Briefe eines deutschen Gefreiten in französischer Kriegsgefangenschaft – Zum Buch „Spurensuche am Atlantik“ von Karin Scherf

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Karin Scherf: Spurensuche am Atlantik. Briefe aus französischer Kriegsgefangenschaft. © Verlag Neues Leben

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Die Historiker an der Universität Bourdeaux, Dr. Arlette Capdepuy, schreibt im Vorwort zum Buch „Spurensuche am Atlantik“ von Karin Scherf, das 2016 im Berliner Verlag Neues Leben erschien, dass die Journalistin Scherf „Briefe ihres verstorbenen Vaters Wolfram Knöchel gefunden“ habe, „die dieser zwischen 1944 und 1948 an seine Eltern schrieb“. Knöchel, geboren am 7. Mai 1926 in Halle an der Saale und gestorben am 9. September 2008 in Torgau, geriet der Gymnasiast als Gefreiter beim Infanterie Regiment 305 der Deutschen Wehrmacht im März 1945 in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft. Er überlebt die Vernichtungslager auf den Rheinwiesen, von wo er nach Frankreich verfrachtet wurde. Nach einem Lazarettaufenthalt in Le Mans räumte der junge Mann mit seinen Kameraden Tausende Minen an der Atlantikküste.

Knöchel lebte in mehreren Lagern am von Deutschen errichteten Atlantikwall „bis zu seiner Entlassung im Juli 1947. Er überlebte also das Himmelfahrtskommando. Capdepuy hält fest, dass Knöchels Kriegseinsatz, zu dem er „als unschuldiger Oberschüler … eingezogen worden“ war, „zu kurz“ gewesen sei, „um schuldig zu werden“.

In Gefangenschaft „durfte er jede Woche eine Seite schreiben“. Dadurch fing er an, das Geschehene zu überdenken, seine Situation zu reflektieren und die politische Lage zu begreifen. Ein paar Monate Krieg als Soldat brachten ihm beinahe drei Jahre Kriegsgefangenschaft. Knöchels Briefe sind auch ein Dokument über die Art und Weise, wie deutsche Kriegsgefangene in Frankreich behandelt wurden.

„An seine Familie schrieb er“, wie der Verlag Neues Leben mitteilt, „was ihn dabei bewegte: Was hatte er überhaupt in Frankreich verloren, und was sollte nun aus Deutschland werden? Später sprach er, wie viele Kriegsheimkehrer, nie wieder über diese Zeit. Das macht die berührenden Briefe, zwischen 1945 und 1947 entstanden, zu einem einzigartigen zeitgeschichtlichen Zeugnis.“

Dank der Hallenserin und Historikerin Scherf wird dieses Kapitel des letzten Großkrieges in Europa nicht verschweigen und vergessen, sondern das Leben hinter Stacheldraht deutscher Soldaten nach 1945 erforscht. Und das ist gut so.

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Karin Scherf, Spurensuche am Atlantik, Briefe aus französischer Kriegsgefangenschaft, 256 Seiten, gebunden, Verlag Neues Leben, Berlin 2016, ISBN 978-3-355-01843-2, Preis: 16,99 EUR (D)

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