Biegsame Best-Ager – Ü 53: Witziges Varieté-Stück über alternde Artisten im Theater Pfefferberg

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Best Ager in "Ü 53". © Foto: Fritz Hermann Köser, Aufnahme: Berlin, 16.6.2022, BU: Stefan Pribnow

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Oh nein, oh Gott, sie tut es wirklich. Spagat. Aber ganz langsam, ganz vorsichtig. Die Gelenke knirschen, der ganze Körper ächzt. So scheint es zumindest, angesichts des gequälten Gesichtsausdrucks von Tänzerin Loretta (Sabine Rieck). Geschafft. Das Publikum im sehr gut besuchten Pfefferberg-Theater applaudiert begeistert.

Ist ja auch eine gewaltige Leistung in diesem Alter. „Ü 53“ nennt sich so auch das komische, sicherlich auch selbstironische und äußerst gelungene Varieté-Stück über die neuen und zunehmenden Leiden alternder Artisten und Artistinnen. Zentrale Frage: „Wie lange könne Sie das eigentlich noch machen?“. Gute Frage, nächste Frage. Denn da kommen die vier von der „Compagnie Crelle“, Kathrin Mlynek, Sabine Rieck, Stefanie Bonse und Michael Korthaus, doch etwas ins Stottern. Bis zur Rente sind es noch ganze 14 Jahre. Wie soll man die bloß überbrücken?

Ein paar Nummern funktionieren noch. Und zwar sehr gut. Gekonnt lassen sie diverse Reifen um die Hüften und Arme kreisen, jonglieren auf höchstem Las-Vegas-Niveau. Und Loretta tänzelt holprig-grazil über die Bühne. Auf Spitzen. Wie eine Ex-Ballerina, die es nach Jahrzehnten noch einmal wissen will. Sogar in der Luft verrenken sie sich zum Schluss. Auch wenn die eine bei der anderen inzwischen etwas nachhelfen muss.

Best Ager in „Ü 53“. © Foto: Fritz Hermann Köser, Aufnahme: Berlin, 16.6.2022, BU: Stefan Pribnow

Vorbei die Zeiten, als die drei Artistinnen Waghalsiges darboten. Als es dafür die „Goldene Palme“ gab. Als sie noch die Titelseiten von Hochglanz-Magazinen zierte, als sich Dior höchstpersönlich für die engen Glitzer-Kostüme interessierte. Jahrzehnte ist das her. Damals hingen sie am Trapez hoch über der Manege. Jetzt sind sie allenfalls gut abgehangen und sehr geerdet.

Vorbei alle Abgehobenheit. Nun beziehen sie, ganz interaktiv, sogar das Publikum mit ein. Vor Beginn der Aufführung hatte Sabine Rieck höchstpersönlich Zettel verteilt, auf dem Fragen formuliert werden können. Die werden dann während des Stücks aus einer durchsichtigen Lostrommel gezogen und verlesen. Die Zeit des Aufwärmens? Inzwischen länger als das Stück selbst, wie sie versichern. Weitaus länger.

Alle vier verfügen über langjährigen Background. Kathrin Mlynek und Sabine Rieck waren beide Gründungsmitglieder des Rock-Zirkus „Gosh“, der in den 90ern für Furore sorgte. Stefanie BonseundMichael Korthaus bewegen sich mit ihrem Duo „Green Gift“ irgendwo zwischen Comedy, Artistik und Musik.

Das Quartett beschränkt sich nicht nur auf Gebrechen alternder Akrobaten, sondern es teilt auch kräftig gegen die Esoterik- und Yogaszene aus. Vom Chakra bis zu Frosch-Position, nichts bleibt verschont. Auch nicht der konventionelle Zirkus. Dieses Getue vor der eigentlichen Nummer, die übertriebenen Gesten, das Gehampel, die oft peinlichen Kostüme, zu knapp, zu eng, zu glitzernd und oft zu bunt. Das tragen die Akteure hier gerne über dem eigentlichen Outfit. Hosen und Pullover, ganz schwarz, ganz unsexy. So wie die Kniestrümpfe der Tänzerin.

Wie lange Sie das noch machen wollen? Für Loretta kommt die Frage zu spät. Zumindest an diesem Abend. Sie findet aus der Spagat-Position scheinbar nicht mehr heraus. Und blickt verzweifelt ins Publikum. Das amüsiert sich, wieder einmal, königlich.

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