Sag „Ja“! – Ein lebensfroher Film über das Ausbrechen aus festen Strukturen und Begrenzungen feiert Carla Juri als Malerin „Paula“ Becker-Modersohn

© 2016, Foto: Andreas Hagemoser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Lebenslust und -freude, ja auch Lebenshunger. Spontaneität, Schaffensfreude und Kraft sind Eigenschaften, die von der Schweizer Hauptdarstellerin Carla Juri verkörpert werden. Der Film heißt schlicht „Paula“, so wie die junge Frau, die wir als Malerin Paula Becker kennen – oder als Paula Becker-Modersohn.

Hier deutet sich schon die Tragödie ihres Lebens an, die weniger in Erinnerung ist als das, was letztlich dazu führte, dass wir uns überhaupt an sie erinnern: Ihr Werk. Etwa 750 Gemälde und 1000 Zeichnungen verewigten sie in der Geschichte. Bilder, die sie in einem unverwechselbaren Stil schuf.

Posthum wurde sie die erste Malerin, für die ein eigenes Museum geschaffen wurde. Das ist doch schon was, selbst wenn sie nicht die erste gewesen wäre.
Die erste Heilerin, die erste Päpstin – diese Titel liegen Jahrhunderte und Jahrtausende zurück. Hildegard von Bingen lebte in der Zeit katholischer Dominanz Mitteleuropas. Ein Film brachte auch ihr Wirken und Schicksal vor wenigen Jahren in Erinnerung mithilfe von Bildern, die im Gedächtnis bleiben.

Selbst wenn wir uns auf Mitteleuropa oder Deutschland beschränken, werden wir schnell feststellen, dass die meisten Pionierinnen auf ganz unterschiedlichen Gebieten – die erste Pilotin, Geschichtsprofessorin, Bibliothekarin und so weiter – im Deutschen Reich wirkten. Im Zweiten deutschen Reich, dem Kaiserreich.

Wie Paula ins Kaiserreich passte

Das Erste Reich, das Heilige Römische Reich deutscher Nation, ging 1806 unter.
Der Kaiser legte die Krone nieder, nachdem Napoleon in Charlottenburg und am nächsten Tag in der Haupt- und Residenzstadt Berlin einzog, der preußische König und brandenburgische Kurfürst nach Osten floh und das Land, beziehungsweise das, was übrigblieb, von Memel aus regierte, der Hafenstadt an der Ostsee, der nördlichsten Stadt des Deutschen Reiches, also vom äußersten Rand aus. Einige Jahrzehnte lang folgte wenig Großes. Doch Hardenberg reformierte, Hambach feierte, Napoleon wurde vertrieben und die Teile Deutschlands – Bayern und Preußen zuvorderst – bestanden weiter.

Allein – die Demokratie scheiterte, obwohl sie dem König Privilegien einräumen wollte und 1848 in der Paulskirche ein Parlament entstand.
Die Karlsruher Straße in Berlin-Halensee erinnert nicht einfach an die Stadt in Baden, sondern vor allem auch an die Niederschlagung der Demokratiebewegung durch preußische Truppen. Schießen konnten diese besser als die zusammengewürfelten Idealisten. (Im Spanien der 30er sollte sich das wiederholen.)
Im Hintergrund vollzog sich die „Industrielle Revolution“ und im Wettstreit der deutschen Länder hatte das militaristische und gut geführte Preußen die Nase vorn. Nach den drei Kriegen der 1860er, an die die Siegessäule im Großen Stern im Tiergarten erinnert, wurde am 18. Januar 1871 das Zweite Deutsche Reich gegründet.

Ein bisschen erinnert es an die von Peking aus regierte Volksrepublik China. Eine Weltmacht im Schatten stärkerer Mächte, straff geführt mit einem starken Militär, wirtschaftlich außerordentlich erfolgreich – „made in Germany“ entstand zu dieser Zeit – und auf die Tradition einer großen Kulturnation zurückblickend, doch bei den Menschenrechten, der Freiheit und der Entfaltung der Persönlichkeit gibt es Mankos. Natürlich ist das moderne, halbsozialistische Reich der Mitte, das immer noch von der Kommunistischen Partei in Beijing dominiert wird, anders.

Gerade im Bereich der Bildenden Kunst, um den es hier geht, lohnt es sich aber hinzugucken und die geschichtliche Basis zu verstehen.

Paula und Paris

An beiden Orten herrscht Reisefreiheit, auch eine unerlässliche Voraussetzung für Paulas Eskapaden, die in Paris Rilke (Joel Basman) und ihre engste Freundin Clara Rilke-Westhoff (wieder-) trifft, eine andere „Alleingelassene“. Gespielt von Roxane Duran, bekannt aus „Das weiße Band“.

Monarchie und Kunst geht zusammen

Das heutige China ist geradezu kunstverrückt. Da kein „freier Markt“ herrscht, trotz des teilweise hohen Wohlstands und trotzdem die Skyline von Schanghai anderes vermuten lässt, bestimmt die KPCh nach wie vor die Regeln. Gold wurde gekauft und erst seit wenigen Wochen ist der Yuan Renminbi eine frei konvertierbare Währung.
Die teilweise hohen innerchinesischen Yuan-Gewinne wurden in großem Maße reinvestiert in Inlandsunternehmen, Betongold (vergleiche das verrückte Beispiel einer Neubau-Geisterstadt in der Inneren Mongolei) – und Kunst.

Otto Modersohn ist zu seiner Zeit bekannt und vor allem aus dem nahen, reichen Bremen kommen wohlhabende Kunden, die bis zu 2000 Mark für ein Bild bezahlen.

Bremen war nicht Bremen

Die heruntergewirtschaftete Schuldenstadt Bremen von heute, in der Vierziger Jahren kaputtgebombt und nie wieder ganz hergestellt, lässt ein falsches Bild entstehen, wenn man es einfach rückwärts in die Geschichte verlängert.

Das Stadtstaatenprivileg, das die heutige Bundesrepublik Deutschland der Wesermetropole rund um den Roland gewährt, lässt erahnen, welch reiche Vergangenheit hier erlebt wurde wie in vielen Städten der Hanse, so im näheren Umkreis in der Freien Stadt Hamburg und der Hansestadt Lüneburg, die allerdings weniger wegen ihres Hafens mit dem berühmten Kran, sondern wegen des weißen Goldes im Geld schwamm.

Feudalherren blickten neidisch auf den Reichtum der stolzen Städte und versuchten im Barock immer noch, deren Macht zu begrenzen.

Die stolzen Hansestädte – umgeben von Kunst

Wismar, Rostock, Stralsund, Lübeck und Hamburg wählten statt eines kürzeren Autokennzeichens das Vorzeichen H für den Städtebund. So auch Bremen.

Hansestadt Bremen. Daraus spricht ein Stolz, der heute für viele schwer nachzuvollziehen ist.
Die Hanse, eine starke Handelsgemeinschaft, machte viele Freie Bürger reich und stolz.

Wenn man wenigstens in der Architektur die Zeugen der Hansezeit des Mittelalters wiederfände! Doch die Geschichte hat außer Hochmittelalter und Barock auch noch die Neuzeit auf Lager. Mit einer Zeitgeschichte, die alles dagewesene übertraf. Der Zweite Weltkrieg brachte den Düsenflieger, die Atombombe und den Luftkrieg mit Bombern.

Bremens reich geschmückte Kirchen überlebten teils. Die wunderbaren, bunten Glasfenster, die den Reichtum der Hansestadt ohne viel Worte auch Kindern verständlich gemacht hätten, sind aber für immer verloren.
Hamburg ist architektonisch nach der Operation Gomorrha ein Schatten seiner selbst.

Die einzige erhalten gebliebene Stadt der norddeutschen Backsteingotik ist Lüneburg. Wenn man durch dort kontemplativ durch die Altstadt wandelt und sich alles in der Fläche vergrößert vorstellt, könnte man Bremens Größe, Stolz und Reichtum vielleicht erspüren.

Paula Becker wurde in einer Zeit geboren, als zwar die preußischen Kolonien in Westafrika vergessen waren, aber Kolonien durchaus zum guten Ton einer Weltmacht wie dem Deutschen Reich gehörten. Die Zukunft schien verheißungsvoll und der Bremer Reichtum brauchte ein Ventil. Dieses fand er etwas östlich im Moor, in Worpswede. Es war die Zeit des Jugendstils.

Verrat unmöglich

Bei Filmen über historische Figuren, auch wenn es ’nur‘ Künstler sind, darf man wenigstens getrost etwas von der Handlung „verraten“, weil diese sich an Leben und Werk anlehnt, die aus Biographien und Folianten hinlänglich bekannt sind.

Worpswede als Ausflugsort

Auch dürfte der eine oder andere Kulturbeflissene das Künstlerdorf Worpswede, dass es mit dieser Funktion und noch mehr Museen bis heute gibt, besucht haben oder einen Besuch ins Auge gefasst haben. Ich selbst hatte das Glück, in Norddeutschland zu wohnen und in meiner Kindheit von meinen Eltern, einem Architekten und eine Theater spielenden und inszenierenden Lehrerin, die beide zeichneten und malten, Worpswede zu besuchen. Wir fuhren mit dem Auto und erfuhren, dass wegen des Moores Worpswede kaum, nur auf wenigen Wegen zugänglich ist. Vielleicht hat die Abgeschiedenheit noch zusätzlich zur besonderen Entwicklung beigetragen.
Heute ist das anders. Auch in der Woche erhält man überall seinen Kaffee und die Kombination von der Jahrhundertwende – Bauern und Maler – ist Vergangenheit.


Albrecht Abraham Schuch spielt Paulas Ehemann

 

Otto Modersohn ist, wenn wir dem Film glauben wollen, zunächst souverän. Er liebt Paula, doch er hat Probleme zuzugeben, dass sie talentierter sein könnte. Zu stark bei aller Liebe auch das patriarchalische Umfeld.

Keine Kinder

Im Besonderen sah er, welche fürchterlichen Folgen für die Frau die Geburt eines Kindes haben konnte. Da er seine Frau liebte, wollte er ihr dieses Schicksal ersparen. Doch seine Angst vor dem Tode der Gattin war außerordentlich stark. Dann besser gar keine Kinder.

Doch mangelnde Selbstentfaltung im Beruf und wenig Anerkennung und Gerechtigkeit in Verbindung mit einem auch sonst in vielen Bereichen unbefriedigenden Leben, das war ihr einfach zuviel. Im Gegensatz zu Tausenden deutschen Frauen, die die Erfüllung in der Unterstützung ihres Gatten suchten und brav an Heim und Herd blieben, im Zweifelsfalle immer ihre Bedürfnisse hintanstellend, nahm Paula reißaus.

Reißaus und Rückkehr

Sie kehrte zurück, doch nicht für lange.-

Die Darstellung des Ganzen: Teilweise überspitzt, aber das muss wohl auch sein, wenn man 30 Jahre eines Lebens in zwei Stunden pressen muss. 123 Minuten sind es geworden. Einige Szenen bleiben in Erinnerung. Der banale Malstil der Eingesessenen. Die Hochzeitsnacht. Die „Tierquälerei“. Wie Paula Otto mit einem Farbtupfer bemalt.
Und die späte Einsicht der Worpsweder Maler, der Herren, dass Paula der Malereigeschichte viel mehr gegeben hat als Otto und all die anderen, die damals bekannt und jetzt vergessen sind.

Der Spielfilm „Paula“ startete in der Bundesrepublik am 15. Dezember 2016.

Paula Modersohn lebte nicht lange. Etwa drei Jahrzehnte. Für heutige Verhältnisse unterdurchschnittlich kurz. Trotzdem reichte die Zeit, um sie bis heute allgemein bekannt zu machen. Viele Bücher wurden über sie geschrieben.

Hochnäsig ihre Mal-Lehrer zu Beginn. Realistisch habe das Bild zu sein. Bei Paula ist es das nicht.

Ihre Bilder haben einen Wiedererkennungswert. Der Versuch sie zu beschreiben, wird hier nicht unternommen. Ein Bild sagt mehr als …

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