Sie haben es getan! Niedersachsen führt mit dem 31.10. einen neuen Feiertag ein

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Autokennzeichen aus Helmstedt an einem weißen Auto am Bahnhof Wolfsburg.
Ein Herz für Niedersachsen: Ein Herz aus Niedersachsen. Gesehen in Wolfsburg. © 2018, Foto/BU: Andreas Hagemoser

Berlin/ Hannover, Deutschland (Kulturexpresso). Neue Feiertage einzurichten, ist in der Bundesrepublik Deutschland gerade Mode. Das Land Berlin überlegt noch und beteiligt seine Bürger und die Presse an der Diskussion. Feiertag: ja, bitte, aber wann? Niedersachsen hat entschieden: in Zukunft gibt es jedes Jahr in diesem nördlichen Flächenstaat 9 Feiertage, statt 8. Man feiert die Reformation vom 31. Oktober 1517, die zur lutherischen Kirche führte, zu Evangelischen und Protestanten.

Manch anderer Teilstaat Deutschlands feiert den Reformationstag bereits. So das Bundesland Brandenburg. Zur Freude der Brandenburger, die gern Ende Oktober zum Einkaufen in die Hauptstadt fahren. Diese ist ganz vom ostdeutschen Brandenburg umschlossen, so dass der Zugang leicht fällt, zumindest seit Maueröffnung 1989.

8. März oder 17. Juni – welches wird der neue Berliner Feiertag?

Berlin will laut Regierendem Bürgermeister Müller auch einen Feiertag einführen. Der 8.3., 17.6. und 31.10. waren und sind im Gespräch. Gegen den 31. Oktober spricht, dass Berlin dann viele Einnahmen von den Shoppingtouristen aus Cottbus, Rheinsberg und Frankfurt an der Oder fehlten. Noch ist Berlin nicht schuldenfrei, obwohl trotz Zinszahlungen Schritte in die richtige Richtung unternommen wurden und die Zahl der Minus-Milliarden sinkt.

Für den 17. Juni spricht, dass dieser in den 70er und 80er Jahren bereits gesetzlicher Feiertag war – auch in Berlin (West) – und sich auf Ereignisse bezieht, die in Leipzig und der DDR, vor allem aber auch in Berlin passiert sind. Die Weltnetz-Enzyklopädie Wikipedia vermerkt im Artikel „Aufstand vom 17. Juni 1953“: „Der 17. Juni war von 1954 bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990 als „Tag der deutschen Einheit“ der Nationalfeiertag der Bundesrepublik Deutschland; er ist weiterhin Gedenktag.“

Der Reformationstag, der 2017 per Gesetz überraschend bundesweit dekretiert wurde – von einigen auch begangen – sollte einmalig so gefeiert werden. Läuft es jetzt so wie bei der PKW-Maut? Jahrelang stand sie außer Frage. Nach Einführung der LKW-Maut wurde eine eventuelle PKW-Maut dementiert und abgestritten. Niemand hatte die Absicht, eine PKW-Maut einzuführen. Und nun ist sie da.

Warum ein neuer, zusätzlicher Feiertag?

An alten Pfründen rütteln, trauen sich auch Politiker nur selten. Die bereits bestehenden gesetzlichen Feiertage in Niedersachsen und Berlin bleiben also.

Wie kommt es aber, dass plötzlich mehr oder weniger aus heiterem Himmel Feiertage „dazugebucht“ werden, werden sollen?

Ein Grund könnte das Ungleichgewicht innerhalb der föderalen Struktur Deutschlands sein. Der Freistaat Bayern feiert dreizehnmal. Trotzdem bietet Horst Seehofers Heimat neben dem Ländle die besten Wirtschaftsergebnisse Deutschlands. Obwohl weniger gearbeitet wird. Wie das?

Vielleicht denken sich die Landesregierungen in Hannover und Berlin: „Wir wollen mehr wirtschaftlichen Erfolg und mehr Steuereinnahmen. Bayern hat ihn – und viele Feiertage. Vielleicht besteht ein Zusammenhang? Lasst uns mit der Zahl der freien Tage gleichziehen, dann wird auch die Landeskasse gefüllt.“ So naiv sind wohl doch auch die Politiker nicht.

Feiertag statt Gehaltserhöhung?

Was ist dann der Grund? Vielleicht folgendes: Berlin laufen die fähigen Beamten weg. Spätestens seit der Flüchtlingswelle 2015 fehlen Lehrer, doch auch in der Polizei und an anderen Stellen, sogar in den Bezirksämtern hapert es. Auch Spitzenpositionen sind schlecht zu besetzen mit subdurchschnittlichen Gehaltsangeboten. Wer schon da ist, wandert ab. Freie Stellen können einfach nicht besetzt werden, zudem in der gegenwärtig wirtschaftlich guten Situation. Auf dem Arbeitsmarkt finden Unternehmer seit Monaten nicht mehr alle, die sie suchen.

Staatliche Institutionen geraten dadurch noch mehr ins Hintertreffen. Der Pillenknick wird sich bemerkbar machen. Die jetzt verrenteten Jahrgänge sind noch geburtenstark. Ab Jahrgang 1965 wendet sich das Blatt weiter. Dann wird es nicht „Fachkräftemangel“ heißen, sondern „Arbeitskräftemangel“. Allen opportunistischen Beteuerungen zum Trotz füllen Flüchtlinge nicht die Lücken. Zudem vor allem die Syrer bald zurückwollen; der Bürgerkrieg scheint so gut wie zu Ende. Weder sprachlich noch von der Qualifikation her wird im großen Maßstab ein Schuh daraus.

Aber schon heute muss die Verwaltung ihre Probleme lösen. Angleichung der Löhne an bayerische Verhältnisse ist unmöglich; gleichzeitig steigen die Berliner Mieten und es fehlt an allen Ecken und Enden Wohnraum, vor allem bezahlbarer. Der Neubau hinkt seit Jahren hinterher, nur Luxusobjekte werden stark angeboten. Die Vorzüge einer Hauptstadt allein ziehen nicht. Dann wenigstens Freizeitausgleich.

Was war die Reformation, nach der der neue Feiertag benannt ist?

Reiche und Religionen scheinen die Tendenz zu haben, sich im Laufe der Weltgeschichte immer weiter aufzuspalten. Syrien, der Irak und Saudi-Arabien – alles Teile des Osmanischen Reiches. Indien umfasste auch Pakistan und Bangladesh. Die Sowjetunion war mit Riesenabstand der größte Staat, gebar viele neue Staatenkinder vom Baltikum bis Mittelasien.

Der Islam erlebte ein Schisma, im Buddhismus gibt es ein großes und kleines Fahrzeug sowie Theravada. Der Hinduismus ist nur homogen, weil er seinen Gründer nicht kennt und sowieso in viele Splitter aufgespalten. Das Christentum kannte West- und Ostkirche. Doch 1517 war es mit der Einheit der Westkirche vorbei. Die Reformation oder „Erneuerung“ bis zum westfälischen Frieden von 1648, der den verheerenden Dreißigjährigen Krieg beendete, schuf streng genommen drei Konfessionen. Die alte Richtung hieß fortan katholisch, die neuen lutherisch und reformiert. Die heutigen Mitgliederzahlen lassen infragestellen, ob sich die Erneuerung überhaupt „gelohnt“ hat.

Weit über 1,2 Milliarden Katholiken gibt es, noch nicht mal ein Dreiviertel Hundert Millionen evangelische Christen lutherischer Prägung, von den Reformierten ganz zu schweigen. Sie datieren auf 1522 zurück. Ein Wurstessen während der Fastenzeit sollte die Nichtbefolgung menschlicher Gesetze repräsentieren. Die starke zahlenmäßige Ausbreitung der Katholiken ist vor allem der Mission und dem Kolonialismus geschuldet. Lateinamerika spricht portugiesisch und spanisch, denkt katholisch. Die Reformation spricht – grob zusammengefasst – deutsch. Auch in der Schweiz. (Die Hochburgen der Reformierten waren Zürich, Genf, die Kurpfalz und Schottland.)

Feiertag in deutschen Landen

Kein Wunder, dass man das Ereignis in deutschen Landen feiern will. Doch passt das in die Zeit? Die während des Nationalsozialismus eingeführte Kirchensteuer entbehrt mancherorts ihrer legalen Grundlage, müssen doch 55% Gläubige vorhanden sein. Viele Kirchen werden an andere Konfessionen verkauft oder entwidmet. Ausgerechnet jetzt neue gesetzliche, religiöse Feiertage? Wegen der Macht der runden Zahl? Das Dogma des Jubiläums, das auch die Briefmarkenausgaben der Deutschen Bundespost und Deutschlands fest im Griff hat?
Oder wird hier über den Kopf hinweg etwas entschieden, was bei einer Volksabstimmung keinen Bestand hätte? Oder wenn doch, so nur wegen des einen arbeitsfreien Tages?

Reformationstag 2017:

Freier Eintritt ins Cinemaxx 7 – Rosaana Velasco ante Portas! Kunst im Kino: „Breaking Religion – 500 Jahre Reformation“ in Berlin

Feiertagsbedarf?

Stalins Tod und die Folgen. Film „The Death of Stalin“ erhellt.- Gesammeltes Schweigen – gerät der 17. Juni in Vergessenheit? Brauchen wir wieder einen Feiertag?

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