Für immer Punkerin – Zur Autobiografie „Face it“ von Debbie Harry

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Debbie Harry, die wunderbare Frontfrau der New Yorker Band Blondie ist heute 74 Jahre alt und erinnert sich in ihrer eben erschienenen Biografie „Face it“ an vieles.

Geboren in New Jersey, erlebte das Adoptivkind Angela Trimble (so hieß die liebe Debbie einmal) eine konservative/langweilige Kindheit, bis sie Mitte der 60er Jahre das College abbrach und nach New York türmte.

Gute
Idee, Debbie. Es folgten schwere Jahre, schon auf den ersten Seiten
des Buches berichtet sie von Vergewaltigungen, Leben hieß kämpfen.
Und sie kämpfte wie Sau!

New York war damals ein Dorf, die wenigen progressiven Musiker und Künstler kannten einander, man teilte Sozialwohnungen, das CBGB (DER populäre Club der Punkszene), das Bier, die Betten und die Drogen.

Andy Warhol lief mit einer Polaroid herum und fand alles crazy und nice, indes Debbie bei verschiedenen Bandprojekten ihr Glück versuchte. Als sie Anfang der 70er Jahre endlich ihren Lebensmenschen/Künstler Chris Stein traf, nahm ihre Musikerinnenkarriere Fahrt auf.

Debbie
und die Band Blondie wurden die Vorreiter des Punk in New York und
entflammten mich in meiner Jugend durch gnadenlos feurige Musik.

Und natürlich durch Debbie, die Erscheinung am Mikrophon. Sie war betörend, wild, schön, frech, stylisch, sie sah unheimlich gut aus.

Fans und Medien nannten sie Barbarella des Heroins, Marilyn des Punk, Barbie des Feminismus, Johanna der Gosse, Mutter Teresa des Village…

Für immer Punk, Debbie war eine der Schärfsten und nahm mit, was das Leben ihr bot. 1979 hatten Blondie mit dem Sog Heart of Glass ihren internationalen Durchbruch.

Es folgte die immerwährende Party. In New York und auf der ganzen Welt waren Blondie plötzlich hip und füllten die Säle mit hysterischen Jugendlichen. Regelmäßig war die Hölle los, mitten im Auge des Popstarwahnsinns: Debbie Harry.

Da kann man schonmal den Überblick verlieren, was Geld, Drogen und das Leben in der Starblase sonst so mit sich bringt. Wenn dann auch noch ein falscher Manager und ein geldgieriger Plattenkonzern bestimmen, wo es langgeht, wird es irgendwann kompliziert.

Ich will machen was ich will!

Nö, den Stil von Blondie bestimmen wir, es soll sich ja verkaufen!

Steuern, was ist das? Ich lebe im hier und jetzt und denk nicht an morgen. Diese alte Schlagerweisheit traf auch auf Blondie zu.

Mitte der 80er waren Blondie klinisch tot. Heillos zerstritten, von ihrer Plattenfirma gedemütigt, vom Heroin außer Gefecht gesetzt. Debbie trat als Solokünstlerin auf und hatte ihren Spaß. Sie machte Mode, bereicherte diverse Filme mit ihrer Anwesenheit (u.a. „Hairspray“ von John Waters) und gab ihrem Affen Zucker.

1997
meldeten sich Blondie plötzlich mit ihrem 7. Album zurück. Seitdem
touren sie regelmäßig um die Welt, erfreuen sich an Ehrungen aller
Art, gehen früh ins Bett und stehen auf Vitaminsaft. Politisch ist
Debbie knorke drauf, Trump ist ein Arsch, sie setzt sich für Natur
und Umwelt ein. Mittlerweile lebt sie auf dem Land und hat mit ihren
Kötern Spaß, was man halt so macht mit 74.

Das und noch viel mehr steht in ihrem Buch. Nach hinten raus ist die Autobiografie ein wenig schwachbrüstig, auch weil Debbie ihr Leben in den Griff bekam und fortan weniger Punk stattfand.

Doch wer einmal der Musik von Blondie und the personal Debbie in den Achtzigern erlag, wird dieses Buch, angereichert mit unzähligen Debbie Harry Portraits (Fotos, Zeichnungen, Gemälde), verschlingen wie ein herrlich blutiges Pfeffersteak.

Bibliographische Angaben

Debbie Harry, Face it, Die Autobiografie, 432 Seiten, durchgehend farbig illustriert, Übersetzung: Harriet Fricke, Hardcover, Pappband, Format: 13,5 cm x 21,5 cm, Verlag: Heyne, München, 14.10.2019, ISBN: 978-3-453-2716-23, Preis: 25 EUR (Deutschland), 25,70 EUR (Österreich), 35,90 SFr




Bruno Schrep erzählt in 17 Episoden über das Dasein in der BRD – Zum Buch „Nachts ist jeder ein Feind“

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Nein, einen Feindblick hat der Autor des 2019 im Verlag Hirzel erschienen Buches „Nachts ist jeder ein Feind – Wahre Geschichten“ aus der Bundesrepublik Deutschland (BRD) nicht, eher schon einen Überblick, aber hat er auch einen Durchblick?

Der Autor heißt Bruno Schrep. Er sei laut Verlag „1945 in Wiesbaden geboren“ worden und „absolvierte eine Banklehre, bevor er 1996 beim ‚Spiegel‘ als Reporter in der Deutschland-Redaktion anfing. Seine journalistische Arbeit wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, darunter 2006 mit dem Erich-Klabunde-Preis des Deutschen Journalisten-Verbandes Hamburg. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählen ‚Alle meine Rosen sind blau‘ (2001), ‚Jenseits der Norm‘ (2004) und ‚Vor unser aller Augen‘ (2013).“

Journalistisch schreiben und erzählen sollte er also können und das im Rahmen der politischen Korrektheit. In den 17 Episoden über das Dasein in der BRD erzählt er, was er verstanden zu haben meint, recht anschaulich. Kritik lässt er in der Regel weg.

Das greift der Verlag weder auf noch an, teilt aber mit: „Manchmal genügt ein Augenblick, um einen Menschen aus seinem normalen Leben zu reißen und in Verzweiflung zu stürzen. Ein Gerücht kann alle Pläne zunichtemachen – etwa der Vorwurf, Kinder misshandelt zu haben. Schicksalsschläge können jede Familie treffen: wenn die Tochter erfährt, dass die Eltern, bei denen sie aufgewachsen ist, nicht ihre leiblichen Eltern sind, oder wenn die Großmutter im Pflegeheim leidet. Ein Unfall kann nicht nur das Opfer vernichten, sondern auch dem Verursacher schwer zu schaffen machen. Eine trostlose Umgebung, die keine Perspektiven bietet, oder enttäuschte Hoffnungen können aus jungen Leuten Kriminelle machen oder sie in die Drogenabhängigkeit treiben. Solche Tragödien kommen überall vor; ihre Hintergründe beschreibt Bruno Schrep als genauer Beobachter.“

Vermutlich würde Schrep auch als teilnehmender Beobachter in der Migrantenmetropole Hamburg das große Ganze und seine Geschichte nicht nur in Bezug auf die Hintergründen nicht begreifen und also nicht beziehungsweise falsch erzählen. Andererseits wird wohl gerade dort der Abstand zum Gegenstand und die nüchterne Betrachtungsweise geschätzt.

Darauf eine Flasche Bolschewikenwasser!

Bibliographische Angaben

Bruno Schrep, Nachts ist jeder ein Feind, Wahre Geschichten, 187 Seiten, 8 s/w Abbildungen, Taschenbuch, Verlag: Hirzel, 1. Auflage, Stuttgart, 2019, ISBN 978-3-7776-2800-4, Preis: 19,80 EUR (BRD)




Tochter-Vater-Komplikation mit terroristischer Blümchendecke – Zum Buch „Im Untergrund“ von Patrizia Schlosser

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Seit etlichen Jahren überfallen nach Ansicht der deutschen Sicherheitsbehörden drei RAF-Rentner Geldtransporter, um sich damit ihren Lebensabend zu verschönen. Werder Polizei, noch diversen Geheimdiensten ist es bisher gelungen, der Killeroma und ihren zwei Knechten auf die Spur zu kommen. Ist das nicht komisch? Drei Namen schwirren durch die Lande. Mindestens drei Menschen, die Deutschland die lange Nase zeigen und dem deutschen Michel den Glauben an den Weihnachtsmann nehmen. Denn wer, wenn nicht der Weihnachtsmann kümmert sich um seine brave Menschenherde, dass sie ein Dach über dem Kopf hat, wenn die bösen Mächte wirken, und eine Bemme mit Wurst zum Frühstück, schließlich leben wir ja in Mitteeuropa.

Die mindestens drei Rentner beschäftigen aber nicht nur die Schupo, sondern auch Hirne diverser braver und weniger braver Mitbürger abseits des Apparats. Nehmen wir zum Beispiel die Patrizia und ihren Papi.

Ein
nicht sonderlich heller Expolizist, dessen Glaube in die Urgewalt des
Staates und seiner Gesetze unerschütterlich ist, trifft auf eine
naiv-nachdenkliche Tochter, die sich über ihren Vater und dessen
passiver Teilnahme am Münchner Terrordebakel 1972 der deutschen
Geschichte annähert.

Papi
hatte beim Flughafenmassaker den Popo von FJS im Gesicht und schleppt
seither nach guter alter Tradition sein Päckchen allein durch die
Welt. Never ever wollte er jemals reden über das Grauen, das er 1972
aktiv erleben musste.

Patrizia
hat eine dunkle Ahnung und ist ansonsten der Ansicht, dass aus
journalistischen Gründen usw. die deutsche Öffentlichkeit unbedingt
die Geschichte erfahren solle.

Welche
nochmal. Na… die der RAF-Rentner… oder die der RAF… oder die
ihres Vaters… also ihre…unsere… global.

Global gesehen ist bestimmt alles irgendwie verflochten. Patrizia hat zu Hause ein großes Poster von Hannah Arendt hängen, das muss als Erklärung reichen.

Munter macht sich Patrizia, mal mit, mal ohne Vati auf dem Weg, um den RAF-Rentnern irgendwie auf die Schliche zu kommen. Sie trifft Expolizisten, Exzeugen, Exunterstützer, diverse Exe und Exinnen, die ihr nichts neues, bzw. gar nichts erzählen. Leider, leider kommt sie den RAF-Rentnern nicht auf die Schliche, somit bleibt alles im Nebel der Geschichte verborgen. Zu allem Übel warnt auf indymedia ein pfiffiger Greis, der über die 80er Jahre wacht, vor der Patrizia und ihrem schlimmen Lockangeboten. Slapstick pur, unbedingt lesen: http://political-prisoners.net/items/item/5298-informationen-zu-der-journalistin-patricia-schlosser.html

So weit so gut. Aber Vati ist noch da, dessen Trauma, journalistisch betrachtet, wertvoll sein könnte. Für die Öffentlichkeit usw.

Den Rest könnt ihr euch denken. Wenn nein: unweit von Israel kommt es zum familiären Showdown. Vati bricht endlich sein Schweigen und erzählt von der Nacht auf dem Flughafen. Roter Stern aufs Cover, RAF in den Titel, wird schon, Amen.

Bibliographische Angaben

Patrizia Schlosser, Im Untergrund, Der Arsch von Franz Josef Strauß, die RAF, mein Vater und ich, 256 Seiten, Verlag: Hoffmann und Campe, 1. Auflage, Hamburg, 4.9.2019, ISBN: 3-455-00649-0, Preis: 18 EUR (Deutschland), 18,50 EUR (Österreich), 24,50 SFr




Bocksprünge auf dem Colorado River, Hockstrecksprünge im Grand Canyon – Annotation zum Buch „Die Erforschung des Colorado Rivers und des Grand Canyons“ von John Wesley Powell

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Sommerzeit = Reisezeit, Winterzeit = Lesezeit. Haltet euch an diesen wohlgemeinten Ratschlag und das Leben zeigt sich von seiner schönen Seite. Aktuell empfehle ich für den Winter „Die Erforschung des Colorado Rivers und des Grand Canyons“ von John Wesley Powell und Mitarbeitern. Diese Herren entführen uns in die USA des Jahres 1869. Kein widerlicher Trump trübte die Stimmung, indes natürlich einige andere finstre Gestalten der Geschichte ihr Unwesen trieben.

Powell hat den Auftrag, den Colorado und den Canyon zu vermessen. Das tut er mit Bravour und lässt uns, neu übersetzt von Niels-Arne Münch, daran teilhaben.

Die anfangs fast tollpatschig agierenden Männer lernen schnell die Tücken der Kanufahrerei kennen, fallen ein paarmal ins Wasser, um dann umso beherzter die Stromschnellen zu überstehen. Jux und Dollerei kommen im knorke gedichteten Text nicht zu kurz, die ein oder andere Statistik wurde fix überlesen, umso dramatischer lesen sich die Klettertouren mit schwerem Gepäck, wenn finstre Mächte einen Umweg über Land fordern.

Ein feines Buch für Couchabenteurer und richtige Kanubiester, die den Gewässern weltweit ihre Referenz erweisen.

Bibliographische Angaben

John Wesley Powell, Die Erforschung des Colorado Rivers und des Grand Canyons, 450 Seiten, Übersetzer: Niels-Arne Münch, zahlr. s/w Abbildungen und 4 Karten, Leinen mit Schutzumschlag, Lesebändchen, Format: 13 cm x 21 cm, Verlag: Edition Erdmann ein Imprint von Verlagshaus Römerweg, Wiesbaden 2015, ISBN: 3-737-40011-4, Preis: 24 EUR (D)




Lange Anna, Lorely und mehr im Wandkalender „Deutschlandreise 2020“ mit Fotografien von Berthold Steinhilber

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der Achtundsechziger Berthold Steinhilber, also 1968 geboren und zwar in Tübingen, ist hauptberuflich Fotograf. Er fotografiere nach eigenen Angaben „für Magazine, Unternehmen und Agenturen im In- und Ausland“ und zwar vor allem Landschaften.

Ein Dutzend seiner Landschaftsaufnahmen aus der heutigen Bundesrepublik Deutschland befinden sich im Wandkalender Deutschlandreise 2020 aus der Kölner DuMont Kalenderverlag GmbH & Co KG.

Rückseite des großen Wandkalenders „Deutschlandreise 2020“. © DuMont Kalenderverlag GmbH & Co KG

Die ausgewählten Motive zeigen die Lange Anna, das Wahrzeichen der Hochseeinsel Helgoland, von dem auch noch roter Buntsandstein und davor beachtlich blaue Nordsee zu sehen ist, das Wattenmeer, also mehr Watt als Meer, die Lorely und recht viel Rhein davor, den Oderbruch unter dunklen Wolken, die Tief über der Flusslandschaft hängen, einen typisch runden See in der Eifel, ein Stück Lüneburger Heide ohne Schnucke, ein Bootshaus im Walchensee, die Gracht von Friedrichstadt in Schleswig-Holstein, Füssen, Regensburg oder Schloss Sigmaringen, schneebestäubt und mit aufgestauter Donau.

Bibliographische Angaben

Berthold Steinhilber/Agentur laif, Deutschlandreise 2020, Wandkalender mit den wichtigsten Feiertagen, Format: 58,4 cm Breite x 48,5 cm Höhe, Spiralbindung, gedruckt in Deutschland, Verlag: DuMont Kalenderverlag GmbH & Co KG, Köln 2019, ISBN: 9783832044220, Preis: 30 EUR




Biertrinken, Mörder jagen, Koksen, durch den Glasgower Regen laufen – Annotation zum Kriminalroman „Tod im Februar“ von Alan Parks

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Hin und wieder packt es mich im feuchtkalten Herbst und ich nehme mir einen Kriminalroman zur Hand. Regelmäßig hoffe ich dabei, vom Finale nicht zerschmettert zu werden, weil es für mich nichts Schlimmeres als ein alles erklärendes Ende gibt.

Manchmal habe ich Glück und treffe auf einen besonderen Kriminalroman. „Tod im Februar“ ist so ein Fall.

Februar
1973. Ein Spieler von Celtic Glasgow wird tot im 14. Stock eines im
Bau befindlichen Bürogebäudes aufgefunden. Sein Mörder hat eine
blutige Nachricht hinterlassen, eingeritzt in die Brust des Opfers.
Detektive Harry McCoys erster Tag zurück im Dienst könnte
schrecklicher nicht sein.

Der
Kicker ist das erste Opfer eines ordentlich verrückten Herrn, der
Glasgow in heimsucht. McCoy wird schnell in seine üble Vergangenheit
torpediert. Er ist in Waisenhäusern aufgewachsen und erlebte dort
Vergewaltigungen und Gewalt durch einige besonders katholische
Dreckskerle der guten Gesellschaft. Hier traf er auch seien
Lebensmenschen Cooper, der seither als eine Art böser Zwilling neben
ihm existiert.

Im
ersten Teil der Buchreihe hatte er es wohl mit einem fiesen
Verbrecher zu tun, der ihm fast das Lebenslicht ausgeblasen hätte.
Nur durch den selbstlosen Einsatz seines Kumpels, des Zuhälters
Cooper, überlebte der Detektive.

Wenn
es nicht regnet, schneit es in Glasgow und die Schaffellmäntel
liegen über der Heizung. Man kann sie förmlich riechen, wie den
Schmutz, die abgestandenen Teebecher und die Verzweiflung, die MCCoy
umhüllt als stetiger Nebel des Grauens.

Dichte
Story, überzeugende Schreibe, vom Leben gefickte Helden mit
menschlichem Antlitz, komplizierte Bösewichter.

„Tod im Februar“ ist aus dem schottischen Englisch genial übersetzt von Conny Lösch, die über reichlich Übersetzerinnenerfahrung im Metier verfügt. Starker Roman, dämlicher Buchtitel, ich bin gespannt auf das nächste Abenteuer.

Lesenswerte Krimi, um die aufkommende Weihnachtswut zu dimmen, liebe Leserin siehe, anderen geht es viel schlechter als dir.

Bibliographische Angaben

Alan Parks, Tod im Februar, Kriminalroman, Band 2, Reihe: Die Harry McCoy-Serie, Band 2, 432 Seiten, Übersetzerin: Conny Lösch, Format: 13,5 x 20,6 cm, Klappenbroschur, Verlag: Heyne Hardcore, München, 28.10.2019, ISBN: 978-3-453-2719-82, Preis: 16 EUR (D), 16,50 EUR (A), 22,90 SFr




Schwarzer Hals und schiefe Nase – Daniel Krause als Punkboy in GDR

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Ich muss zugegeben, dass mich die derzeitige Tätigkeit des Autors erst ein wenig abschreckte. Er ist aktuell ein Reality-Sternchen bei RTL II. Aber man soll ja immer schön locker bleiben. Und außerdem ist Punk für alle da, auch für Erich Honekka.

Ein
neues Buch über den Ostpunk also. Muss das sein? Ja. Weil man in
Meister Krauses Erinnerungswerk (plus zwei Handvoll Fotografien) ein
wirklich erzählenswertes Leben in der DDR geboten bekommt. Das Buch
setzt Mitte der 80er Jahre ein und torpediert uns nach Ostberlin, als
es für Punks seitens der Staatsmacht nicht mehr so brutal zuging,
wie Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre.

Der
junge Daniel hatte sich mit Adolar sozialisiert, dem ungarischen
Jungen, der jeden Sonntag im Fernsehen der DDR mit Köter und
aufblasbarem Raumschiff das Weltall, also den Kosmos, erkundete und
allerhand Unfug mit Marsmenschen, fiesen Robotern und merkwürdigen
Astralviechern anstellte.

Am
Stadtrand aufgewachsen, trieb es Daniel immer mehr ins Zentrum
Ostberlins, bis er am Alex und am Fernsehturm landete, schon damals
der Treffpunkt der Zonenpunks. Seine Eltern waren sehr tolerant und
ließen ihren Buben mit gefärbten Haaren, zerrissenen Klamotten und
allerhand Tand behangen, durch die Gegend stiefeln. Neben sich immer
sein bester Kumpel Sven, ein Außenseiter wie er:

Im
zweiten Schritt kamen unsere Pullover und T-Shirts an die Reihe.
Denen wurden die Ärmel gekappt und ebenfalls individuelle Designs
mit Lack und Filzstiften verpasst. Dann kamen die Haare. Waren sie
vorher nur wirr und strubbelig gewesen, wurden sie jetzt mit
Privileg-Rasiercreme hochtoupiert und mit Tusche rot gefärbt.“

Sehr
löblich, obgleich das seinerzeit die Bonzen und ihre Knechte
naturgemäß anders sahen. Ärger ließ nicht lange auf sich warten.
Scheissegal. Die zwei waren jung, wollten ihren Spaß und nahmen ihn
sich.

Schön
punkig aufgebrezelt konnte man sich sehen lassen. Die Frage war nur:
WO? In den Arbeiterkneipen gabs gleich aufs Maul, bei der FDJ riefen
sie den Friseur. Wohin… Na, innen Plänti, den Plänterwald. Und
auf die Insel der Jugend! Nach und nach erobern sich die frisch
geschlüpften Punks die Stadt und lernen andere junge Außenseiter
kennen.

Das Buch beginnt mit dem Davie-Bowie-Konzert am Brandenburger Tor, wo die Punker seitens der VoPo ordentlich Dresche beziehen und zum ersten Mal den Satz: „Die Mauer muss weg“ hören.

Das
Finale ist auch nicht ohne. Wegen Nichts landet der jugendliche Held
im Knast und muss neun Monate im Kerker schmoren. Wie bitter.

Das
Buch ist zu empfehlen, weil es zwischen lustig dargestellten
Jugendszenen in der DDR, auch von Repressalien gegen Andersdenkende
handelt, die ohne politisch sein zu wollen, zu Staatsfeinden gemacht
werden. Frei nach dem Motto: Warum nicht auf einen Spatzen mit nem
Panzer anlegen, könnte ja mal ein Elefant werden.

Passt jut zu Jubiläum!

Bibliographische Angaben

Daniel Krause, Freiheit unterm Ladentisch, Mein Leben als Punk in der DDR, 208 Seiten, weicher, flexibler Einband, Verlag: Riva, München, September 2019, ISBN: 978-3742310125, Preis: 14,99 EUR (D)




Die Aufzeichnungen eines Mitglieds des Sonderkommandos in Auschwitz – Zum Buch „Die Zertrennung“ von Salmen Gradowski

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Der polnische Jude Salmen Gradowski war Mitglied des Sonderkommandos in Auschwitz. Bei Suhrkamp erschienen jüngst seine Aufzeichnungen, die er heimlich erstellte und später auf dem Lagergelände versteckte, um die Nachwelt auf die Verbrechen der deutschen Nazis aufmerksam zu machen. Das taten auch weitere Mitglieder des Sonderkommandos, die meisten ihrer Zeugnisse gingen aber verloren.

„Komm,
mein Freund, heute muss ein Transport kommen, lass uns hinausgehen
auf den Weg, der zum Lager führt, komm, stellen wir uns an eine
Seite, um das gräuliche, schauerliche Bild besser beobachten zu
können.“

Gradowskis
erschütternder Text blieb durch Zufall erhalten, bzw. wurde
wiederentdeckt und nun veröffentlicht. Er zeichnet schreckliche
Bilder von Massenmord und wahnsinnigem Leid, der Text ist nur in
Etappen lesbar, weil es einfach zu viel des Bösen ist, was Gradowski
beschreibt.

Gradowski
war in Auschwitz bis zum Aufstand 1944 als sogenannter „Arbeitsjude“
eingeteilt und musste Hilfsaufgaben
übernehmen, das Zyklon B in die Gaskammern einwerfen oder die
Kleidung und Körper der Leichen nach Wertgegenständen absuchen.

Am
7.10. kommt es zum Aufstand, bei dem Gradowksi stirbt.

„Der erste, unvollständige Teil von Gradowskis Aufzeichnungen, in einer Flasche versteckt, wurde 1945 auf dem Gelände des Vernichtungslagers Birkenau von Soldaten der Roten Armee gefunden und 1969 in Warschau erstmals veröffentlicht. Den zweiten Teil – in einer Dose versteckt – verkaufte ein polnischer Finder dem in Auschwitz lebenden Chaim Wollnerman, der 1947 nach Palästina auswanderte und das Zeugnis erst 1977 im Privatdruck veröffentlichte. Sämtliche Texte Gradowskis erscheinen hier erstmals vollständig in deutscher Übersetzung“.

Bibliographische Angaben

Salmen Gradowski, Die Zertrennung, Aufzeichnungen eines Mitglieds des Sonderkommandos, 354 Seiten, herausgegeben von Aurélia Kalisky, aus dem Jiddischen und mit einem Nachwort von Almut Seiffert und Miriam Trinh, gebunden, Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Berlin, 28.10.2019, ISBN: 3-633-54280-2, Preis: 25 EUR (D), 25,70 EUR (A), 35,50 SFr, auch als elektronisches Buch erhältlich.




Mit beste Deniz Vonnewelt im Türkenknast – Annotation zum Buch „Agentterrorist. Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie“ von Deniz Yücel

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Keinem Menschen, egal wo und mit welcher Hautfarbe ausgestattet, wünsche ich, was „Beste Deniz“ ein Jahr Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr. 9 erleiden musste.

Journalisten können manchmal überheblich, nassforsch und besserwisserisch sein, auch ab und an einen unnötigen Satz herbeizaubern, das gibt trotzdem keinen Politiker das Recht, sie für lange Zeit wegzusperren.

Deniz Yücel ist das passiert. Und allein diese Tatsache gibt ihm jedes Recht der Welt, die Geschehnisse festzuhalten. Es ist keine große Literatur, es ist solide journalistische Schreibe, die sich an Fakten orientiert und sich in Sachen Flapsigkeit zurückhält.

Eingesperrt
zu sein ist die Hölle, auch wenn DY an Bücher, Zeitungen und
Informationen rankam, Mitleid ist mein dritter Vorname, ich hoffe DY
kommt schnell auf die Beine.

Sein Erinnerungswerk wendet sich an türkische Leser und alle Menschen, denen Solidarität wichtig ist. DY gab im Knast nie auf, er behielt seine Würde, ein berührendes Buch mit Happy End.

Bibliographische Angaben

Deniz Yücel, Agentterrorist. Eine Geschichte über Freiheit und Freundschaft, Demokratie und Nichtsodemokratie, 400 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Verlag: Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2019, ISBN: 978-3-462-05278-7, Preis: 22 EUR (D), 22,70 EUR (A)




Geil wie Goks oder „erotische Erlebnisse und Abenteuer eines alleinstehenden Mannes“ – Zum Roman „Fleischeslust“ von Lothar Zoller

Berlin, Deutschland (Kulturexpresso). Selten ist ein Vorwort so anders, das es als Besonderheit beachtenswert wäre. Dieses von Lothar Zoller in dessen Roman „Fleischeslust“ ist es.

Der einstige herausragende Kufenkurver und also Eishockeyspieler, der für die Nationalmannschaft der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) spielte, und Sportjournalist war, einer der bekanntesten der DDR, der sich mit seiner Autobiografie „Reporterglück. Ein Journalistenleben“ kurz vor seinem 80. Geburtstag in Erinnerung rief und mit seiner Bilanz, die er zog, bis heute blieb, hält im Vorwort fest: „Mögliche Übereinstimmungen mit eigenem Erleben sind zwar durch einen absichtlich bewussten Zufall provoziert und speziell, aber keineswegs eine Herausforderung!

Ähnlichkeiten bewegen sich jedoch im Rahmen der Unvermeidlichkeit und im Bereich spekulierter Illusionen. Die menschlichen Regungen in diesem Roman entsprechen nicht allein der Fantasie des Autors, der allerdings bei seinen Lesern, nach besonders kühnen Zeilenpassagen, nicht unbedingt eine Nachahmung und damit die ‚Fleischeslust‘ verdrängen möchte!

Nur die Namen sind frei erfunden! Außer Alber, Walter, Gustav, die stehen zu Ehren meines Vaters und meiner Großväter!“

Und sie stehen auf der ersten Umschlagseite ganz oben: Lothar Albert Walter Gustav Zoller.

Dann folgt der 380 Seiten umfassende Roman „Fleischeslust“, der „die erotischen Erlebnisse und Abenteuer eines alleinstehenden Mannes“ schildert und „durch die Systeme unserer Gegenwart“ führt.

Weiter im Text der letzten Umschlagseite: „Die Hauptfigur der spannenden Geschichte wird aufgrund seines unwiderstehlichen Westens, seines interessanten Auftretens und seiner umwerfenden Potenz zum begehrten Frauenliebling. Dabei wird der Leser mit den intimsten Begegnungen zwischen den Geschlechtern in ihrer ganzen Natürlichkeit vertraut gemacht.“

Besser kann man das auch nicht formulieren, nur anders. Zollers Roman bietet nicht nur rote Ohren, sondern auch Unterhaltung für Schmunzelmonster, Groß und Klein, Jung und Alt. In gewisser Weise ist Zollers Werk auch Sozial- und Gesellschaftskritik, denn er spart das Leben in einer Gesellschaft der Ware und des Spektakelts nicht aus.

„In aller Frische!“, wohlgemerkt.

Bibliographische Angaben

Lothar Zoller, Fleischeslust oder Donjuanesk, Roman, 380 Seiten, Taschenbuch, Verlag: Tredition, 2017, ISBN: 975-3-7345-7918-9, Preis: 14,99 EUR (D)

Anmerkung:

Siehe auch den Beitrag Annotation zur Autobiografie „Reporterglück. Ein Journalistenleben“ von Lothar Zoller von Ralf-Rüdiger Okudera, der am 17. Februar 2013 im WELTEXPRESS veröffentlicht wurde.