„Die Vermessung der Ozeane – Welt- und Seekarten von der Antike bis zur Neuzeit“ von Olivier Le Carrer ist ein phantastisches Seekartenbuch

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© Delius Klasing

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). „Die erste ‚formelle‘ Erwähnung einer einer Schiffsreise geht auf die Zeit etwa 3000 v. Chr. zurück. Die Schreiber des Pharao Snofru protokollierten damals die Ankunft einer Flotte von 40 Schiffen im Nildelta, beladen mit Zedernholz aus Byblos (im Norden des heutigen Libanon)…“

Anderthalb Jahrtausende später segeln Schiffe der ägyptischen Königin Hatschepsut das rote Meer hinunter, um das mythische Land Punt zu besuchen. Zur gleichen Zeit tauchen in Melanesien kühne Seefahrer auf, nachdem sie im Laufe von tausend Jahren von den Philippen aus die Archipele des Westpazifiks erkundeten. Mit Fahrten von über 600 Seemeilen (mehr als 110km) ohne Landsicht. Auch die Maoris brachen bald danach zu den Tonga-Inseln auf, nach Samoa, zu den Marquesas-Inseln.
„Sie waren höchstwahrscheinlich die ersten Hochseenavigatoren der Menschheitsgeschichte, und ihre langen Reisen gegen die vorherrschenden Winde haben immer wieder die Neugier der Forscher geweckt.“

Olivier Le Carrer, Journalist und Autor von Fachbüchern zur Schiffs- und Navigationsgeschichte, erzählt auf 128 großformatigen Seiten in lockeren Textblöcken von der Vermessung der Ozeane. Neben den Textfluss sind Beispiele und Details der Welt- und Seekarten von der Antike bis zur Neuzeit gefügt, viele Doppelseiten sind einzelnen Karten gewidmet. Die eingangs zitierten Passagen stammen aus dem Kapiteln „Segeln auf dem Mittelmeer“ und „die ersten Hochseenavigatoren“, entsprechend geht es weiter mit der „Zeit der Astronomen“ bis „Die Erde ist rund“. Hier erfährt der staunende Leser, dass es bereits vor unserer Zeitrechnung gelang, den Erdumfang zu bestimmen. Eratosthenes (geb. 276 v. Chr. Im Westen Libyens) ermittelte anhand von Messungen der Sonnenstrahlen und ihrer Schattenwinkel während der Sommersonnenwende den Erdumfang – etwa 39 000 Kilometer! Schön auch die vermittelte Vorstellung des damaligen „universitären Europas“, welches Le Carrer beschreibt. So verbreiteten sich Erkenntnisse schnell von Italien nach Ägypten, über die Peloponnes, Kreta und Libyen.
Danach folgte „Ein sehr langer Schlaf“, wie Le Carrer die Zeitspanne zwischen Ptolomäus und dem Mittelalter als Kapitel bezeichnet, und wir segeln gerne mit ihm weiter, „zurück auf die offene See“ bis zur Entdeckung des „vierten Kontinets“ und darüber hinaus. Ein mongolischer Atlas, mysteriöse Inseln im Atlantik und die Irrtümer des Kolumbus werden erklärt. Unsere bekannte Welt schält sich aus den Bildern, die sich für uns entblättern. Neu entdecktes mit Geahntem verbinden, immer von unterhaltsamen Anekdoten begleitet. Wunderschön die doppelseitige Wiedergabe des nautischen Atlas der Portugiesen von 1519, der das damals bekannte Südamerika mit dem mythischen Austral-Kontinent verschmilzt. Umgeben von grimmigen Windengeln. Die Ausstrahlung der farbigen Karten ist in der doppelseitigen Wiedergabe enorm.

Moderne nautische Karten runden die Reise durch die Weltgeschichte der Seekarten ab und entlassen uns mit dem Lächeln eines beschenkten Kindes.

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Olivier Le Carrer, Die Vermessung der Ozeane – Welt- und Seekarten von der Antike bis zur Neuzeit, 128 Seiten, 27,2 x 36,4 cm, Verlag: Delius Klasing, Bielefeld, 1. Auflage 2016, ISBN: 978-3-667-10725-1, Preis: 49,90 Euro (D)

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