Ich will was ändern; will doch noch Kinder haben. BE-Persönlichkeiten

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Im Saal des Berliner Ensembles, altes Haus. Das Theater liegt am Bertolt-Brecht-Platz am Schiffbauerdamm. (Hier bei einem Konzert von Jocelyn B. Smith mit den Different Voices of Berlin am 17.12.2017.) © 2017, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Live im Berliner Ensemble (BE). Einer der Protagonisten sagt: „Ich will was ändern; so kann es nicht weitergehen – ich will doch noch Kinder haben.“ Das Stück heißt „Auf der Straße“ und ist von Karen Breece aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Das Stück eröffnete die Saison 2018/2019 und ist nach wie vor auf dem Spielplan. Bei dem großen Erfolg nicht verwunderlich.

Das Magazin „brand eins“ meldete in einem Beitrag, dass in Hamburg eine Theaterchefin sehr erfolgreich sei und ihr Vertrag vorzeitig verlängert, weil sie anders denkt und Leute ins Theater zieht. Von Auslastungen von 75-80 Prozent ist die Rede. Bei einer Auslastung über drei Vierteln sind alle zufrieden, die Theaterfrau schafft mehr. Ohne die genauen Zahlen zu kennen, können wir versichern, dass „Auf der Straße“ sind in ähnlichen Regionen bewegt oder noch weiter oben, vermutlich bei etwa 85-90 Prozent, wenn man überhaupt Zahlen erwähnen will.

Denn das Stück war in der ersten Saison fast immer ausverkauft. Gespielt wurde im „Kleinen Haus“, das es so nicht mehr gibt. Das Gebäude steht zwar noch, aber bereits eine Saison später änderte sich der Spielort, steht nebenan das neueröffnete „Neue Haus“. Eine Garderobe gibt es und alles nötige, doch ein Baugerüst und einige Improvisationen im Treppenhaus verraten den gerade erst fertigen Neubau, der noch mit Provisorien lebt.

Auf der Bühne gibt es ebenfalls Improvisation. Bei „Auf der Straße“ besonders. Wohl kein anderes aktuelles Stück nimmt so viel Bezug auf aktuelle Entwicklungen. Es wird nicht langweilig, auch beim mehrmaligem Anschauen. Dabei sagt Nico, einer der beiden hauptberuflichen Schauspieler, die sich freiwillig für dieses nicht einfache und gleichzeitig hochinteressante Projekt gemeldet haben, dass ihm Improvisation nicht läge. Bettina Hoppe ist der zweite Profi. Weiterhin sind drei Laiendarsteller dabei und hier wird es besonders interessant.

Ich will was ändern, so geht es nicht weiter

Jeder der drei Laiendarsteller habe eine ganz andere „Karriere“ hinter sich. Die beiden Männer mit wenigen Ähnlichkeiten. Der jüngere von beiden, Psy oder Chris, sagt: „11 Jahre Platte – nichts ist selbstverständlich*.“ Wenn auch mit einer Unterbrechung, sind elf Jahre auf der Straße unglaublich lang und gefährlich. Im Stück ist Psy 29 Jahre alt, fast die Hälfte seines Lebens obdachlos zu sein ist nicht nur viel zu lang, sondern für Wohnungsinhaber unvorstellbar. Wenn man die Jahre des Säuglings und Kleinkinds abzieht, bleibt etwa die Hälfte der Lebenszeit. Zu den Zeiten, zu denen Psy obdachlos war, war es natürlich auch nicht immer rosig. Obdachlosigkeit ist in diesem Fall auch eine Flucht aus unerträglichen Verhältnissen, zum Beispiel häuslicher Gewalt. Prügel, bei Kindern und Jugendlichen.

Am Ende des zweiten Phase des Lebens auf der Straße beschließt Psy, dass es so nicht weiterginge. „Ich will etwas ändern.“ Und: „So geht es nicht weiter.“ Er schlägt es seinem Kumpel vor; die beiden beschützen sich gegenseitig und helfen sich weiter. Schon sehr kurze Zeit später entscheidet sich der weitere Weg. Der Kumpel zieht nicht mit, ist „bocklos“. Doch Psys Entscheidung rettet ihm nicht nur vielleicht das Leben, sondern führt auch dazu, dass er anderen neues Leben schenkt. Er plant, in ein betreutes Wohnen einzusteigen. Bald findet er Arbeit und hilft dabei anderen. Inzwischen hat er seine eigenen Kinder.

Das Stück ist echt, die Sachen sind tatsächlich passiert. Das Leben schreibt Geschichten und nicht alle sind schön. Doch, wie ein anderer der Fünf auf der Bühne sagt: „Das Leben ist nicht nur Scheiße.“ Zum Beispiel nach einem unerwarteten Glücksfall. Er fragt sich, warum ihm solches geschieht – und ist dankbar.

Das Leben kann auch schön sein. Es ist schön.

„Meins ist nicht schön.“ Höchste Zeit für: „Ich will was ändern“.

Aufführungsdaten „Auf der Straße“ im Neuen Haus des BE

Das Theaterstück „Auf der Straße“ im kleinen Haus des Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm an der Spree wird vom 7.-9. Februar 2020 gegeben, am 8. um 8 Uhr abends, am 9.2. um 18 Uhr. Eselsbrücken für alle Internetleser, die keinen Zettel dabeihaben: Am Achten um dieselbe Zeit; 18 Uhr am Sonntag ist neun mal zwei am 9.2.

Weitere Termine am 28. und 29. März 2020 und im April an Ostern. Sonntags immer um 18 Uhr, sonst um 20 Uhr. Das Stück dauert etwa zwei Stunden.

*Erklärung des Ausdrucks „Platte machen“: Jargon für ‚in seinem notdürftig hergerichteten ‚Bett‘ schlafen‘, auf der Schlafstelle nächtigen.

Mehr zum Stück im Artikel Im Theater. Jocelyn B. Smith mit Different Voices of Berlin im Brecht-Theater Berliner Ensemble von Andreas Hagemoser.

Zum Thema behaust/unbehaust mehr im Artikel Haus sucht als Kunstwerk Anhänger – Menschenrechte und winzige Häuser von Andreas Hagemoser im KULTUREXPRESSO.

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