Die filmische Achtstunden-Vorlesung – Filmkritik zu „Hele sa Hiwagang Hapis“

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© Bradley Liew

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Eigentlich sollte wir die Jurymitglieder um Meryl Streep beneiden. Sie genießen besondere Privilegien und dürfen urteilen anstatt wie sonst üblich, beurteilt zu werden. Ob dies im Falle des Wettbewerbsfilm „Hele sa Hiwagang Hapis“ (Englischer Titel: „Lullaby to the Sorrowful Mystery“) auch der Fall ist, muss bezweifelt werden. Denn das Sitzfleisch der Jury wurde auf eine echte Probe gestellt. Was daran liegt, dass dieser Wettbewerbsfilm die stolze Länge von 482 Minuten, also acht Stunden hat. Deswegen fing die Premiere auch schon um 9:30 Uhr an und war für Presse und Publikum gleichermaßen zugänglich. Und die Zahl derer, die neben den Jurymitgliedern diesen Achtstunden-Film komplett von der ersten bis zur letzten Minute gesehen hat, war letztlich sehr überschaubar.

Der Film des Regisseur Lav Diaz hat die philippinische Revolution von 1896 bis 1897 zum Inhalt, in dem es um eine ihrer einflussreichsten Figuren geht, Andres Bonifacio. Und der Film ist ein Meisterwerk. Das werden zumindest einige sagen. Für die anderen ist es ein filmisches Experiment. Für andere wiederum aufgrund der Länge und Machart schon eine Belastung. Kurz, an dem Film scheiden sich die Geister. Der Kinofilm ist eine Mischung aus Geschichts-, Literatur- und Mythologieelementen. Wenn wir hier ein klare, verständliche Erzählstruktur mit klar definierten Charakteren erwarten, so müssen wir uns diese im Laufe des Films selbst herausarbeiten. Wir haben dafür immerhin acht Stunden Zeit. „Hele sa Hiwagang Hapis“ glänzt durch eine bestechende schwarzweiße Fotografie. Der ganze Film ist ansonsten sehr statisch und monoton erzählt. Eine Szene, eine Einstellung, kaum Nahaufnahmen und wenn, dann ein Kameraschwenk. Das aber ist weniger auf mangelnde filmische Kenntnisse des Regisseur zurückzuführen, sondern stellt eine klar stilistische Entscheidung dar. Der Film arbeitet mit historischen wie mythologischen Figuren, vermittelt viel Philosphie und ebenso viele Gedichte. Beides fließt letztlich ineinander. Das ganze wirkt, wie die filmische Umsetzung von Theaterszenen. Lav Diaz sieht sich als Ästhet und will sich nicht durch Kino-Konventionen einengen lassen. Er wird gern als Vertreter des Slow Cinema betrachtet. Hat er doch schon 2014 in Locarno mit dem fünfstündigen Opus „Mula Sa Kung Ano Ang Noon“ den goldenen Leoparden abgeräumt. Sein Stil und seine Machart sind gewöhnungsbedürftig und dürften ihre Anhänger finden, vor allem im intellektuellen sowie philosophischen Bereich. Der Film mutet eher wie die filmischen Umsetzung einer achtstündigen Philosophie- und Literaturvorlesung an. Das ganze ist eine Seh-Erfahrung, auf die man sich bewusst einlassen muss.

„Hele sa Hiwagang Hapis“ ist für ein spezielles Publikum, das im Arthouse Bereich zu finden sein sollte. Ob der Film ein etwas breiteres Publikum erreicht kann, darf allein schon wegen der Dauer von acht Stunden in Frage gestellt werden. In der anschließenden Pressekonferenz wurde der Film von den dortigen Pressevertretern überschwänglich gelobt, was daran lag, dass vorwiegend diejenigen dort waren, die „Hele sa Hiwagang Hapis“ begeisterte, die anderen wollten sich nach acht Stunden Gucken nicht noch eine weitere Stunde Pressekonferenz antun.

Dass „Hele sa Hiwagang Hapis“ bei der Berlinale präsentiert wird, das ist gut und richtig, damit er den Weg in die Welt und sein Publikum findet. Sollte Lav Diaz am Ende einen Preis holen, so darf das nicht überraschen, denn der Film ist eine echte Kinoguck-Erfahrung. Ob im Guten oder Schlechten, das muss jeder für sich selbst ausmachen.

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Originaltitel: Hiwagang Hapis
Englischer Titel: Lullaby to the Sorrowful Mystery
Land und Jahr: Philippinen, Singapur, 2016
Regie: Lav Diaz
Darsteller: Piolo Pascual, John Lloyd Cruz, Hazel Orencio, Alessandra De Rossi, Joel Saracho, Susana Africa, Bernardo Bernardo.
Dauer: 482 Minuten

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