Lasst alle Blumen blühen – Das Konzerthaus Berlin veranstaltet ein Festival »The Sounds of Berlin»

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Blühende Blumen. Quelle: Pixabay, Foto: Couleur

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wie sich die Pandemie stoßweise entwickelt, kommt auch das Musikleben gewissermaßen in Wellen wieder in Gang, wobei das Auf und Ab in den medizinisch gebotenen Vorschriften für Überraschungen sorgt. Die langen Pausen im Betrieb haben im Verborgenen Ideen und Vorschläge gedeihen lassen, die bei »mehr Luft» wie kleine Geysire ausbrechen. Im Konzerthaus haben der Programm- und Orchesterdirektor Ulf Werner, Dramaturgen und Musiker das Problem gewälzt – wie klingt Berlin?, oder für jene, für die Deutsch altmodisch ist, »The Sounds of Berlin».

Im 21. Jahrhundert sei die Stadt kulturell und gesellschaftlich so international, divers und vielfältig wie nie. Hier träfen viele Musikkulturen aufeinander, um sich gegenseitig zu neuen Stilen und Musizierformen zu inspirieren – so beschreiben die Autoren den kulturellen Hintergrund ihres Festivals, das sie vom 25. bis 28. November im Konzerthaus veranstalten wollen. Der Kultursenator Klaus Lederer unterstützt das mit Fördergeldern für digitale Entwicklung.

Am heutigen Abend um 20 Uhr wird der Geiger Daniel Hope im Werner-Otto-Saal im Dialog den israelischen Mandolinisten Avi Avital vorstellen. Nach Auskunft des Konzerthauses soll das Konzert trotz des Warnstreiks der Gewerkschaft ver.di stattfinden.

Das Rückgrat des Festivals bildet das Konzerthausorchester selbst mit Uraufführungen von Werken Berliner Komponisten sowie mit der Aufführung zeitgenössischer Werke. So wird Emilio Pomarico am 26. und 27. November gemeinsam mit dem Vision String Quartet das Werk »Technologia» für Streichquartett, zwei Orchestergruppen und Elektronik von Thomas Encke uraufführen, zudem von Christian Jost »Urbanica». Hinzu kommt »Scattered ways» von Sarah Nemtsov. Neue Klänge verspricht hochkarätiger Jazz eines Ensembles um die Pianistin Julia Hülsmann am Freitag im Kleinen Saal. Das Babylon Orchestra verbindet am Sonnabend ebendort europäische und nahöstliche Musik, BigBand, Sound und Orchesterklang. Die bekannte türkische DJ Ipek mischt am Sonnabend um 23 Uhr im Großen Saal traditionelle Musik des Mittlern Ostens und Anatoliens mit elektronischem Sound. Gemeinsam mit dem Videokünstler Mahir Duman wird sie dem großen Saal Clubatmosphäre verleihen. Das Trickster Orchestra und Mitglieder des Konzerthausorchesters werden schließlich am Sonntag um 20 Uhr im Großen Saal die hohe Kunst der Improvisation pflegen.

Etwas gänzlich Neues bringen die »Sounds of Berlin hybrid» am Sonntag um 16 Uhr. Mehrere Publikumsgruppen werden zu einer an drei wechselseitig sichtbaren Orten – im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses, im Maschinenhaus des KINDL-Kulturzentrums und in der Aula der Gemeinschaftsschule Campus Efeuweg – online zu einer interaktiven Gemeinschaft zusammengeschaltet. Über eine App können sich auch alle Interessenten im Netz beteiligen.

Der Videokünstler Florian Japp wird nach einer »Videopartitur» aus Foto- und Videoeinsendungen, improvisiert mit verschiedenen Ensembles und Künstlern, ein Panorama des Berliner Sounds schaffen. Geht es bei Japps Partitur um Orte in Berlin, so sind Menschen in Berlin das Thema für Schüler der Gemeinschaftsschule und für Tobias Kipp. In kurzen Animationsfilmen fragen sie nach ihrer Berliner Identität. Gerade in der Improvisation sind überraschende Entdeckungen und Einsichten möglich, die Kinder und Jugendlichen auf Konzerte im Konzerthaus neugierig machen können.

Der Anspruch der Veranstalter, die Vielfalt und Internationalität der Musikkulturen in Berlin abzubilden, scheint zu hoch gegriffen, wenn zum Beispiel das Konservatorium für Türkische Musik und andere nationale Ensembles aus Berlin nicht dabei sind. Die Musik dieser Völker kann sehr mitreißend sein. Während einige Beteiligte »importiert» sind, kommt der hier seit Jahren beheimatete Sound nicht zum Klingen. Eine leider nicht genutzte Chance. Mit dem Rückgriff auf zum 200. Jahrestag des Konzerthauses geplante, aber bisher nicht aufgeführte Orchesterwerke ist das Programm insofern eine leichte Übung. Seinen Reiz hat das Festival zweifellos, doch Breite und Vielfalt könnten umfassender sein.

Der Livestream läuft auf den Konzerthaus-Kanälen bei Youtube und Twitch.

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