„Sagte das Weib zum Soldaten“ – Entdeckungen in französischen Museen

286
Ein Foto aus dem Museum Falaise von Stefane Geudrai in dem Journals "Le Mémorial des civils dans la guerre, à Falaise, Mai 2016, Seite 4 und 5. Fotografiert von Stefan Pribnow

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Wenn der Reisende an die französische Atlantikküste fährt – von der Normandie über die Bretagne bis zur spanischen Grenze – trifft er fast überall auf die Hinterlassenschaft der deutschen Okkupation, auf Befestigungen des »Atlantikwalls». Teils sind sie gesprengt, teils verschüttet oder von der Brandung freigespült. An der Küste der Pay d´ Iroise, westlich von Brest, an der Landstrasse zwischen dem Leuchtturm St. Mathieu und dem Ort Plougonvelin, ragt ein Bunker aus der Landschaft, hoch, massig, drohend. Ein Fremdkörper. Es ist der Kommandostand der Batterie »Graf Spee». Er wurde 1940 »auf den Knochen» französischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener erbaut. Er diente mit seinen 28-cm-Geschützen dem Schutz des Seekriegshafens Brest, in dem die deutsche Kriegs- und U-Boot-Flotte Stützpunkte hatte. Heute ist der Bunker das »Museum der Erinnerungen 39 – 45». Seine Geschichte ist originell.

Im September 1944 wurde der Bunker von alliierten Truppen und französischen Resistance-Kämpfern erobert, stillgelegt, war Müllkippe und wuchs zu. Von den Kämpfen und von der deutschen Besatzung blieben Trümmer, Schrott, Geschosshülsen und aller mögliche Plunder zurück – im Boden, in Schränken und auf Dachböden.

Zwei junge Burschen, die Brüder Aurelien und Clement Coquil, fanden eines Tages auf dem Dachboden ihrer Großeltern eine Zeltplane, später andere Utensilien aus Krieg und Besatzung. Von Nachbarn und Bekannten bekamen sie weitere Uniformteile, Gebrauchsgegenstände, Waffen und anderes. Sie sammelten das Zeug und stellten es sogar im Gemeindeamt aus. Schließlich hatten sie die Idee, mit den »Erinnerungsstücken» ein Museum zu gründen und dies in der nahegelegenen Ruine des Bunkers einzurichten. Die beiden – Maurer von Beruf – machten sich daran, den Bunker freizulegen, zu enttrümmern, trockenzulegen, Strom und Entlüftung zu Installieren und dort ihre »Erinnerungsstücke» mehr oder weniger systematisch auszustellen. Die Gemeinde verfolgte es wohlwollend und unterstützte es durch kostenlose Überlassung des Grundstücks und durch Befreiung von Gebühren.

Sind die schon wieder da?

Um System hineinzubringen, wurden die gesammelten Utensilien auf 500 Quadratmetern und über fünf Etagen in Vitrinen ausgestellt, beginnend mit den Unterkünften der 25 Mann Besatzung. »In originalgetreu restaurierten Räumen werden Sie das tägliche Leben am Atlantikwall kennen lernen, alles in streng realistischen Darstellungen», heißt es im Prospekt. So hört der Besucher das Blöken der skatspielenden Landser-Attrappen, und »originalgetreu» überfällt ihn das Lied »Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein – bumm, bumm, bumm – und das heißt – Erika!». Der von der Atmosphäre betäubte Besucher erschrickt und denkt: »Was, sind die schon wieder da?»

Zum Glück ist das nicht alles. Die Autoren haben es, wenn man die Begleittexte in Französisch, Englisch oder Deutsch studiert, durchaus vermocht, die Ereignisse der Kriegsjahre in der Bretagne zu schildern, ja zu dokumentieren. Dargestellt werden Blitzkrieg, Besatzung, Kriegsgefangenenlager, FFL (»Streitkräfte für ein Freies Frankreich»), Kollaboration, Resistance, die Schlacht um Brest und die Befreiung im September 1944. Der Besucher bekommt einen Begriff von der Dramatik der Okkupation, des Widerstands und der Befreiung.

Im Mai 1940, nach dem Überfall der Wehrmacht, hatte die französische Regierung den Entschluss gefasst, in der Bretagne eine Verteidigungslinie gegen den deutschen Vormarsch aufzubauen und die Häfen für die Flotte und den Nachschub zu sichern. Die Verteidigungslinie brach, und viele Franzosen retteten sich mit letzten fliehenden Schiffen nach Nordafrika. Millionen blieben unter der Fremdherrschaft verzweifelt zurück. In eindrucksvollen Berichten schildern Zeitzeugen ihre Leiden unter dem Terror der Wehrmacht und der SS, von wahllosen Erschießungen, Judenverfolgung, Konzentrationslager, Gefangenschaft, Zwangsarbeit und Widerstand. Eindrucksvoll geschildert wird die Schlacht um Brest, die Feuerwalze, die vom Hafen aus durch die Stadt rollte, die Bombardierung und die fast völlige Zerstörung der Stadt. Die Batterie »Graf Spee» wurde von alliierten Truppen und 3.000 Resistance-Kämpfern wochenlang belagert und am 9. September erobert. Am Rande erfährt der Besucher, dass die strategischen Häfen Saint-Nazaire, Lorient und La Rochelle von den Alliierten links liegen gelassen wurden und erst nach dem 8. Mai 1945 kapitulierten. Ein strategisch kluger Schachzug, aber welche Verbrechen an der französischen Bevölkerung wurden von den Besatzern in den verbleibenden Monaten noch begangen? Das Museum weckt die Neugier auf die regionale Geschichte. So geht seine Bedeutung weit über die Ansammlung von »Erinnerungsstücken» hinaus. 2017 wurde es eröffnet, 2019 (vor der Pandemie) zählte es 35.000 Besucher.

Zwiespältige Eindrücke

So verdienstvoll die Darstellung der Geschichte jenes Teils der Bretagne ist, erschließt sich mir nicht, warum das Museum auf seinem Plakat einen deutschen Soldaten zeigt, der noch immer auf Wacht für das »Grand Reich» seines Führers steht. Die Betreiber des Museums erklären, es sei das Foto eines Soldaten, der das Gewehr über der Schulter trägt, aber keine durchgeladene Waffe, und der einfach durch sein Fernglas aufs Meer schaut. Sie hätten Veteranen gefragt, die keine Bedenken hatten… Gelungen sind die Berichte alter und junger Französinnen und Franzosen von Krieg, Besatzung und Widerstand – überzeugende Zeugnisse der Zeit. Wozu aber Fototafeln von deutschen Besatzern und vom lustigen Landserleben gebraucht werden, ist unerfindlich. Wer soll sich wozu an sie erinnern? Die Betreiber sehen darin kein Problem. Sie stellen nur Fakten aus, sagen sie. Wer allerdings die Erläuterungen nicht liest und nur den überbordenden Klimbim betrachtet, findet diese Zeiten recht seltsam, aber eben vergangen.

Das Museum ist faktisch gespalten. Einerseits ist es mit gewissenhafter Darstellung der Geschichte der Region im Kriege und mit erschütternden persönlichen Erinnerungen der Menschen aus der Gegend ein Kompendium an Wissen. Andererseits bietet es eine mühsam geordnete Ansammlung von Fundstücken aus der Mottenkiste, die sich zufällig anfanden. Für jeden etwas.

Erinnerungen und kollektives Gedächtnis

Erinnerungen sind im Gedächtnis bewahrte Eindrücke vom persönlichen Erleben. Andererseits gibt es im Volke ein kollektives Gedächtnis, das prägende Erlebnisse wie die Ausrottung der Herero und Nama oder die Belagerung von Leningrad im allgemeinen Bewusstsein bewahrt. Ein traumatisches Erlebnis dieser Art haftet auch im Gedächtnis der Bevölkerung der Normandie. Es war dies die Zerstörung der Region Calvados im Juni 1944.

Am 6. Juni 1944 waren die westalliierten Truppen auf breiter Front in der Normandie gelandet und hatten sich unter schweren Verlusten an der Küste festgesetzt. Die Normandie zwischen St. Mere-Eglise und Cabourg ist übersät mit Denkmalen, Gedenkstätten der Kämpfe und Friedhöfen der gefallenen Soldaten – US-Amerikaner, Briten, Kanadier, Franzosen, Polen und Deutsche. Den Schlachten und ihren Strategen sind große Museen gewidmet, herausragend das Memorial in Caen. Weniger bekannt als die Schlachten sind außerhalb Frankreichs die tragischen Folgen der Kämpfe für die Zivilbevölkerung.

Die Landung am 6. Juni konnte der Bevölkerung nicht angekündigt werden. Als nächster Schritt sollten die Verbindungswege der deutschen Truppen zerstört werden. Am 7. Juni warfen alliierte Flugzeuge Flugblätter mit der Nachricht ab, die Städte würden bombardiert werden. Viele glaubten es nicht, andere flohen. Das Inferno brach herein und viele Städte und Dörfer fielen in Schutt und Asche. Hinzu kamen die Kämpfe zwischen alliierten und deutschen Truppen. Von 763 Gemeinden waren 744 betroffen. Die Städte Caen, Le Havre, Vire, Falaise, Lisieux und St Lo wurden zu 70 bis 80 Prozent zerstört. 150.000 Einwohner verließen ihre Häuser und übernachteten zum Teil auf freiem Feld. In Calvados waren 80.000 Gebäude und 180.000 Wohnungen zerstört. Die Menschen lebten jahrelang in Ruinen, sogar in den Höhlen am Steilufer der Seine.

Opfer in der Zivilbevölkerung und ein neues Museum

Ähnlich wie in Dresden gingen die Meinungen über die Todesopfer in der Zivilbevölkerung weit auseinander. Lange Zeit schätzte man 50.000 Tote. In den neunziger Jahren gingen die Mitglieder der Seniorenuniversität und Wissenschafter der Universität Caen daran, aus Einwohnerverzeichnissen, Taufbüchern, Inschriften von Friedhöfen und Gedenktafeln die Todesopfer namentlich zu erfassen. Sie kamen auf rund 20.000.

Am 70. Jahrestag der Landung in der Normandie 2014 hob der damalige Präsident Francios Hollande die Leiden der Zivilbevölkerung hervor. Dies war den Kommunalpolitikern aus Caen und Falaise Anlass, den Präsidenten für ihren Plan zu gewinnen, ein Museum zum Gedenken der Opfer in der Zivilbevölkerung zu gründen. Am 8. Mai 2016 konnte in einem ehemaligen Gerichtsgebäude in Falaise mit Kosten in Höhe von 4,1 Millionen Euro das Museum »Le Memorial des Civils dans la Guerre» (Gedenkstätte für die Zivilisten im Kriege) eröffnet werden.

Vorbildliche museologische Arbeit

In hellen, übersichtlichen Räumen wird der Besucher von der dritten zur ersten Etage geführt. Die Exposition beeindruckt mit akribischer museologischer Arbeit. In französischen Museen fällt auf, wie ernsthaft und diszipliniert Kinder und Jugendliche durch die Ausstellung gehen.

Die Ausstellung verbindet geschickt das Besatzungsregime Nazideutschlands in Frankreich mit den Ereignissen in der Normandie während der Okkupation. Ihre Idee ist streng materialistisch. Von Anfang an wird dem Besucher bewusst gemacht, welches Schicksal dem französischen Volk vom deutschen Faschismus zugedacht war. Es wird klargestellt, dass Hitler und die Naziführung zur Sicherung ihres Machtanspruchs in Europa und zur Zerschlagung der Sowjetunion sich das Industriepotential Frankreichs und Westeuropas unterwerfen und Frankreich ausplündern wollten. Unter Mitwirkung der Vasallenregierung des Marschalls Philippe Petain in Vichy wurde ein ausgeklügeltes Besatzungsregime geschaffen, besiegelt durch den Handschlag Hitlers und Petains am 24. Oktober 1940.

140.000 Besatzer – Militär und Zivilbeschäftigte – beherrschten eine Bevölkerung von 40 Millionen. Besatzungskosten von 300 bis 500 Millionen Franken in Gold waren täglich zu zahlen. Militärbefehlshaber, Feldgendarmerie und die Sicherheitsdienste der SS und des SD terrorisierten die Bevölkerung. Lebensmittel wurden rationiert. Riesige Mengen an Lebensmitteln und Rohstoffen wurden nach Deutschland geschafft. Wo die Industrie des Landes nicht selbst für Deutschland produzieren musste, wurden ökonomische Grundlagen der Volkswirtschaft untergraben. Zum Beispiel wurden 75.000 Pferde requiriert, ein Schlag für Landwirtschaft und Gewerbe.

Im besetzten Gebiet entging nichts der Regelungswut der Besatzer, wie die Legende feststellt. Tausende Dekrete und Verordnungen wurden erlassen, die tief in den Alltag der Franzosen eingriffen, oft mit tödlichen Folgen. Gezeigt wird, wie die Bevölkerung versuchte, mit dem Mangel an Lebensmitteln, Kleidung und Schuhen fertig zu werden. sie nannten es »System D». Die Besatzer konnten billig Mangelware kaufen, Franzosen hingegen wurden für Schwarzmarktgeschäfte hart bestraft.

Kollaboration der Vichy-Regierung

Ihren Verrat am französischen Volk kaschierte die Vichy-Regierung mit Parolen von einer »nationalen Revolution» und »Arbeit, Familie, Vaterland» – Sozialpartnerschaft statt Klassenkampf.1942 forderten die Nazis von der Vichy-Regierung 250.000 Arbeiter für das Reich. Petain wollte einen Handel machen: einen Freiwilligen für einen rückkehrenden Kriegsgefangenen. Das gelang nicht. Da sich wenige Freiwillige fanden, schuf Petain 1943 einen Arbeitsdienst, der den Nazis billige Arbeitssklaven lieferte. Im Volke bildete sich ein Begriff: »Absents» – die Abwesenden. Das waren 1,5 Millionen Kriegsgefangene, 250.000 Freiwillige und 650.000 Zwangsarbeiter. Auch Illegale, Juden und Widerstandskämpfer waren Absents.

Die neue Rolle der Frau

Mit dem Fehlen der Männer wandelte sich die Stellung der Frau in der französischen Gesellschaft. Vor der Befreiung hatten die Frauen keine Rechte. Das Wahlrecht erhielten sie erst nach der Befreiung. Aber da sie mit der Abwesenheit der Männer zum Familienoberhaupt wurden, wuchs ihr Selbstvertrauen und ihr Anspruch auf politische Rechte. Viele schlossen sich der Resistance an. Dia Ausstellung würdigt zwei bekannte Frauen der Resistance, Simone Segouin und Edmunde Robert. Edmunde Robert war Mitglied des kommunistischen Widerstands in der Normandie, wurde 1942 verhaftet und in das Lager Jauer bei Berlin deportiert. Sie starb nach der Befreiung auf dem Rücktransport.

1940 lebten in Frankreich 330.000 Juden, zur Hälfte Flüchtlinge. Viele flohen ins Ausland. Mit Hilfe des Vichy-Regimes wurden 65.000 Erwachsene und 11.000 Kinder in die Vernichtungslager deportiert. 2.500 überlebten. Geschildert wird das Schicksal der Familie Klizner aus Caen. Der Vater starb als Arbeitssklave in Auschwitz. Fünf Kinder wurden vergast.

Eine Abteilung des Museums ist dem Widerstand in der Normandie und seiner Bekämpfung durch die Geheime Feldpolizei, die Sondereinheit der Kriminalpolizei, die Wehrmacht und »Hilfsgruppen» gewidmet. Am 15. April 1942 brachte zum Beispiel eine Gruppe einen Militärzug zur Entgleisung. 28 Kommunisten und Juden wurden zur Vergeltung sofort erschossen. 500 Männer wurden in den Osten deportiert.

Staunen kann der Besucher über die hier dokumentierte unermüdliche Aufklärungsarbeit der Resistance mit illegalen Zeitungen und Flugblättern.

Befreiung und Wiederaufbau

In den Städten und Dörfern der Normandie erblickt der Reisende schöne Marktplätze, Straßen und Bauernhöfe mit typisch normannischem Fachwerk. Auch Straßenzüge und Wohnviertel mit Neubauten fallen auf. Das weckt den Eindruck einer prosperierenden Wirtschaft , reicher Städte und einer klugen Stadtplanung. Wie solch ein Bild entsteht, erschließt sich im Museum. Für die zerstörten Städte erließ der Staat Wiederaufbauprogramme, die zwischen 1955 und 1965 realisiert wurden. Dämmert dem deutschen Urlauber, welch ungeheure Anstrengungen es das französische Volk kostete, ihre unverschuldet zerstörten Städte wieder aufzubauen? Wen hat das in Deutschland interessiert, selbst beschäftigt mit dem Partizipieren am Wirtschaftswunder? Die Ausstellung verschweigt nicht, dass deutsche Kriegsgefangene für lebensgefährliche Arbeiten wie Minenräumen eingesetzt wurden, was laut Erläuterung gegen das Völkerrecht verstieß. Wer will darüber richten?

Stoff zum Nachdenken

Das Museum verdeutlicht sehr eindrucksvoll die ernsten Probleme und die schwere Last der Invasion der Alliierten für die Zivilbevölkerung. Zwei Millionen Soldaten auf engem Territorium brauchen Quartier, Essen, medizinische Versorgung, Infrastruktur, Unterhaltung. Sie kannten nicht Land und Leute, viele hegten Misstrauen gegen die französische Bevölkerung, weil diese in ihren Augen die Besatzung zu lange geduldet und vielleicht kollaboriert hatte. Es gab Plünderungen, Raub, Vergewaltigungen, Schlägereien.

Die Bevölkerung war gespalten. Einerseits war sie froh, von den Nazis befreit zu sein, andererseits mehrte sich der Zorn über zunehmende Gewalttaten. Die alliierten Soldaten hingegen fürchteten Kollaborateure und Spione. Bald gab es Anzeigen aus der Bevölkerung, welche die Kommandeure zu strengen Maßnahmen gegen Übergriffe veranlassten. Doch es gab auch Solidarität. Britische Truppen kürzten ihre Rationen, um der Bevölkerung Lebensmittel abzugeben.

Fehler der Befreier und Probleme der Geschichtsschreibung

Verschwiegen werden nicht Fehler und problematische Entscheidungen von Freunden und Verbündeten, zum Beispiel, dass die Alliierten von 1942 bis 1944 ein Fünftel ihrer Bombenlast, circa 550.000 Tonnen, über Frankreich abwarfen, denen 50.000 bis 70.000 Menschen zum Opfer fielen, allein in der Normandie 12.000. Übergriffe und Vergewaltigungen von »Freunden» werden nicht vertuscht, sondern mit der salomonischen Formel beschieden: »Diese Gewaltakte sind nicht von sämtlichen Gewaltakten zu trennen, die in den Einsatzgebieten des Zweiten Weltkrieges verübt wurden». Alles verständlich? Nichtsdestotrotz finden sich im Begleitheft noch immer ein paar magere Zeilen über die Leiden der Zivilisten an der Ostfront. Zitiert wird der Historiker Jochen Böhler vom Imre Kertesz Kolleg an der Universität Jena mit Repressalien der »Russen» gegen die deutsche Zivilbevölkerung durch Plünderung, Brandschatzung und Vergewaltigung von 100.000 Frauen in Berlin mit Duldung der sowjetischen Kommandeure. Der Hinweis auf Grausamkeiten der deutschen Invasoren an der sowjetischen Bevölkerung sowie auf eine Million verhungerter Leningrader macht es nicht besser.

Die offiziöse französische Geschichtsschreibung hat ein Problem – das Problem des Antisowjetismus. Die sowjetischen und die unterjochten Völker Europas waren schicksalhaft miteinander verbunden. Die Okkupation konnte nur durch die Bezwingung des gemeinsamen Feindes überwunden werden. Die Eröffnung der Zweiten Front war nicht weniger wichtig als die Wende in der Schlacht bei Stalingrad. Im Museum aber findet sich darauf kein Hinweis als in den Blättern der Resistance. Begreiflich ist, dass den Franzosen die Landung in der Normandie und die anschließende Befreiung von Paris näher im Gedächtnis ist als der Verlauf des Krieges im Osten. Doch die Erinnerungskultur ist sichtlich überschattet vom Kalten Krieg, in dem der Anteil der Sowjetunion bei der Zerschlagung des deutschen Faschismus deutlich unterbelichtet bleibt. Die politischen Beziehungen wirken oft peinlich. Warum lässt es sich der Präsident der Siegernation Frankreich verbieten, mit dem Präsidenten der Siegernation Russland zu sprechen?

Ein Antikriegsmuseum

Indem das Museum in Falaise dem Leben der Zivilbevölkerung im Kriege gewidmet ist, hat es eine Einmalstellung unter Tausenden Museen in aller Welt über Ereignisse im Zweiten Weltkrieg. Es hinterlässt den bleibenden Eindruck eines Antikriegsmuseums.

Am Ende des Rundgangs werden die zivilen Opfer des Zweiten Weltkrieges in der ganzen Welt dargestellt. Es waren 35 Millionen, darunter in der Sowjetunion 16 Millionen, in China zwischen 12 und 17 Millionen, in Polen zwischen 4,2 und 5,5 Millionen, in Jugoslawien zwischen 600.000 und 1,3 Millionen in Deutschland (einschließlich des annektierten Österreich) 1,5 Millionen. Zu den Opfern zählen auch sechs Millionen Juden, darunter 1,4 Millionen Kinder. Mit 35 Millionen ist die Zahl der getöteten Zivilisten höher als die von 30 Millionen toter Soldaten. Dabei sind die Menschen, die vor Krieg und Gewalt geflohen sind, nicht erfasst. Bilder von französischen Zivilisten, die 1940 zu Millionen in Richtung Süden flohen, erinnern an diesenTeil der Tragödie.

Das Wissen um Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg könnte man von dem speziellen Dokumentationszentrum »Flucht, Vertreibung, Versöhnung» in Berlin erwarten. In dieser Frage erweist es sich jedoch als nicht aussagefähig. In seiner Dauerausstellung wird weitschweifig versucht, die Ursachen von Flucht und Zwangsmigration zu erklären. Schuld sind immer »kriegerische Konflikte», ohne die ökonomischen und politischen Kräfte zu ergründen, die sie betreiben. Die Binnenflucht-Bewegungen infolge der Nazi-Expansion in Europa werden in jener Schau nur bruchstückhaft beschrieben. Sonst müsste sie zum Beispiel die Millionen in die Flucht getriebener Menschen in Frankreich, Belgien, Griechenland und in der Sowjetunion nennen, auch, wie viele Tote es unter ihnen gab. Genau erfasst werden nur 14 Millionen geflohene und umgesiedelte Deutsche (von denen viele »Sieg Heil!» geschrien hatten). Von Binnen-Verlegungen in der Sowjetunion werden nur 2,5 Millionen Menschen erwähnt, die auf Stalins Befehl hin nach Mittelasien und nach Sibirien deportiert wurden, darunter 440.000 Wolgadeutsche.

Zurück zum Memorial in Falaise. Auf dem Rundgang zwingt ein großes Foto zum Stehenbleiben. Es zeigt eine verhärmte Frau in Holzpantinen, die einem alliierten Soldaten anklagend die Trümmer ihres Hauses zeigt. Das erinnert an Bertolt Brechts Ballade vom Weib und dem Soldaten: »Ihr vergeht wie der Rauch, und die Wärme geht auch / Und uns wärmen nicht eure Taten! / … / Sagte das Weib zum Soldaten».

Dies ist der Grundgedanke des Museums in Falaise: Auch wenn die Gerechtigkeit siegt, die Verlierer sind die kleinen Leute, mit leeren Händen in einem Trümmerhaufen. Ich wollte, diese Ausstellung würde in allen deutschen Städten gezeigt. Schüler und Lehrer, fahrt nicht nach Hohenschönhausen, fahrt nach Falaise.

Anmerkung:

Der Beitrag von Sigurd Schulze ist in kürzerer Fassung am 30. August 2021 unter dem Titel „Fahrt nach Falaise!“ in der Zeitung „junge Welt“ erschienen.

Anzeige