Singen statt Weinen – The King’s Singers widmen sich dem Brexit und anderen gesellschaftspolitischen Themen

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The King`s Singers. © Copyright Rebecca Reid

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Am 9. April des Jahres 1968 wurde Martin Luther King zu Grabe getragen. Auf der Trauerfeier sang Mahalia Jackson die Hymne „If I can help somebody“. Nur ein paar Tage später taten sich auf der anderen Seite des Atlantik, im englischen Cambridge, sechs Gesangsstudenten des King’s College zu einer A-cappella-Gruppe zusammen. Sie nannten sich The King’s Singers. Seither kamen und gingen die Mitglieder. Aber der ursprünglichen Kombination aus jeweils zwei Countertenören und Baritonen, Tenor und Bass bleibt das Sextett seit mehr als fünf Jahrzehnten treu.

„If I can help somebody“ ist nun als schwermütige A-cappella-Version auf der neuen Platte der King’s Singers zu hören. Das Album, das am 7. Februar erscheint, trägt den programmatischen Titel „Finding Harmony“. Die King’s Singers wollen nichts Geringeres, als Menschen verschiedener Ansichten mittels Musik zu versöhnen. Die Platte erinnert an zahlreiche historische Episoden, in denen singend gegen Ungerechtigkeit gekämpft wurde. Luthers Choräle sind ebenso Thema wie die amerikanische Bürgerrechtsbewegung oder die „Singende Revolution“ in Estland.

Eine entsprechende musikalische Vielseitigkeit gehört quasi zur DNA der King’s Singers. Von Anfang an zeichnete sich das Ensemble durch ein breites Repertoire zwischen Renaissance und Neuer Musik aus, das sogar die U-Genres umfasst. Zunächst war das ein Alleinstellungsmerkmal. Kein anderes ernstzunehmendes Ensemble konnte man in den Siebzigern zur besten Sendezeit mit Pop-Songs im Fernsehen erleben.

Die aktuellen politischen Entwicklungen motivieren die King’s Singers nun zu stärkerem gesellschaftlichen Engagement. „Wir touren durch die ganze Welt und haben in vielen Ländern gesungen, wo Streit und Spaltung herrschen“, schreiben die sechs in einer Art Manifest auf ihrer Homepage. „Überall haben wir festgestellt, dass das gemeinsame Singen für Harmonie und Kraft unter allen Menschen sorgt – egal welche politischen Ansichten sie haben. Wir glauben, dass Gesang ein wirksames Mittel ist, um Menschen wieder miteinander ins Gespräch zu bringen.“

Nicht zuletzt treibt der Brexit-Prozess die Sänger um. Davon sind sie auch ganz persönlich betroffen. Die Organisation ihrer Konzertreisen wird in Zukunft nicht einfacher; auch wenn drei der Sänger einen EU-Zweitpass besitzen.

Eine unparteiische Bestandsaufnahme in Sachen Brexit ist „Lend us your voice“, ein Auftragswerk der Komponistin Freya Waley-Cohen, die der britischen Bevölkerung eine Stimme gibt. Der Song zitiert Menschen, die berichten, wie der Brexit-Prozess ihren Alltag und ihre Beziehungen beeinflusst.

„Der Brexit ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Die gesellschaftliche Spaltung verschärft sich in vielen Gegenden. Auch die Entwicklung in den USA bereitet uns natürlich Sorgen“, erzählt Jonathan Howard, der seit 2010 das Bass-Fundament der King’s Singers stellt. „Wir haben uns gefragt: Was können wir auf unserem Gebiet dagegen tun?“

Also belassen es die King’s Singers nicht beim Singen auf der Bühne. Sie sorgen auch ganz praktisch für Harmonie, indem sie etwa mit Gesangs-Ensembles in Krisenregionen arbeiten; zuletzt in China und im Kosovo. Zudem haben sie zwei Stiftungen gegründet, um die frohe Botschaft von der Kraft des Gesangs zu verbreiten. In diesem Rahmen bieten sie kostenlose Workshops an und arbeiten mit Randgruppen wie Häftlingen oder benachteiligten Kindern.

Das neue Album „Finding Harmony“ zeigt eine enorme Bandbreite; von mittelalterlicher Mehrstimmigkeit über amerikanischen Folk bis zu baltischen Liedern. Ganz im gemeinschaftsstiftenden Sinne hat die Gruppe hier mit verschiedenen Arrangeuren zusammen gearbeitet.

„Wir kombinieren Songs aus verschiedenen Epochen und Regionen, die Gemeinschaften vereint oder in Zeiten der Bedrohung von Sprache oder Kultur eine Identität gestiftet haben“, erläutert der Bass Jonathan Howard.

Die ältesten Klänge auf dem Album entstammen der archaischen Tradition georgischer Männerchöre, die inzwischen zum Weltkulturerbe zählt. Aufgenommen wurde aber auch Martin Luthers Choral „Ein feste Burg“, einst das Kampflied der Reformation.

Drei Songs erinnern an den afroamerikanischen Kampf um die Gleichberechtigung. Darunter der optimistische, munter schwingende Gospel-Song „This little light of mine“.

Als Nelson Mandela 1962 inhaftiert wurde, sangen seine Anhänger im Gerichtssaal eine alte Hymne in Xhosa-Sprache. Sie wurde zum Schlachtruf des ANC und dient heute als Nationalhymne Südafrikas. Das friedliche, abgeklärte Arrangement der King’s Singers stammt von Neo Muyanga, einem schwarzen Songwriter aus Kapstadt, dessen Protest-Lieder während der Apartheit verboten waren.

Die King’s Singers erinnern auch an die friedliche „Singende Revolution“, die sich in den frühen Neunzigern in Estland vollzog. Sie wählten jenes bekannte estnische Volkslied, das beim Laulupidu-Festival 1960 von sowjetischer Seite verboten wurde. Heute bildet es stets das Finale bei dem riesigen Chorfestival.

Einer der anrührendsten Momente auf dem Album ist der Song „Es träumen Vögel“, der nach einem Massaker an litauischen Juden 1943 entstand. Ein paar jüdische Kinder konnten fliehen. Sie vertrauten sich der Lehrerin Lea Rudnicka an, die aus den kindlichen Hoffnungen und Ängsten ein Wiegenlied schuf. Das Arrangement schrieb der britische Komponist Toby Young, dessen Vorfahren im Holocaust umkamen.

Im aktuellsten Beispiel geht es um das verheerende mexikanische Erdbeben von 2017. Damals sangen die freiwilligen Helfer, die nach Verschütteten suchten, ein altes mexikanisches Liebeslied. „Canta y no llores“, heißt es hier: „Sing, und weine nicht“.

Anmerkungen:

The King’s Singers – „Finding Harmony“ (Signum Records) vö. 7.2.2020.

Konzert am 20. März 2020 in der Frauenkirche Dresden.

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