Das vorzügliche Hamburgbuch in der Reihe Eskapaden von Volko Lienhardt und Stefanie Sohr … in und um Hamburg

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Hamburg-Reise-Broschüren, in der Mitte das Buch 52 kleine und große Eskapaden in und um Hamburg, Ab nach draußen
Bei einer Hamburgreiseplanung im Mittelpunkt: Das Buch "52 kleine und große Eskapaden in und um Hamburg, Ab nach draußen". © 2019, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Eskapaden, das sind Abstecher, Ausflüge und Miniurlaube: Kurz und knackig auf 2 Seiten erfährt man alles was man wissen will und wenn das nicht reicht, auch noch die wichtigsten Links und Adressen. Frisch, humorvoll und ungewohnt geschrieben von Stefanie Sohr, von der auch das Untertitelmotto stammt. „Ab nach draußen“ steht klein auf der Mitte des Umschlags. Sohrs Kindheitstrauma. An der Schlei mit ihren übers Jahr vielen Regenschleiern war es Frau Sohr als Mädchen völlig schleierhaft, warum man immer raus sollte. Inzwischen hat sie es verinnerlicht und es gibt kein Halten mehr. Das beschert uns 52 Touren nach Hamburg und in die angrenzenden Bundesländer.

Eskapaden – Photographie

Volko Lienhardt ist der vollkommene Reisephotograph, nicht nur, weil er Paddeln, Radfahren und lange Strecken wandern kann.

Seine Bilder sind mindestens souverän, oft aber wie Gemälde, die den Blick träumerisch-meditativ verweilen lassen: eine Baumflucht in Haseldorf auf Seite 100, eine weitere auf S. 70 aus dem Nienstedter Hirschpark, die nur wegen der Buchmitte und des Ausschnitts wenig zur Geltung kommt. Rund der aktuelle Ausblick über die Dächer Hamburgs auf S. 74 im Kapitel „Schau auf diese Stadt“ – frei nach Ernst Reuter – durch die Bullaugen von St. Petri. Im Verbund mit dem Layout ergibt sich ein an drei Seiten vom Fenster rund umrahmter Bildausschnitt – an der vierten Seite hat das Buch selbst eine runde Ecke. Wunderschön spiegelt sich die Sonne auf dem Wasser in Entenwerder und selten fesch blickt die Möwe in Finkenwerder, keck das linke Beinchen hebend(S. 82). (Das alte Schild von Hertas Stübchen weist wie so oft den Fehler mit dem Apostroph auf. Da kann der Photograph natürlich nichts für.)

Alles mit Liebe

Doch nicht nur der frisch-freche Text, der einen flott von einer Wesentlichkeit zur nächsten zieht, Lienhardts Photos und das Layout von Carolin Weidemann sind liebevoll, auch der Umgang der Mitarbeiter untereinander scheint es zu sein. Zumindest weiß die Autorin genau, was Liebe ist.

Tour 40 beginnt so: „… die Lieblingsperson im Schlepptau. Idealerweise eine, mit der man stundenlang quatschen oder irre gut schweigen kann. Denn dieser Tag wird lang und herrlich auf einer der schönsten Wanderstrecken überhaupt.“

Beim Sprung ins kalte Wasser lesen wir:

„Und wie das eben so ist: Eine neue Liebe lässt einen Dinge tun, die man zuvor nie für möglich gehalten hätte“. „Da denkt man im kurzen, weichen Gras … vielleicht zum ersten Mal im Leben darüber nach, an einem Grünstrand zu baden“(Textstelle wiederzufinden in Tour 47 zur Meldorfer Bucht.)

Mein Buch, das hat ‘ne Ecke – und die Ecke die ist rund

Insgesamt eine total runde Sache. Nicht nur an der Ecke – des Buches, die gegenüber vom Kapital – das ist das obere Ende des Rückens – abgerundet ist. Auch ein Erkennungszeichen! Nachdem ich, immer noch begeisterungstrunken, hinten hinter den farbigen Landkarten und der Seite „Gut zu wissen …“ zufällig zum Impressum vorgedrungen bin, sehe ich höchsterfreut, dass es noch weitere Bände im selben Layout, also Design, gibt.

Eine Reihe Eskapaden

Eigentlich müsste Monique Sorban noch einen Orden oder einen ITB-BookAward bekommen. Soweit wir wissen, gibt es die Rubrik „Reise-Reihe“ bei den BuchAwards der weltgrößten Reisemesse noch gar nicht. Könnte man mal vorschlagen, oder Sorbans Reihe als Preisträger. Das zufällig aufgestöberte Impressum, das sich mit dem Hinweis auf die bisher drei anderen Titel der Reihe Eskapaden auf der drittletzten Seite des Hamburgreiseratgebers versteckt, verrät, dass Monique Sorban die Reihe konzipiert hat. Doch nicht nur das Konzept stammt von ihr. Die Redakteurin, die sich im Dumont-Reiseverlag um die illustrierten Bücher kümmert, mischte auch beim Projektmanagement mit.

Man kann ich vorstellen, was der Autor dieser Rezension demnächst auf seiner Wunsch- und Bestellliste hat. Als Merkwort hat er OBST festgelegt, führen doch die anderen Eskapadenbücher an die Ostsee, nach Berlin und Sylt …

Das Konzept ist einfach hervorragend. Schon vor dem Inhaltsverzeichnis ist die einfache Aufteilung des Buches zu erkennen: 4stündige Abstecher, 12stündige Ausflüge und 36stündige Miniurlaube sind in dieser Reihenofolge im Angebot. Wer einen Tag Zeit hat, hat demnach die Wahl zwischen einem Halbtagesausflug oder einem kürzeren Programm, das er kombinieren kann mit einem Tee-Besuch im Momentum, einem Umstreifen der vielen Museumsschiffe oder einem Spaziergang durch die rund um die Uhr geöffnete Science-Fiction-Architektur der Hafen-City.

Was waren Eskapaden nochmal?

Großes Eskap, kleines Aden, besser, wir verlieren jetzt nicht den Faden. Der Rechner, den der Autor zum Niederschreiben dieser Zeilen benutzte, hat links oben eine Taste „ESC“. Trotz der Großbuchstaben, die auch die Zeichnerin gern benutzt, bedeutet das nicht European Song Contest, die Nachfolgebezeichnung des Grand Prix Eurovision de la Chanson . Mit Escape (flüchten, fliehen, raus hier) ist man schon ganz nah an der Bedeutung dran. Ab nach draußen – remember?

Gibt es wirklich nur Gutes über die Eskaden im Allgemeinen und die Hamburger im besonderen zu sagen?

Ja. Bei dem einzigen festgestellten Fehler handelt es sich um einen überzähligen Buchstaben. Wäre der Autor dieses kleinen Beitrags nicht auch Redakteur und Korrekturleser und stammte aus der Urlaubsregion, umd die es auf Seite 176 geht – die Lüneburger Heide – wäre es vielleicht auch gar nicht aufgefallen. Viele Leser sind vielleicht nicht so wach, wie der Wachholder vermuten lässt. In der Heide rund um Undeloh und Wilsede wächst Wacholder wild, die Beeren würzen oder werden zu geistreiche Getränken gebrannt. In Norddeutschland auch Machandelbaum genannt, ist der immergrüne Juniperus, wie er botanisch heißt, auch ein guter Sichtschutz an der Grundstücksgrenze. Neben Garagen fängt er das ganze Jahr über die Autoabgase des Nachbarn ab und wandelt sie teils in Sauerstoff um.

Wieviel würzigen Sauerstoff es im Naturpark Lüneburger Heide gibt, in dem zudem nur Kutschen erlaubt sind, kann man sich nur vorstellen, bis man mal da war. Ob man die Stille oder die frische Luft mehr genießen wird oder gar die vielen Sterne am nächtlichen Himmel, kann jeder selbst mit Freude herausfinden.

Ob das der Grund war, wissen wir nicht, doch der erste Miniurlaub in die Hamburger Umgebung führt über Buchholz in der Nordheide nach Handeloh und von dort zu Fuß nach Schneverdingen.

Exkurs Autokennzeichen und Buchstaben

Vielleicht ist der Wachholder ja auch kein Fehler, sondern ein Code. Ein Hamburger – Volko Lienhardt kam über London, Tokyo und Prag hierher, Stefanie Sohr stammt von der Schlei und aus der Schweiz, der Holsteinischen – sieht jeden Tag das HH vor Augen auf Autokennzeichen. Hansestadt Hamburg macht zwei Buchstaben, obwohl die Größe der Stadt – seit Jahrzehnten Nummer zwei in Deutschland – nur einen Buchstaben nötig macht.

Als Kind hat den Verfasser dieser Zeilen diese Unlogik irritiert. Kleinere Städte wie Stuttgart, Düsseldorf oder Köln unterzeichneten mit dem Anfangsbuchstaben auf dem Blechschild. Obwohl erstere Landeshauptstädte sind reicht doch keine an die Million heran. Das schafft München mit seinem M und natürlich die größte Stadt Berlin mit dem B.

Hamburg hätte das H verdient, macht sich jedoch freiwillig klein indem es den Buchstaben verdoppelt. Hannover, Landeshauptstadt mit sechsstelliger Einwohnerzahl, ist der glückliche Gewinner der Einzel-Hs. Auch Lübeck machte sich klein und bestand als Hansestadt auf einem HL. Leipzig hatte als DDR-Gemeinde mit dem landesweit größten Bahnhof lange ein ganz anderes Kennzeichen, so dass Lübeck, im Eskapaden-Reiseführer auch erwähnt, das L verdient hätte. Stattdessen bekam es der kleine Lahn-Dill-Kreis. Erst die Wiedervereinigung korrigierte das. LDK gibt die kleine Größe an. Die südlicehn Nachbarn Hamburgs, die Winsener (WL) und Lüneburger (LG) hatten und haben genausoviele Buchstaben auf dem Kennzeichen wie Hamburg. Lüneburg hatte 65.000 Einwohner, jetzt über 75.000 (bei Hamburgern beliebt), der nördlichste Stadtstaat etwa 1.835.000. Wie dem auch sei, das HH ist Fakt und Hamburgern sei es verziehen, wenn sie in Wörtern, die mit einem ‚H‘ geschrieben werden, daraus zwei machen.

Falls es denn nicht doch Absicht ist.

Vielleicht auch für ein Preisausschreiben: In welchen Kapiteln befinden sich die Wörter mit ‚hh‘. Falls der Verlag ein solches veranstaltet, wurde die Lösung hier zum Teil schon verraten. Da müsste man noch einmal in das Buch gucken.

Kleine Eskapade Wachhalter

Vielleicht ist Wachholder eine Wortschöpfung, für die insgeheim schon Titelschutz angemeldet wurde. Holder ist der Halter so wie in Share Holder (Aktienbesitzer). Wachholder könnte eine Dose Redbull, ein Pott Kaffee oder eine Tasse kräftiger Ostfriesentee sein. Im Norden wohl eher der Tee.

Immer wieder ein Film-, Literatur- oder Literatenbezug

Ob es nun Friedrich Gottlieb Klopstock ist, der der recht großen Stintenburginsel im Schaalsee eine Ode widmete und sie dadurch bekannt machte (Seite 180/81, Tour 42), oder Heidedichter Hermann Löns, der mit dem Hermann-Löns-Blick auf den Hemmelsdorfer See zwischen Travemünde und Scharbeutz erwähnt wird – immer wieder lugt die Kultur hervor (Seite 216, Tour 51). Was Klopstock mit Hamburg zu tun hat? Er liegt in Ottensen begraben. Die Klopstock-Eiche steht am Schaalsee bei Lassahn. Dieser See, lange durch die deutsch-deutsche Grenze geteilt und vielleicht deswegen so wenig bebaut, ist nicht nur der zweittiefste des Landes, sondern gleich auf zwei Bundesländer verteilt: Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Die Stintenburginsel, über einen Damm erreichbar, ist laut einer Ode Klopstocks („der große Dichter der Empfindsamkeit“) die „Insel der froheren Einsamkeit“.

Am besten also, man unterschätzt das Buch nicht: Wer Hamburg selbst gar nicht besuchen möchte, findet trotzdem genug reizvolle Reiseziele zum Beispiel in Niedersachsen.

Und wer weiß schon, das einige Nordseeinseln zu Hamburg gehören? Sogar drei. Auch wenn sie am besten vom niedersächsischen Cuxhaven angesteuert werden wie im Eskapaden-Tourtipp. Auf zweien ist man gut zu Vögeln: Auf Nigehörn sind Menschen verboten, Scharhörn darf nur betreten, wer sich vorher beim Vogelwart anmeldete. Neuwerk dagegen ist bewohnt. Es sei nicht gerade Manhattan, so eine der schönen Stefanie-Sohr-Formulierungen. 40 Seelen leben dort. Die Nachkommen des letzten Piraten Neuwerks sind ehrlich geworden und führen ein Hotel, eine der rund ein halbes Dutzend Beherbergungsstätten der Insel. („Überall ist Wunderland- Wattwandern vor Neuwerk“ ab Seite 206.)

Filmreife Eskapade

Der erfolgreiche deutsche Schauspieler Til Schweiger, der selbst auch Regie führte, produzierte und seiner Tochter Luna, die wiederholt vor der Kamera stand, einiges beibrachte, wird quasi als Hotelier erwähnt („Keinohrhasen“, „Schutzengel“, Honig im Kopf“). In Tour 51 empfiehlt sich eine Übernachtung an der Lübekcer Bucht im Barfußhotel oberhalb des Kurparks in Timmendorfer Strand. Til Schweiger hat es gestaltet „wie einen seiner Wohlfühlfilme“ (S. 217).

Bei den längeren Ausflügen namens „Miniurlaube“, die um die 36 Stunden dauern, ist ein Bleiben über Nacht angedacht. Immer auf halber Strecke oder jedenfalls passend wird eine exklusive Unterkunft ausgesucht.

Bibliographische Angaben zu Eskapaden in und um Hamburg

Verlag: DuMont-Reiseverlag

Verfasser: Stefanie Sohr, Volko Lienhardt

Titel: 52 kleine & große Eskapaden in und um Hamburg

Seitenzahl: 232

Preis in Euro für die Bundesrepublik: 14,99

ISBN 10: 3770180712 ISBN 13: 9783770180714

Fehlt etwas oder nicht? Der Frage mit dem Möwenfinder

Was fehlt? Vielleicht ein Ortsregister, aber braucht man das, wo doch alle Touren zum Download zur Verfügung stehen? Die man vermutlich digital durchsuchen kann? Will man das? „Oh Digitalisierung, wieviel Schaden (und Nutzen) hast du schon angerichtet!“

Nett wäre es schon, wenn man das Buch nicht von Anfang bis Ende durchliest – und, Hand aufs Herz, wer tut das schon in dieser Reihenfolge gänzlich? – dass man Ziele, von denen man gelesen hat, aber nicht mehr weiß, wo, anhand eines Registers schnell wiederfinden könnte. Zwar findet man auf den wichtigen Seit 8, 90 und 172 den Überblick über die unterschiedlichen Touren. Dort steht aber nur der Titel der Tour – Beispiel Tour 41: „Draußen vor der Tür“, nicht aber der aufschlussreiche Untertitel – „auf dem Heidschnuckenweg“. Wer also das Photo mit der kecken Finkenwerder-Möwe mit dem weiblichen Kopfschmuck noch einmal anschauen möchte, tut gut daran, sich die Seitenzahl oder „Tour 19“ zu merken.

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