann eröffnet. © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Ieoh Ming Pei ist ein Architekt der Klassischen Moderne und war genau wie Walter Gropius ein Flüchtling. Nirgendwo dauerte der Zweite Weltkrieg so lang wie in China, da der durch den Langen Marsch bekanntgewordene Bürgerkrieg die 30er Jahre ausfüllte und auch nach dem Japanischen Angriff auf China 1937 (!) nicht sofort endete. Nach Weltkriegsende 1945 kämpften die erschöpften und ausgebluteten Regierungstruppen noch vier Jahre weiter, bevor sie den Kommunisten unterlagen und sich auf ein paar südliche Inseln, die die Japaner als Verlierer hatten räumen müssen, zurückzogen.

Pei, Jahrgang 1917, studierte seit 1945 in Harvard an der Graduate School of Design. Bauhausgründer Gropius leitete diese Schule schon seit 1938, bot Pei eine Stelle als Assistierender Professor an. 1946 schloss Pei mit einem Master ab, aber anstatt nach China zu gehen, unterrichtete er in Neuengland weiter. 1948, noch vor Bürgerkriegsende in China, beschloss Pei, in den USA zu bleiben. Seine Gebäude stehen auf drei Kontinenten, bekannt sind die National Gallery of Art in Washington, D.C., die Bank of China in Hongkong, der Pariser Louvre und der Ausstellungsbau des Deutschen Historischen Museums.

Bauhaus imaginista – Beispiel Tagore und Indien

Der indische Subkontinent, dessen kartographisches Abbild, jahrzehntelang von der Tagesschau recht klein dargestellt, – ähnlich wie bei Afrika – seine Größe und Vielfalt nicht im geringsten erahnen lässt, birgt größte Schätze. Alte Schriftrollen, die von Luftfahrzeugen ferner Zeiten berichten, den Vimanas, aber auch Zeugen des britischen, französischen und portugiesischen Kolonialismus und überraschende Verbindungen zu Europa.

Seite 29 des Ausstellungsführers geht auf das Kala Bhavan ein, das Kalahaus (Bhavan = Haus). „Die Kunstschule Kala Bhavan wurde 1919“ – also im selben Jahr wie das Bauhaus – „von Rabindranath Tagore etwa 150 Kilometer nördlich von Kalkutta (heute Kolkata) auf dem Gelände einer utopisch-reformerischen Gemeinschaft in Santiniketan gegründet, die der Vater des Dichters, Maharishi Debendranath Tagore, im 19. Jahrhundert ins Leben gerufen hatte.“

Rabindranath Tagore, Autor von Das Postamt, Der König der dunklen Kammer, Das letzte Poem, Wolke und Sonne, Das Opfer und andere Dramen u.v.a.

Sohn Rabindranath Tagore erhielt bereits 1913 den Nobelpreis für Literatur; als erster Asiate. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis 1968 wieder ein Asiate ausgezeichnet wurde, ein Japaner. Rabindranath Tagores Werk ist von riesigem Umfang. Es umfasst neben Romanen auch Lyrik und Theaterstücke und wurde im Kaiserreich und zu Zeiten der Weimarer Republik stark rezipiert. Es gab im Deutschen Reich schon früh viele Übersetzungen und eine recht große Werkauswahl, auch wenn diese nur einen kleinen Ausschnitt des Gesamtœvres darstellt.

Seite 31: „Eine Besonderheit der 14. Jahresausstellung der Indian Society of Oriental Art 1922 in Kalkutta, bestand darin, dass neben indischen Künstlern, […], auch Werke von Bauhaus-Künstlern gezeigt wurden.“ „Diese Ausstellung war ein außergewöhnliches, kulturübergreifendes Kulturereignis der Moderne des frühen 20. Jahrhunderts und zudem die erste Bauhaus-Schau außerhalb Deutschlands.“ Dieses Ereignis ist kaum dokumentiert. „Zu den wenigen Spuren, die es hinterlassen hat, gehört eine Kritik von O.C.Gangoly, die“ im Haus der Kulturen „im Nachdruck gezeigt wird. Sie erörtert am Beispiel Wassily Kandinskys die Abstraktion in der Kunst als einen Bruch mit dem vorherrschenden westlichen Klassizismus und als Möglichkeit für die Kunstformen des Ostens, dem Westen auf Augenhöhe zu begegnen.“

Bauhaus imaginista – Ausstellung, Konferenzen

im Haus der Kulturen der Welt (HKW), John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin

Wann? 15.3.–10.6.2019

Täglich (außer dienstags) und feiertags: 11–19 Uhr

Eintritt: 7€/ 5€ inkl. Zweitbesuch (!)

Montags und unter 16 Jahren: Eintritt frei
(Gruppen ab acht Personen: 5€/3€ pro Person)

Weltnetz: hkw.de/imaginistahttps://hkw.de/de/programm/projekte/2019/bauhaus_imaginista/start.php

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