Den Seeteufel vom Kopf auf die Füße gestellt – Annotation

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© Mitteldeutscher Verlag

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Auch ich gehörte bis vor kurzen zu jener Schar Halbgebildeter, die den Seeteufel, alias Felix Graf Luckner für eine halbwegs integere Gestalt hielten, welche im 1. Weltkrieg durch ritterliches Verhalten gegenüber „Feinden“ brillierte, zur Nazizeit in die innere Emigration ging und 1945 en Passant die Stadt Halle vor dem Untergang bewahrte.

Alles mehr oder weniger zusammengeschwindelt. Diese traurige Botschaft vermittelt die Broschüre der beiden Historiker Bohse und Sperk. Ein dringend notwendiges Büchlein! Gibt es doch in Halle eine emsige Schar Lucknerfans, die noch immer durch geschichtsklitternde Maßnahmen unrühmlich auf sich aufmerksam macht.

Insbesondere Luckners vermeintliche Nazigegnerschaft wird eindeutig widerlegt. Luckner war bis 1945 emsig im Dienste der Nazis unterwegs, ein persönlicher Freund diverser Nazigrößen und Mitte der 30er weltweit als Propagandist für Nazideutschland auf Werbetour. Zahlreiche Dokumente und nachprüfbare Quellen belegen diese Tatsachen.

Zum Verhängnis wurden ihm nicht evtl. auftretende Skrupel oder ein plötzliches Gerechtigkeitsgefühl, sondern interne Ermittlungen der NS-Justiz wegen sexuellen Missbrauch von Kindern. Aus Propagandagründen wurde er nie verurteilt, obgleich der Missbrauch von ihm zugegeben wurde. Ein ungeheuerliches Verbrechen.

Auch Luckners Beitrag zur Rettung der Stadt Halle wird ausführlich behandelt, doch das lesen sie bitte selbst in diesem notwendigen Büchlein nach.

Bibliographische Angaben

Alexander Sperk, Daniel Bohse, Legende, Opportunist, Selbstdarsteller – Felix Graf Luckner und seine Zeit in Halle (Saale) 1919–1945, 104 Seiten, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2015, ISBN: 978-3-95462-607-6, Preis: 12,95 Euro (D)

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