Musik am Meer – 25 Jahre Usedomer Musikfestival mit Künstlern aus allen Anrainerstaaten der Ostsee

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Ein Strandflügel auf einem Usedomer Musikfestivals in der Nähe von Ahlbeck. © Usedomer Musikfestival, Foto: Geert Maciejewski

Usedom, Deutschland (Weltexpress). Der Wind rauscht im Dünengras; golden leuchtet der Strand in der Spätsommersonne. Die Badegäste haben sich schon von Usedom verabschiedet; nun gehört die Insel den Radlern und Spaziergängern. Und den Kunstfreunden, die sich beim Usedomer Musikfestival einfanden.

Das Usedomer Musikfestival feierte gerade sein 25-jähriges Bestehen. Vom 22. September bis 13. Oktober ging das Jubiläum mit Musik aus sämtlichen Ostsee-Anrainerstaaten über die Bühne. Da begegneten sich schwedischer Jazz und russische Kammermusik, estnische Choräle und polnische Klaviermusik, deutsche Sinfonien und finnische Tangos. Mit insgesamt fast 15.000 Konzertgängern erlebte man einen Besucherrekord.

„Im Jubiläumsjahr begrüßten wir herausragende Musiker aus allen Ländern rund um das Meer“, resümiert der Festival-Intendant Thomas Hummel. „Zum Beispiel den litauischen Cellisten David Geringas; Finnland zeigte sich mit der Mundharmonika Gruppe Sväng. Schweden wurde von der Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter präsentiert; Dänemark vom Barockensemble Concerto Copenhagen.“

Ehrenschirmherr des Usedomer Musikfestivals ist der vor drei Jahren verstorbene Dirigent Kurt Masur. Er war Mecklenburg-Vorpommern zeitlebens eng verbunden, führte ihn doch ein frühes Engagement ans Schweriner Theater, bevor er Gewandhaus-Kapellmeister in Leipzig wurde. Seine Frau, Tomoko Sakurai-Masur, eröffnete am 9. September 1994 in Heringsdorf das Erste Usedomer Musikfestival.

Masur leitete auch eine Partnerschaft mit dem hochkarätigen Nachwuchswettbewerb „Young Concert Artists“ in die Wege. In diesem Jahr gab es auf Usedom drei hochkarätige Konzerte von Preisträgern: Soo-Been Lee wird als „das „heißeste Geigenwunderkind Koreas“ gehandelt. Der Pianist Nathan Lee trat bereits als Neunjähriger zusammen mit einem Orchester auf. Dritte im Bunde ist Hanzhi Wang, die erstmals in der fast 60-jährigen Geschichte des Wettbewerbs dem Akkordeon zum Sieg verhalf.

Das Usedomer Musikfestival umfasst rund 40 Veranstaltungen in drei Wochen. Sinfoniekonzerte markieren Beginn und Abschluss; dazwischen stehen kleinere Formate: Liederabende, Klavier- oder Kammermusik.

„Ein Grund für den Erfolg ist die strenge thematische Fokussierung“, erklärt Jan Brachmann, seit 20 Jahren Dramaturg des Festivals. Geografie wird hier zum Programm; im Mittelpunkt steht die Ostsee als gemeinsamer Kulturraum unterschiedlicher Völker. Ein kleines Land wie Litauen hat da denselben Stellenwert wie etwa Russland. Die Programme machen Neugier auf unbekannte Komponisten und Raritäten. Jüngere Dirigier-Stars, zum Beispiel Teodor Currentzis oder Andris Nelsons waren schon auf Usedom zu hören – lange, bevor sie berühmt wurden.

Normalerweise widmet sich das Festival alljährlich einem anderen Ostsee-Anrainerstaat. In diesem Jahr expandierte man nun in die Totale: Das Jubiläums-Motto lautete „Zehn Länder – ein Meer“. So konnte man mit Streichern der Berliner Philharmoniker und dem Pianisten Mikhail Mordvinov russische Raritäten kennenlernen. Etwa ein schwungvolles Klavierquintett des Schubert-Zeitgenossen Alexander Aljabjew, der seine Zeit in der Verbannung zum Sammeln sibirischer Volkslieder nutzte.
Schweden präsentierte sich mit der Tolvan Big Band. Die 18 Musiker, allesamt exzellente Solisten, brachten mit ebenso schmissigen wie raffinierten Kompositionen ihres Bandleaders Helge Albin das Publikum zum Grooven.

Lettland wiederum näherte man sich von literarischer Seite. Der Schauspieler Frank Arnold las Eduard von Keyserlings Roman „Wellen“, der um 1900 in einem baltischen Seebad spielt. Festival-Dramaturg Jan Brachmann brillierte zwischendurch als einfühlsamer Salon-Pianist.

Die Veranstaltungen finden in kaiserzeitlichen Hotels statt, in alten Dorfkirchen oder einsam gelegenen Herrenhäusern – auch im stillen Hinterland, das die strandsüchtigen Touristen meist links liegen lassen. Zum Beispiel auf dem Lieper Winkel, einer dünn besiedelten Halbinsel, die sich ins Achterwasser schiebt. Mal ging es ins Kirchlein von Benz mit seiner entzückenden Sternendecke; dann wieder über holprige Alleen an die verschlafene Küste des Stettiner Haffs, ins Schloss Stolpe, wo einst die Grafen von Schwerin ihren Stammsitz hatten.

Sinfoniekonzerte finden im Museums-Kraftwerk von Peenemünde statt, wo im Dritten Reich der Strom für Versuchsprojekte mit geheimen „Wunder-Waffen“ erzeugt wurde. Auch Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge schufteten hier. Heute dient die riesige, zugige Turbinenhalle als Konzertsaal.

Den dunkelsten Momenten des 20. Jahrhunderts stellt sich die Komposition „Norils“ des estnischen, 1971 geborenen Komponisten Jüri Reinvere, die zum Festival-Finale erklang: Das Wiegenlied einer Mutter im Zwangsarbeitslager wird umraunt von fein ziselierten Orchesterklängen.

In Peenemünde ging aber auch die Eröffnung mit dem Festival-Hausorchester über die Bühne, dem Baltic Sea Philharmonic unter seinem Chef Kristjan Järvi. Vor Ort war auch Angela Merkel, die feststellte: „Usedom ist immer eine Reise wert.“

Das Baltic Sea Philharmonic, das sich das Auswendigspiel als Markenzeichen erarbeitet hat, spiegelt die Philosophie des Festivals wider: An den Pulten sitzen Musiker aus dem gesamten Ostsee-Raum.

Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs wäre eine solche Besetzung undenkbar gewesen. Doch in mancherlei Hinsicht sind sich die zehn Ostsee-Nationen heute noch fremd. In den Orchesterproben geht daher nicht nur um das Einstudieren von Partituren. Es werden auch gemeinsame Traditionen entdeckt und kulturelle Unterschiede überbrückt.

Vor allem der Austausch mit Polen, das sich mit Deutschland die Insel Usedom teilt, gehört zur DNA des Festivals. Bereits vor der Ost-Erweiterung des Schengen-Raumes – damals gab es noch Grenzkontrollen und einen Zaun quer über den Strand – veranstaltete man Konzerte auf der polnischen Nachbarinsel Wollin und in Swinemünde.

Diesmal spielte im Kulturhaus von Swinemünde das c/o chamber orchestra, das aus Musikern verschiedener Ostseenationen besteht. Sie musizieren im Stehen und verzichten auf einen Dirigenten, was zu einem außerordentlich wachen, intensiven, energiegeladenen Spiel führt. Höhepunkt ihrer „Nordischen Serenade“ war das melodienselige Septett des schwedischen Romantikers Franz Berwald.

Beim Abschlusskonzert in Peenemünde begeisterten die Radiophilharmonie und Robert Trevino, ein 35-jähriger amerikanischer Shooting Star am Pult. Festival-Finale war seine energisch-straffe, nuancen- und farbenreiche Interpretation der Symphonischen Dichtung „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss.

Das nächste Usedomer Musikfestival findet vom 21. September bis 12. Oktober statt. Der Länderreigen wird dann wieder aufgenommen.

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